zuletzt ganz finster, die Nacht hielt mich dicht umarmt in ihre Schleier gehüllt. Da fuhr der Stoss einer kreuzenden Luftschicht, wie ein langer weisser Strahl in den aufgetürmten Knäuel, und, als sollten Himmel und Erde untergehen, so fasste und riss ein Wirbelwind, der die Welt aus ihren Fugen zu reissen Miene machte, in das Gewölk. Ein Augenblick noch, und die gährenden Stoffe stürzten krachend und schäumend unter Donner und Blitz und Wogenströmen in die Tiefen hinab, über mir ward es hell wie in einer azurnen Kugel. Ich blickte überrascht und sprachlos um mich. Die majestätische Gewalt dieses Vorganges fesselte mich unverrückt auf demselben Fleck. Doch, ich dachte an Emma, und arbeitete mich nun durch das Unwetter, das vor mir herging, hindurch, zu der Stelle, wo ich sie gelassen hatte. Sie war nicht mehr dort. Ihre Träger kamen mir indess, durch sie abgeschickt, bereits entgegen. Ich erfuhr, dass eine nahe Hütte ihr Obdach gebe, und eilte nun dahin. Es stürmte und regnete noch in einem fort. Sie flog mir in die arme. Der Gedanke, dass die zerstörende Macht der Elemente uns plötzlich hier am Eingange eines neuen Lebens hätte trennen können, erschütterte mich unwillkührlich. Ich war bewegt, und zeigte es ihr. Sie sah mich mit ihrem stillen, festen Blicke an. "Ich wusste es wohl," sagte sie, "dass Dir nichts begegnen würde." "Bist Du so zuversichtlich?" entgegnete ich, vielleicht ein wenig kühler als zuvor. "Ich bin es nur in einer Art," versicherte sie mit abgewandtem Gesicht, indem sie, ohne weiter etwas hinzuzusetzen, an das kleine Hüttenfensterchen trat. Ich folgte ihr dahin. Das Gewitter zog immer tiefer abwärts. Die jenseitige Bergwand färbte sich schon wieder im rötlichen Licht der Abendsonne, ein feiner Sprühregen flimmerte silbern zwischen den Steinen. Eine Heerde weisser Ziegen und buntgefleckter Kühe zog einzeln und lautlos vorüber. Der junge Hirtenknabe folgte ihnen, sein Liedchen pfeifend. "Sieh," rief Emma, mit einem Lächeln, das an Corregio und seine Bilderwelt erinnerte. "Sieh, wie schnell Gott den wilden Aufruhr gestillt hat. Die Sonnenlichter drüben gehen wie seine Friedensboten über die Berge." Ich bemerkte, indem sie sprach, ein kleines silbernes Cruzifix, das sie sonst verborgen an einer Schnur um den Hals trägt, über ihre gefaltenen hände herabhängen. Gewiss hatte sie, in der Angst ihrer Seele, ihre Zuflucht dazu genommen.
Ein jeder hat seine Art, dachte ich, und liess sie. Doch erwiderte ich: "Hier ist Ruhe und Ordnung, allein dort oben war es, als rolle der feurige Wagen des zornigen Gottes der Israeliten auf den Wolkenbergen hin, und schleudere seine Wetter auf die Erde. Nichts," fuhr ich fort, "füllt meine Brust mit so heiligen Schauern göttlicher Erhabenheit, als die grossen Erscheinungen der natur. Das sind lebendige Symbole. Sie reden mit andern Zungen, als tote Bilder."
"Die natur ist auch ein todtes Bild," meinte sie, "ohne das Leben in dem Glauben des Christen."
Ich lächelte. Sie war ernst geworden. Zum erstenmale sah ich den Schatten einer Wolke auf ihrer Stirne. Sie sagte nichts. Aber es war ganz klar, ich hatte ihr wehe getan. Es wird gewiss nie wieder geschehen. Aber da siehst Du, es sind immer nur Formen, die zwischen die Herzen treten. Das ist der Fluch der Menschheit!
Lebe wohl, Heinrich! Was hilft so eine Ausflucht in die Weite! Man muss doch wieder in die gezogenen Schranken zurück.
Nun! ich komme auch zurück. Bald bin ich wieder heimisch unter den Meinigen. – Den M e i n i g e n ? Wer sind sie? Man hat eine besondere Gewohnheitssprache, ohne viel darüber nachzudenken, angenommen, und damit die Begriffe gewaltig auf den Kopf gestellt.
Aber! Lebe wohl! Lebe wohl!
Sophie an Elise
Sie sollten mir ohne Worte und Gründe verzeihen, geliebte Elise, die Freude des Wiedersehens, hoffte ich, werde meine Verteidigerin sein. Alles war vorbereitet zur Abreise. Ich sah schon in Gedanken Ihr liebes, gerührtes Lächeln, im Kampfe mit dem kleinen Rest von Empfindlichkeit, der mehr und mehr an der Wärme aufflammender Freundschaft wegschmolz. Das alles sind nur Gedankenbilder geworden. Ich werde Sie sehr lange nicht sehen! Lassen Sie mich alle Empfindungen unterdrücken, die hierbei in mir laut werden. Schelten, urteilen Sie auch nicht, ehe Sie es wissen, dass ich ein Opfer bringe, und dabei leide.
Liebste Elise, die Abreise des jungen Paares hat die Mutter in einen Zustand versetzt, von dem nur diejenigen einen Begriff haben, welche diese merkwürdige, in allen ihren Eigenschaften so eigentümliche Frau kennen. Vielen mag sie unzusammenhängend vorkommen, da sich im Gegenteil alles scheinbar Abweichende in einer Richtung bei ihr fortbewegt, und ein und dasselbe Ziel hat.
Es ist Emma, Emma allein, welche die saiten ihres inneren so oder so anschlägt. Der jedesmalige Ton hängt hiervon ab. Liebe zu dem Herzen ihres Herzens bedingt die ungestüme oder verhaltene Pulsschläge desselben. Wie die Aussenwelt hierauf einwirkt, oder sie diese, in der einzigen Lebensbeziehung, die sie kennt, umschaffen oder beherrschen will, das ist die einzige Aufgabe ihrer Gedanken und Empfindungen. Die Lösung derselben ist schwierig, sie gibt sie vielen Widersprüchen preis.
Jetzt ist das geliebte Kind ihr entrissen.