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können. Um die Antwort, wenn es Not tut, brauchen wir dann nicht verlegen zu sein. Streiten wir nicht allzuviel über die Wege? Wir wissen von keinem mit Sicherheit, ob er der k ü r z t e sei?

Ich selbst kann jetzt nicht kommen. Aber ich werde einen andern für mich an Elise schicken, der ihr meine Aufträge bringt. Er wird auch Sie besuchen.

Mein Vater begleitet mich auf einer Reise. Wir haben ein Geschäft zu beenden. Treten Sie ja zurück, wenn Sie fühlen, zu rasch zu handeln.

Curd an seine Mutter

Ich könnte mich in Stücke zerreissen und meine Uebereilung durch alle ersinnliche Plagen abbüssen, dächte ich nicht, dass es so hätte sein sollen. Dieser Rest von Glauben, den ich Ihnen, gute Mutter, verdanke, rettet mich jetzt vor Verzweiflung. Denn sonst, – sagen Sie selbst, wäre ohne mich, ohne meinen Hass gegen Hugo, jemals die Entdeckung des unglücklichen Geheimnisses ans Licht gekommen? Presste die Angst für sein Leben der armen Frau nicht den Schrei aus? Und folgt das Uebrige nicht, wie ein Uebel dem andern?

Ich mag gar nicht an Elise denken, nicht nach ihr fragen!

Sie erkundigen sich noch, ob es denn auch ganz gewiss sei? Nun, beim Himmel! wenn es das nicht wäre, gäbe es denn noch einen erbärmlichern Menschen auf der weiten Gotteswelt, als einen, der nicht sterben kann, und für Niemand, als sich selbst leben mag?

Nein, wie fremd mir auch immer der kalte Philosoph blieb, so bin ich ihm doch nie so gram gewesen, um solch' arges Misstrauen in ihn zu setzen.

tot ist er! darauf schwöre ich.

Man ersinnt jetzt allerlei, dem Dinge einen Mantel umzuhängen. Er soll beim Schwimmen durch einen Krampf unfähig geworden sein, dem raschen Strudel beim Wehr zu widerstehen. Wissen kann das Niemand, und ist es der Familie ein Trost, es zu glauben, so lasse man sie dabei. Ich denke aber, wie er einmal war, hatte er hier nichts mehr zu tun. Das wusste kein Mensch besser als er selbst. Solch' verdorbenes Genie, Gott verzeihe mir's, dass ich das von einem toten sage, aber wahr ist es, solch' verdorbenes Genie ist nicht im Himmel, nicht auf der Erde zu haus, und doch, hätte ihn nur das Wiedersehen der Frau, der erste Schreck bei ihrem Anblick, und dann, dass sie Nonne geworden ist, nicht so ausser aller Fassung gebracht, er wäre am Ende von meiner oder einer andern Kugel im Zweikampf oder auf dem Schlachtfelde, wie ein Mann gefallen, der sich vor nichts, auch vor dem Leben nicht fürchtet.

Das aber machte ihn confus. Der Fall lag ausser seiner Berechnung, das Geschick hatte ihn überlistet. Er wusste nicht mehr aus noch ein. Ich wette meinen Kopf gegen die schlechteste Kupfermünze, wäre Emma frei gewesen, hätte er sie ohne Schwierigkeit mit sich zurück nach der Burg führen können, er würde das Spiel höchst abgeschmackt und die ganze geschichte eine tragische Farce genannt haben, die ihm noch dazu die Freiheit liess, von da seinen Weg allein zu gehen. So aber! dass er m u ss t e , was er eigentlich nicht w o l l t e , das machte ihm das Dasein verhasst. Er suchte einen andern, einen ungewissen Ausweg.

Wohin er nur gekommen sein mag? Ich frage mich das hundertmal, und dann regt sich mir's im Gewissen. D u h a s t i h n d a h i n g e b r a c h t ! Elise wird das auch glauben. Es tut einem doch wehe, verkannt zu sein. Ich weiss das wohl von sonst her. Es ärgerte mich immer. Jetztnun, es wird sich auch geben. Es ist das grösste Glück auf Erden, dass sich Alles vergisst, Alles verschmerzt. Was würde auch sonst aus der Welt?

Schreiben Sie mir ja gleich, liebe Mutter! wenn Elise etwas von sich hören lässt. Ich habe keinen Begriff davon, wohin sie sich wenden, was sie nun mit sich selbst anfangen wird. Die verwünschten Romanenstreiche!

Antwort

Wie kann es Dir nur einfallen, lieber Sohn! dass Du an all' dem verruchten Wirrwarr schuld bist?

Du gerechter Gott! Mir schwindelt es im kopf, wenn ich denke, dass Menschen auf dergleichen Abwege geraten!

Ich habe in meinem Leben immer eine grosse Furcht vor Narren gehabt, und bin gerannt, was ich nur konnte, wenn ich Einem auf tausend Schritt nahe kam. Aber jetzt, ich sollte es wohl nicht sagen, denn es klingt vermessen, doch mir kommt es so vor, als wäre die ganze Welt wie ein Irrenhaus zu betrachten. Was hört man nicht für Dinge! was erlebt man nicht! Und wie die Leute unsern Herr Gott immer im mund führen, von Opfer und Entsagung, und weiss der Himmel Alles raisonniren, und nun läuft eine christlich getraute Ehefrau mir nichts, dir nichts, von ihrem mann fort, stellt sich tot, lässt ihn in dem sündlichen Glauben, er dürfe nun dem Gelüsten seines Herzens nachgehen, und kann doch selbst nicht von ihm lassen, windet sich um ihn herum, bis es so weit kommt, dass er sie wiederfindet, und erfährt, wie sie ihn zu einer doppelten Ehe verleiten wollte.

Ei, da