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Mutter zu führen. Doch jetzt endlich, denke ich an seinen Begleiter. Ich sah mich mit Herzklopfen nach ihm um. Ich fürchtete fast, Eduard zu begegnen. Da tritt mir aus dem Hintergrunde des Zimmers ein völlig unbekannter Mann, von schlichtem, offnen Ansehen entgegen. Er begrüsst mich, sagt: Baron Leontin von Wildenau habe das Vertrauen zu ihm gehabt, dass er den Knaben der Mutter sicher zuführen, und dieser auch wohl noch dies und jenes zur Beruhigung mitteilen werde.

Ich nahm anfänglich keine sonderliche Notiz von ihm, und war froh, den Präsidenten nicht hier zu sehen, ich meinte, in dem Fremden einen gewöhnlichen, guten, sichern Menschen, einen Beauftragten, suchen zu müssen.

Ich wollte ihn eben wieder verlassen, um Elise auf das unverhoffte Wiedersehen ihres Kindes vorzubereiten, als jener noch hinzusetzte: Auch von Gräfin Emma habe er Aufträge an mich. Ich stutzte, sah ihn an, plötzlich fiel mir ein: Der Geistliche! Emma's, Leontins Vertrauter! Ich nannte seinen Namen, der Fremde verleugnete ihn nicht; bat auch, hinter seinem Incognito nichts Gesuchtes voraussetzen zu wollen. Ihm sei in jeder Beziehung grosse Vorsicht empfohlen, er habe nicht wissen können, ob nicht dennoch ein Missverständniss möglich gewesen, er wolle nicht gern durch vorschnelles Zufahren überraschen, überall möchten wir Leontin sein Eindringen beimessen. Ich schnitt ihm die Worte ab. Ich ergriff seine Hand mit Innigkeit, ich sah ihm in die sanften Augen. "Kommen Sie," bat ich. Er folgte mir.

Wir haben einen seligen Morgen verlebt! – Elise ist ganz, wie man sie mir an jenem Tage beschrieben, da sie Georg tot geglaubt, und das Kind die Augen zuerst wieder öffnete. Schüchtern, demütig, stumm, sieht sie den Liebling an. Sie traut ihrem Glück nicht, und fährt oft, wie vom Schlafe auf, wenn die harmlose Ausgelassenheit des gesunden, tüchtigen Jungen alles so natürlich, so wahr erscheinen lässt, was ihr unbegreiflich dünkt. Und dabei der Geistliche, der Mann, der ihr wie ein finstrer Richter, seit Tavanelli's erstem Auftreten, eigentlich ein Gegenstand des tiefsten Unwillens war, er führt die Unterhaltung an dem Geringfügigsten hin, sagt nichts Auffallendes, nimmt an Allem teil, ist durch und durch hell wie Kristall, und lässt bis in den Grund des warmen, freundlichen Herzens heitre, bewegliche Lichter sehen, die nach allen Seiten ihre Strahlen werfen. Gott, welch' ein Mensch! So einfach und so weise! Etwas Aehnliches schwebte Hugo vor der Seele. Er hätte so sein mögen. Aber es fehlte eben der Kern!

Von Elisen jetzt noch nichts. Sie ist benommen, überfüllt, ihrer nicht mächtig. Was gleichwohl ihre ganze Aufmerksamkeit fesselt, was sie angelegentlich beschäftigt, ist das Bild von Leontins neuer Stiftung, das uns der Geistliche sehr anschaulich in einzelnen, bestimmten Zügen entwarf.

"Sie wissen," sagte er, "aus des baron Briefen, dass dieser den Meierhof am fuss des Schwarzwaldes kaufte, und durch die frühere Bestimmung des Gemachs, in welchem er übernachtete, auf den Gedanken kam, hier ein Mönchskloster zu stiften, und selbst in den Orden zu treten. Er unterliess das Eine, wie das Andere, bei klarer Prüfung. Gleichwohl wünschte er, durch einen besonderen Zweck sein Leben zu erhöhen. Er fing damit an, sich aufmerksam zu beobachten, und bemerkte, dass seine frühere Schwermut, die ihm so viel zu leiden gemacht, mehr aus einer gewissen Gebundenheit des inneren, als aus wirklichem Missgeschick entstand. In den Kinderjahren kränklich, vernachlässigt, dann blöde, steif, unbeholfen, trat er, wie verriegelt, überall zurück. Am Ende fand er durch sich selbst, nach mühseligem Suchen, die Richtung, auf welcher er fortging. Sein Schritt wurde fest, sein blick bestimmt, er aber, wie herausgeschnitten aus der übrigen Welt, ein Mensch nach Systemen, edel, doch bizarr. Ihm hatte Gemeinschaft mit Andern das Leben nicht verständlicher gemacht. Er war auf eine Anhöhe getreten, sah nach den verschiedenen Strassen hinunter, lernte sie nennen, k a n n t e keine. Alle sahen gleich aus, alle schienen ihm klein, eng, in der Irre umher zu führen; er überschaute wohl das Ganze, doch durchschaute er es nicht. So," fuhr der Geistliche fort, "dachte er darauf, nachdem er sich erkannte, Andere vor diesem Umwege zu bewahren. Es ward ihm klar, dass vielleicht in keinem Augenblick so sehr als jetzt, das Gefühl der Billigkeit durch festere Bande des Vertrauens, durch Gewohnheit und innere Verzweigung des Daseins gestärkt werden müsse. Ein Erziehungsinstitut auf dieses Prinzip gegründet, dünkte ihm etwas Schönes. Er beabsichtigt den höhern Freisinn der Eigentümlichkeit bei gleich erhabenem Zweck in dem Wechselverein junger Herzen lebendig zu erhalten, Alle in e i n e m Glauben, durch e i n Gesetz zu binden, und doch Jeden den eignen gang m i t Andern gehen zu lehren. Ob er es erreicht? – so endigte unser Freund. Wir müssen das Gelingen einer h ö h e r n H a n d überlassen."

"Und im Schwarzwalde," fragte Elise, "soll die Stiftung gegründet werden?"

"Dort i s t sie gegründet," erwiderte jener. "Das Unternehmen ist mit merkwürdiger Schnelligkeit ins Werk gerichtet, so dass wir schon einige Zöglinge dort vereinigten, zu welchen wir mit