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gehabt, auf die Jagd zu gehen. Er sei in aller Frühe bei der Tannenhäuserin gewesen, welcher er einen Brief zu baldiger Besorgung hierher, an die Frau Präsidentin, eingehändigt habe. Da sich nun keine frühere gelegenheit hierzu dargeboten, so schicke jene das Schreiben durch ihn.

Ich liess mir es geben, ersuchte Birkner, ein wenig zu verziehen, und eilte damit zu Elisen. Sie erschrack bei meinem Eintritt. "Ist etwas vorgefallen?" rief sie mir hastig entgegen. Ich bat sie, ruhig zu sein, und sich des Freundes Gruss zu freuen. Sie nahm den Brief furchtsam aus meiner Hand. Ihn von allen Seiten gedankenlos betrachtend, seufzte sie, das Auge zu mir gewandt, ohne ihn zu erbrechen.

"Ich gehe," sagte ich, "lesen Sie, wenn Sie sich gesammelt haben."

Als ich das Zimmer verliess, eilte sie hinter mir drein, und verriegelte die Tür.

Ich wollte Birkner Anfangs nicht eher fortlassen, bis ich erfahren, ob Elise keine Bestellung für ihn habe. Es währte ihm indess zu lange. Er war ungewiss über seines Herrn Rückkehr. Mir schien er sogar ängstlich. Ich musste endlich nachgeben und ihn ohne Antwort fahren lassen.

Es blieb alles still bei Elise. Ich wollte sie nicht stören, und doch trieben mich Teilnahme und Besorgniss immer wieder zu ihrer Tür. Ich klopfte verschiedentlich ganz leise an. Sie mochte es nicht beachten. Sie öffnete nicht.

Endlich rufe ich sie bei Namen. "Ja!" erwiderte sie, wie aus dem Schlafe erwachend. "Was gibt es?"

Ich bat sie, mir aufzumachen. "Ja so!" hörte ich sie sagen. Sie kommt, sie zieht den Riegel weg, ich trete ein, aber ich glaubte vor Schrecken in die Kniee zu sinken, als ich die todtenbleichen, verzerrten Züge der armen Elise erblickte.

Sprachlos starrte ich sie an. "Er hat Abschied genommen," lächelte sie. "Er ist fort! Gott weiss, wohin?" setzte sie langsam hinzu, und mir den Brief hinhaltend, sagte sie, "da lesen Sie einmal."

Ich durchflog die Zeilen, ich blickte in ein Gewebe verworrener Verzweiflung, in den wüsten Kampf widersprechender Gefühle, mir schwindelte, mir bebte es in der Seele, doch konnte ich nichts von einem entscheidenden Entschluss, keine Hinweisung auf Abreise und Entfernung herauslesen. Ich sagte das Elisen. Sie bestritt es nicht, sie äusserte keine Meinung. Allein in sich schien sie nicht im mindesten zu zweifeln. Wie ich sie auch zu beruhigen strebte, sie sah mit gebeugtem haupt und halb geschlossenen Augen vor sich hin, und ein still verzweifelndes "Hm!" war alles, was sie hervorbrachte.

Wir sassen lange so, als Johanna eintrat, sich ein Geschäft im Zimmer machte, und, indem sie sich vor dem Tischchen, auf dem jetzt die am heutigen Morgen gepflückten Rosen standen, bückte, um die herabgefallenen Blätter aufzuheben, flüsterte sie mir zu: "Birkner ist wieder da. Kommen Sie doch einen Augenblick heraus."

Ich winkte ihr, zu schweigen. Und genau beobachtend, ob Elise auch nichts gehört habe, sagte ich dieser, ich gehe, nach Wehrheim zu schicken, um ihr später sagen zu können, ob Hugo wirklich abwesend sei. Sie nickte mir zu, und folgte mir ängstlich mit den Augen.

Ich fand den treuen Menschen, das schäumende Pferd, auf welchem er hierher zurückgesprengt war, am Zügel vor dem haus hin- und herführend. Er war sehr erhitzt. Seine Miene, als er mich erblickte, weissagte nichts Gutes.

"Nun!" fragte ich kleinlaut. Er zuckte die Achseln, und machte mit der Hand eine abwehrende, verzweifelnde Bewegung. "Nirgend zu finden!" flüsterte er mir zu. "Niemand hat ihn gesehen. Im Gebüsch auf der Insel liegen Hut und Rock, und die Brieftasche mit Banknoten."

"Das bedeutet nichts," entgegnete ich schnell. "Gar nichts! Sie wissen, der Graf badet oft um diese Zeit, und bringt dann Stundenlang im wasser zu. Reiten Sie nur," bat ich, "gleich wieder zurück, setzen Sie sich in einen Kahn, und fahren Sie zu den Fischern hinüber, die werden ihn gewiss irgendwo getroffen haben."

Birkner schüttelte ungläubig den Kopf. Ich liess ihn nicht zu Wort kommen, ich trieb ihn fort, ich empfahl ihm möglichste Behutsamkeit, und vornehmlich Stille und scheinbaren Gleichmut. Ich wollte nicht wissen, was er denke, denn ich weiss, dass ich nichts Schlimmes g l a u b e n kann. Deshalb teile ich Ihnen auch die Vorgänge dieses Tages so umständlich mit. Sie sollen nicht unnütz erschreckt, zu keinen voreiligen Massregeln verleitet werden.

Ich vertraue Ihrer Fassung, Ihrer Klugheit völlig. Ich glaube, wir können nicht vorsichtig genug zu Werke gehen. Aus dem grund entalten Sie sich wohl am besten aller unmittelbaren Nachforschungen. Es darf von hier der Schein nicht ausgehen, als sei das Entsetzlichste denkbar.

Vielleicht sind Sie auch jetzt, da ich Ihnen schreibe, vollkommen ruhig über Hugo; er ist bei Ihnen, wie er es gewollt. Die umherliegenden Kleidungsstükke sagen im grund gar nichts. Er ist ja so zerstreut! Wie leicht, dass er vom Baden zurückgekehrt, jene vergessend, im schloss andere anlegte, und später zu Ihnen ging. Sind doch ausser Birkner nur noch ein Paar Stallleute