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bei ihm in Wehrheim, und was werden die sonderlich auf ihn Acht gegeben haben.

Elise fragte mich schon, ob ich noch keine Nachricht vom Grafen habe? Ich teilte ihr meine Vermutung mit, dass er bei Ihnen sei, oder Sie ihn wenigstens gewiss erwartet hätten.

"Erwartet?" seufzte sie.

Ich mochte mich weiter nicht auf ein langes Gespräch einlassen. Sie mied es auch. Wenn nur Johanna nicht schon etwas hörte! Oder doch aus des Kammerdieners schnellem wiederkommen Verdacht schöpfte. Ich muss Elise genau bewachen, denn, e i n vorschnelles Wort –!

Herr Gott! was es für Augenblicke im Leben gibt.

Schlafen werden Sie diese Nacht nicht; der Wunsch einer guten Nacht ist daher leer und bedeutungslos.

Lassen Sie uns nur den Mut nicht verlieren. Ich wette noch, es ist Alles besser, wie wir glauben.

Antwort

Wie könnte ich ruhig sein, was soll verborgen bleiben? Hugo wird vermisst. Die Anzeichen sind beunruhigend. Eine einzige geäusserte Besorgniss reicht hin, Jedem das Schreckliche gewiss zu machen. Birkner war eben bei mir. Seine Nachfragen blieben vergeblich. Die Fischer wussten keine Auskunft zu geben. Ich fuhr noch spät in der Nacht hinüber nach Wehrheim. In der Mittagsstunde ist Hugo dort gewesen. Er trug den hellgrauen Oberrock, der am Ufer gefunden ward, und hatte, wider seine Gewohnheit, diesen und die Weste weit aufgerissen, als leide er an Hitze. Den Hut hielt er in der Hand. Seine Laune war heiter. Er scherzte mit des armen Zimmermanns Frau und Kinder, die er, gleich nach seiner Ankunft auf der Burg, aus dem wasser zog, und die Familie dann hinüber nach der Stadt zu dem todtkranken Vater fuhr. Die Leute fanden nachher bei dem Schlossbau ihr Brod, sie sind dem Grafen mit Leib und Seele ergeben, vorzüglich die Kleinen, die immer dreist mit ihm taten, und sich gern von ihm necken liessen. Heute nahm er das Kleinste auf den Arm, und sah ihm lange und tief in die grossen, klaren Augen. "So kristallhell wie das wasser dort," sagte er, nach dem Fluss zeigend, indem er der Mutter das Kind zurückgab. Dieses konnte nicht sogleich von ihm los. Es hatte die Fingerchen in ein blaues Band verwickelt, das um Hugo's Hals geschlungen war, und, in der Unordnung seines Anzugs, hervorsah. Er riss das Band entzwei, da das Kind weinte, und steckte die Enden unter das Hemd, indem er vor sich niedersah und errötete. Die Frau hat das bemerkt, es fiel ihr auf. Er nahm darauf den Hut, den er aus der Hand gelegt hatte, vom Boden, setzte ihn auf, und soll so eine Weile unschlüssig vor den Leuten gestanden haben, als besinne er sich auf etwas. Dann wandte er sich aber kurz von ihnen ab, und ging eine Strecke rechts hinunter, nach dem wald zurück, aus dem er gekommen war. Doch kehrte er bald darauf um, rief der Frau zu, sie möge so gut sein, und drinnen im schloss sagen, er komme zum Essen nicht wieder, er speise drüben auf der Burg.

Diesen Vorsatz muss er auch gehabt haben, denn er bestellte einen Geschäftsmann, der ihn am Morgen vergeblich erwartete, herüber zu mir.

nachher sah man ihn noch eine ganze Zeit auf der Insel hin- und hergehen. Später achtete Niemand auf ihn.

Das ist Alles, was ich erfuhr. In seinem Zimmer standen und lagen die Sachen frei da, wie das stets seine Art ist. Briefe verbrennt er, oder verbirgt sie in einem geheimen Fache seines Schreibtisches. Ich mochte an Nichts rühren, was nicht offen für Jedermann geblieben. Hieraus war nichts zu ersehen. Ich habe lange mit mir gerungen, was ich glauben dürfe. Soll ich wahr sein, so steigt die Vermutung in mir auf, Hugo wolle uns durch den Schein irre führen. Er w i l l für uns tot sein, indess er für immer aus dieser Gegend, vielleicht aus diesem Teile der Welt verschwindet.

O! lassen Sie mich hieran festalten. Ich bin nicht im stand, das Andere, das Grauenerregende, das Unselige zu denken!

Sophie an den Comtur

Sie haben Recht, das ist ein Gedanke, den Ihr Neffe hätte haben können. Nur weiss ich nicht, weshalb er sein Vorhaben hinter eine so schauerliche List verstecken sollte, da er ohne alle Umstände weggehen konnte, und nur nicht wiederzukommen brauchte. Was würde ihn daran gehindert haben? Er war schon einmal fort! Wir wussten nicht, wohin. Niemand rief ihn zurück, Niemand erinnerte ihn an verletzte Pflichten, Keiner wollte ihm Fesseln anlegen. Er allein brachte sein unstätes Selbst zu uns zurück. Fürchtete er nicht vielleicht sich mehr als Andere? Das sind Vermutungen, Schlüsse ins Blaue hinein. Ich bin unfähig, irgend etwas Bestimmtes ins Auge zu fassen. Ich sehe nichts deutlich. Die Angst vor Elisens Erwachen, vor ihren fragen, ihren Blicken, benimmt mir alle Fassung Möchte uns doch dieser Tag irgend eine Beruhigung geben!

Antwort

Was Sie auch sagen mögen. Alles bestärkt mich in meinen Vermutungen. Trotz dem mühseligsten Suchen, keine Spur von ihm! Verschwunden! völlig verschwunden! sage ich Ihnen. Keine Bucht, keine Stelle von beiden Ufern blieb undurchforscht. Mehr als zwanzig Kähne fuhren den Strom hinauf, die ruhige Flut liess oft bis in den Grund hinunter sehen. Nichts