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Ich brauche scharfe Schatten, und verliere mich gern in die Tiefe zackiger, unförmlicher Schlüfte, aus denen der wilde Schrei der natur meine träumende Seele wie ein Echo anruft.

Wir sind moderne Reisende, Heinrich. Wir fahren die gebahnte, geebnete Strasse, verweilen, wo Alle verweilen, und bewundern, was Alle bewundern. Emma ist entzückt. Ich begleite sie willig, aber sie kann mir auf meinen einsamen Wanderungen durch das Labyrint grossartiger Verwilderung nicht folgen.

Man nennt nicht unpassend auch das Leben eine Reise. Nenne es, wie Du willst. – So viel weiss ich wohl, dass man sich auf der einen wie auf der andern, a l l e i n , am freiesten bewegt.

Wie selten halten zwei Menschen gleichen Schritt. Wie jener sich beschränkt, muss dieser sich über Vermögen anstrengen. Man mag die Kräfte gegenseitig abwägen, wie man will, jede probe zeigt, dass die Berechnung falsch war.

Doch genug! w i r r e i s e n !

Es war bei alledem gut, dass wir aus der Klemme der Hofetiquette und Familienrücksichten herauskamen. Ich war wie zwischen zwei Mühlräder zermalmt. Mir ist in der ganzen Gotteswelt nichts lächerlicher, als der Wahn, dass ein Mensch dem Andern eine Gnade zu erweisen denkt. Die Gewohnheit ist hierin, wie in so Vielem, die grösste Gauklerin. Sie macht die Fabel zur Historie.

Du kennst indess meine Art. Ich mag Niemanden Aergerniss geben. Lieber, wie Atlas, die Welt tragen, als einen Wurm in ihr wissentlich kränken. Wer an dem Spiele seine Freude hat, dem spiele ich zu Gefallen mit. Ueberdem, die Maske war einmal angelegt, ich musste ihrem Charakter treu bleiben. So liess ich mir ein Ordensband umhängen, und meine Schwiegermutter hierauf Pläne und Hoffnungen für die Zukunft bauen. Sie hat etwas darin getan, Pläne zu machen! Nun, ihr ist es Bedürfniss! Emma ist der Edelstein in ihrer Krone. Alles, was sie mit Blicken erreichen kann, muss dem Glanze dieses einzigen, das Wert für sie hat, als Folie dienen. Du kannst Dir vorstellen, was sie den übrigen Menschen ist, und diese ihr unter solchen Umständen sein können?

Wir passen wenig für einander. Meine Teorie von leben und leben lassen, findet hier keinen Eingang. Sie hat sich in mir verrechnet, und das verzeiht sie dem Geschick so wenig, als mir.

Ich bin ihr bei alledem gut. Mir verschlagen ihre Irrtümer nichts. Sie hat Verstand, und wenn auch mehr leidenschaft als Gefühl, dennoch eine ausserordentliche Regsamkeit des Geistes. Mit solchen Leuten kommt man immer zurecht, wenn sie uns auch zu schaffen machen.

Unter meine Geduldproben zähle ich die Hochzeitfeier. Es war ein alltägliches Hoffest daraus gemacht worden. Zum Glück, wissen fürstliche Personen dergleichen schnell abzumachen. Trauung, Gratulation, Diner, Entlassung, alles ging in einer Hetze fort, so dass wir uns im Wagen, aus der Stadt, auf dem Wege hierher, befanden, ehe ich noch Zeit behielt, das Geschehene mit Gelassenheit zu überdenken. Emma hatte sich mehr betäubt als gefasst aus den Armen ihrer Mutter gerissen, und es vielleicht kaum wahrgenommen, dass diese das Scharfe, was ihren Empfindungen etwas Aetzendes gibt, ganz auf mich übertrug. Ich war ihr in der Seele zuwider. Sie konnte und wollte das auch nicht verbergen. Mir tat es wehe. Ich blieb lange auf das Innigste erschüttert; während Emma ruhig, ohne sichtbare Gemütsbewegung neben mir sass.

Ich konnte mich nicht erwehren, sie von Zeit zu Zeit mit unverhehltem Erstaunen anzusehen. Es schien, als entgehe ihr das gänzlich. Es lag ein Ausdruck des Friedens und der inneren Einigkeit auf ihrem gesicht, welcher der abendlichen Stille der natur zu vergleichen war, und auf mich ungefähr denselben Eindruck machte.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass sie leise betete, und den Beistand eines höhern Wesens anrief, mit welchem sie sich in liebendem, natürlichem Einverständnisse befand.

Seitdem fand ich sie öfters so. Gleichwohl kann ich die Spur dieser Richtung noch nicht völlig klar in ihr auffinden. Ich trage auch eine gewisse Scheu vor jedem erläuternden Schritt. Sehr wahrscheinlich weichen unsere Ansichten hier von einander, und die Gewissheit darüber könnte sie stören. Mich stört so leicht Niemand in dem, was in mir feststeht; aber gegen Formen rennt man an, ohne es zu wissen.

Erst gestern machte ich die Erfahrung. Wir krochen am Simplon herum. Ich liess Emma auf einer bequemen Stelle bei ihren Trägern. Sie blickte von hier ruhig nach den Tälern hinunter, indess ich, von innerer Unruhe getrieben, froh, mir einen Augenblick selbst anzugehören, alle Mühseligkeit verachtend, die zackigen Klippen noch um eine bedeutende Strecke hinan klomm, und jetzt auf einem Abhange fast schwebend mit stolzen Erwartungen um mich sah. Allein, die Atmosphäre hing, von Dünsten verdeckt, wie ein wallender Vorhang, zwischen der Stelle, wo ich stand, und den nächsten hundert Schritten unter mir. "Alles ist anders, als man es denkt!" rief ich, und wollte den Rückweg antreten. Es war indess leicht an dem dumpfen Rauschen und Brausen aus der Ferne, die Vorbereitung einer Explosion der Elemente wahrzunehmen. Ich wollte das abwarten, und folgte nun mit steigendem Anteil dem Kampfe der natur. Blauschwarze, electrische Ballen wälzten sich unförmlich, und von ihrem eignen Luftzuge gedrängt, übereinander zu einem schauerlichen Chaos. Es ward dunkler und dunkler,