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kann einem wohl die Haut schaudern, und der gesunde Menschenverstand ausgehen! Ich bin sonst nicht die Lobrednerin des Grafen, aber hier muss ich doch der Wahrheit die Ehre geben, ihm ist schlimm mitgespielt worden.

über die Art, wie er ein Ende genommen hat, sollen wir auch nicht richten. Wir tappen hier im Finstern. Viel Kluges habe ich von ihm nie erwartet, denn warum? Er glaubte an Nichts. Das habe ich Elisen wohl angemerkt. Eine Frau singt immer in dem Ton, den ihr Liebster anstimmt. Es hat mich Tränen genug gekostet. Von daher also sah ich Gottes Gericht wohl anrücken. Aber drübenvon dem grünen Holzeda war ich mir besserer Früchte gewärtig. – Wie das Alles klug tut und über seine Kräfte hinaus will! Ich weiss es am besten, man hat in den engen vier Pfählen, auf gerader Diele schlechtweg, einen Tag wie den andern denselben Weg gegangen, und hat sich vorzusehen, dass man nicht einmal über die eigenen Füsse fällt. Und die da wollen die feste Erde gar wegstossen, und in der Schwebe bei Sinn und Verstand bleiben. Ja, siehst Du, wenn das nicht verrückt sein heisst, so weiss ich es nicht.

Kurz und gut, soll ich die Menschen nicht mit Krankheit geschlagen, nicht für verwirrt und aberwitzig halten, dann kann ich mir gar keinen Begriff von unserer Zeit machen.

Du, Curd, darfst auch nicht soviel nach Elisen fragen. Das schickt sich nicht für Dich. Ja, hättest Du sie nicht heiraten wollen, und Dir allerlei darüber in den Kopf gesetzt. In Gottes Namen! Du bist ihr Vetter. Verwandte sollen zu einander halten. Aber so! – Schilt nicht so strenge auf Romanenstreiche, Du möchtest auch Deinen teil mit dran haben.

Nun will ich Dir dann aber doch sagen, ich reise selbst zu Elisen. Ich muss wissen, wie es dem armen kind geht? sie mag daraus abnehmen, wie lieb ich sie habe, dass ich mich mit meiner Aengstlichkeit auf einen so weiten Weg mache, alles hinter mir lasse, Haus und Hof und Wirtschaft, bloss um sie zu sehen, sie da wegzuholen, wo ihr so schwer ums Herz sein muss! Ja, wenn sie auch ganz, ganz anders wie ich, und auch nicht so denkt, wie sie sollte, kann ich dann aufhören, ihr gut zu sein? Ich wüsste nicht, wie ich es anfinge. Lebe wohl, lieber Sohn! Von dem Stifte aus, schreibe ich Dir wieder.

Sophie an den Comtur

Der Anblick meiner Schriftzüge wird Sie nach gerade unruhig machen. Seit lange hörten Sie nur traurige Berichte durch mich bestätigen, oder Sie darauf vorbereiten. Ich eile deshalb um so mehr, Sie im Voraus zu beruhigen, ja, Ihnen Erfreuliches zu verheissen.

Elise, hoffe ich, ist ihrer ängstlichen Unsicherheit, dem kranken Hin- und Hergreifen, der ganzen schmerzlichen Trostlosigkeit, in die wir sie mit Betrübniss kraftlos versinken sahen, entrissen; oder vielmehr, alles dies führte ihre Rettung herbei. Ich sagte Ihnen, dass sie Tavanelli kommen liess, auch an Leontin schrieb, dass sie überall hinhörte, etwas wollte, sich gleichwohl nirgend verständigen konnte, und bald nach dem Austausch innerer überzeugung verlangte, bald mit dem Seufzer: "E r a l l e i n h a t t e m e i n e g a n z e S e e l e !" davon abstand. Eben so war sie immer im Begriff, von hier abzureisen, ohne gleichwohl jemals zur Ausführung ihres Entschlusses gekommen zu sein. Kurz, sie konnte nicht schweigen, nicht reden, nicht bleiben, nicht gehen, nicht leben, nicht sterben. Die Bemühungen ihrer Tante wurden ihr, wie Sie, lieber, berücksichtigender Freund! es selbst mit Pein empfunden, unangenehm. Die einfache Frau ging gerade zu. Sie glaubte durchaus die Vernunft und das gute Herz ihrer Nichte in Anspruch nehmen zu müssen. Sie begriff gar nicht, wie ihre Gründe nicht entscheidend, und andere Vorstellungen dagegen haftend sein könnten. Ich hatte viele Mühe mit ihr, und war nur froh, dass Curd sie endlich von hier abholte.

Die arme Frau jammerte mich. Sie hatte wirklich ein Opfer mit dieser Reise gebracht. Sie war sich dessen bewusst. Es tat ihr wehe, so vielen guten Willen nicht erkannt zu sehen; denn, trug sie Elise auch auf den Händen, so ging sie doch nicht in ihre Vorstellungen ein, noch weniger war es ihr möglich, der trefflichen, aber ermüdenden Verwandtin in ihre Einsamkeit zu folgen.

Jene gab sie endlich mit heissen Tränen auf, und es blieb, wie es war.

Diesen Morgen werde ich nun mit der Nachricht geweckt, ein Fremder wünsche mir aufzuwarten. Ich frage nach Stand, Namen, Persönlichkeit. über die beiden ersten Punkte hatte sich der Angekommene nicht erklärt. über die letztere erfuhr ich indess, dass sie einnehmend sei, und dem stattlichen, wohlgebildeten mann von ungefähr fünfzig Jahren zur Empfehlung diene.

Ich war begierig, ihn zu sehen.

Schnell zu dem Empfange eines Gastes bereit, trete ich in den Vorsaal. Mit unterdrücktem Freudengeschrei fliegt mir Georg, das liebe Kind, in die arme. Im ersten Augenblick sah ich nichts als ihn. Ich umarme ihn mit unaussprechlicher Rührung. Ich bitte ihn, seine Freude zu mässigen, ich verspreche, ihn gleich, doch nicht ohne vorhergegangene Einleitung, zur