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Stellen birgt, in denen gerade w i r beide zusammentreffen? –

Ich sage Ihnen das, gnädige Frau! damit Sie bei zeiten meinen Einfluss auf Ihres Schwiegersohnes Herz und Gemüt in das rechte Licht stellen, und hier keine Wunder erwarten.

Das ist überhaupt selten von grosser Wichtigkeit, was ein Mensch vom Andern a u g e n b l i c k l i c h erwirbt. Und irre ich nicht, so wird Hugo in Allem sehr leicht nachgeben, doch nie ein Anderer sein.

Sie haben ihn gekannt, gnädige Frau, als Sie die Neigung der schönen Emma billigten. Wenn er Ursache gibt, Ihre Besorgnisse zu rechtfertigen, so bin ich hierbei doch gewiss ausser Schuld.

Aber, weshalb auch Besorgnisse! Ist es jetzt auch schon Zeit dazu? Wir wollen keine andern hegen, als solche, die der Wandel alles Zeitlichen dem Nachdenkenden von selbst aufdringt, dann kommt man nie vom rechten Wege.

Es scheint mir gut, dass die jungen Leute sogleich eine kurze rasche Ausflucht in die Schweiz machen. Dies heimatlose Hinziehen durch unbekannte Gegenden, das Abreissen von allen Gewohnheitsbanden, die Einsamkeit in der Fremde führt näher zusammen, und schafft in dem, was die Seele gemeinschaftlich traf, einen eigentümlichen Quell der Erinnerung. Man schöpft immer eine Weile daraus, und belebt in der Gegenwart dasjenige, was diese anfangs einfarbig und unbequem erscheinen lässt.

Um indess meinerseits auch nicht ganz müssig zu sein, habe ich gesucht, Emma eine heitere Geselligkeit für die, immer etwas trüben Herbsttage zu gewinnen. Das Haus der muntern Gräfin von Ulmenstein versammelt eine regsame, mitteilende und empfängliche junge Welt. Hier sind die blühenden Töchter des Hauses, und mit ihnen alles, was städtischer Verkehr an ihre Schritte bindet. Tanz, Musik, Conversation, Geist und Gefühl, kurz, das gute und richtige Gemisch übereinstimmender und widerstreitender Elemente, aus denen die Gesellschaft bestehen muss, soll sie überhaupt bestehen. Ich warf mich vor einigen Abenden, ganz meiner Gewohnheit entgegen, in das bunte Gewühl, und ward nicht unangenehm durch Fremdes und Neues, das mir entgegentrat, überrascht. Vorzüglich gefiel ich mir in der Unterhaltung mit der jungen Gemahlin unsers Freundes, des Präsidenten. Sie wissen, wie vielen Dank wir ihm in der Angelegenheit meines Neffen schuldig sind. Den Zutritt in seinem haus nachzusuchen, schien mir daher für die Neuvermählten eine Pflicht, an welche ich gern durch die anziehende Einfachheit und Grazie der schönen Frau erinnert ward. Sie stand in einem Kreise lachender und schwatzender Modepüppchen, unter denen sie sehr vorteilhaft, durch Gestalt und Wesen, hervortrat. Es war nicht Nachlässigkeit, nicht Absicht in Tracht oder Benehmen zu spüren.

Das frische, weisse Kleid, ohne entstellende Verzierungen, stand sehr wohl zu dem reichen, kastanienbraunen Haare, und dem reinen, tiefen blick der schönsten blauen Augen, die je eine lange, dunkle Wimper beschattete. Als ich mich ihr nahete, trat sie mir zwanglos entgegen, empfing meinen Gruss, wie eine Schuldigkeit, und würdigte, was d a v o n ihrer Anmut galt, mit verständigem Gleichmut. Sie hatte von dem jungen Paare, das ich ihr zuzuführen, um die erlaubnis bat, gehört, sie fragte mit Teilnahme nach beiden, und zeigte sich, ohne affectirte Uebertreibung des Ausdrucks, bereit, ihnen den Eintritt in die fremde Welt zu erleichtern. Es liegt natur und Wärme in ihrem ganzen Wesen, das ein feiner Geist, mehr unbewusst begleitet, als bewusst beherrscht. Wie sie ist, hat sie mir gefallen, auch geniesst sie allgemeine achtung, die weniger ihrer Stellung in der Welt, als ihrer person gilt. Irre ich nicht, so wird Emma in ihr eine Freundin finden.

Und nun getrost, gnädige Frau! lassen Sie dem Geschick ohne Zagen seinen Lauf. Es kehrt sich wenig an unsere Launen. Auf eine, oder die andere Art macht sichs immer wieder Bahn. Zuletzt sind wir mit allem Rennen und Laufen nicht weiter als zu Anfang, und bringen nur müde Füsse mit nach haus. Vergeben Sie es mir, wenn ich Sie hier frage, ob Sie jemals durch die Ausführung irgend eines Planes völlig befriedigt wurden? oder, ob Sie nicht ü b e r den Moment des Erlangens hinaus, lieber alles umgeworfen, und die Sache von neuem und anders angefangen hätten? Glauben Sie mir, Sie sind es nicht allein, es ist der Mensch überhaupt, der so empfindet. Wir kennen keinen Genuss. Was wir so nennen, ist nur das rote Läppchen an der Angel, die uns fortzieht. Das Z i e l täte es, und nicht das S t r e b e n darnach allein.

Ich küsse Ihre hände, und lege diese auf die Häupter Ihrer Kinder, dass Sie sie in Freudigkeit segnen mögen.

Ganz der Ihrige.

Hugo an Heinrich

Ich will Dich nicht glauben lassen, die Flitterwochen vermöchten so viel über mich, dass ich die übrige Welt darüber vergässe. Ich bin in meinem Leben nicht geneigter gewesen, da Unterhaltung zu suchen, wo sie sich mir bietet, als eben jetzt. Ehrlich gestanden, dieser Nachhall des ausgesprochenen J a , ist ein wenig eintönig! Was sagt man sich noch, wenn alles beantwortet ist? Missverstehe mich nicht. Emma's Nähe ist wie der Frühling. Sie überkleidet alles mit jenen Lichtfarben, die uns anlächeln und den Sinn in behagliches Empfinden einwiegen. Ich sehe mich leicht auf Minuten so angesprochen. Aberdoch genug!