zu mir gewendet, "haben Sie noch meine Briefe von damals?"
Ich bejahte es. "Sophie," sagte sie mit ihrer flehenden stimme, "geben Sie mir nur auf eine Stunde diese Briefe."
Ich zögerte. "Was ist Ihnen dabei bedenklich?" fragte sie. "Halten Sie die Wehmut, die uns der Frühling gibt, für so störend? Gute Sophie! schelten Sie mir die Wehmut nicht!" – Lieber Freund! sie sagte das so sonderbar, so bedeutungsvoll. Ich ging, und brachte ihr die Briefe.
Sie setzte sich damit unter die Bäume an den Tisch, vor welchem wir gefrühstückt hatten. Ich musste ihr eine Schaale mit wasser schicken, in welche sie die vielen gepflückten Rosen stellte. War es das dunkle Kastanienlaub, was sie so blass machte? oder das frische Rot der Blumen? genug, sie fiel mir in ihrem weissen Morgenanzuge, zwischen dichten Laubschatten hineingedrückt, ausserordentlich auf. Ich wandte mich mehrmals nach ihr um, als ich ins Haus zurückging. Doch sie sah mich nicht. Sie war in die Briefe vertieft. Einmal, da sie unter dem Lesen in Gedanken eine der vor ihr stehenden Rosen zerpflückte, und die Blüten auf das Papier fielen, kamen mir ihre eigene Worte wieder in den Sinn. "Sehen Sie, Sophie!" hatte sie vor wenigen Minuten gesagt, "so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsre Gräber." Sie selbst sah aus, wie die bleiche Vergangenheit.
Als ich nach einer Weile wiederkam, fand ich sie, die Briefe weit von sich geschoben, beide arme auf den Tisch gestemmt, und das Gesicht in die gefaltenen hände gedrückt. An der Bewegung ihrer Brust sah ich, dass sie heftig weinte. Ich wollte mich entfernen. Sie hatte mich aber bemerkt. "Sophie," rief sie, "o Beste, nehmen Sie, nehmen Sie alles das wieder zurück. Nein, man glaubt wahnsinnig zu werden, wenn man sich lachen hört, während die geängstigte Seele um ein Paar lindernde Tränen fleht!" Sie wandte das Gesicht ab und trocknete die nassen Augen. Ich packte die zerstreut umher liegenden Heftchen zusammen. Sie ergriff meine hände. "Gott," sagte sie, "was haben die Menschen aus der harmlosesten, unbefangensten Zuneigung gemacht! Wenn ich so das fröhliche, heitere Leben wieder überblicke, wenn ich mich so ohne alles Vorgefühl von Gefahr, mit leichtem, sorglosem Schritt vorwärts gehen sehe, und Hugo's Wohlgefallen an meinem Umgang, das freie Zusammenkommen, die nachbarliche Teilnahme, Emma's später gewonnene Freundschaft, wenn ich das wiederfinde, fühle, und keinen Schatten der Unwahrheit, keine Selbsttäuschung darin entdekke, dann empört sich doch mit einigem Recht meine Seele gegen die harte und rohe Hand der Welt, die das Missverstandene so missgestaltete! Wie hat diese Hand nicht auf uns gedrückt, was hat sie nicht Alles zerrissen!"
Ich machte sie aufmerksam auf die Arglosigkeit jeder entstehenden Neigung, und erinnerte sie, dass stets die Liebenden zu spät bemerkten, was Andere längst vor ihnen gewusst.
Sie nahm das ohne Widerspruch auf, und blieb eine Weile still. "hören Sie," hub sie darauf an, "ich will Ihnen einmal etwas sagen. Ich glaube, Hugo hätte niemals den Einfall gehabt, eine leidenschaft für mich zu hegen, wenn es ihm Eifersucht und häusliche Häkeleien nicht überredeten."
Ich sah sie überrascht an. Sie stand in grosser Erschütterung von ihrem platz auf. "Sie hatten recht," erinnerte sie sich später, "ich wünschte, ich hätte die Briefe nicht gelesen! Sie tun mir wehe. Es sieht mir darin ganz nach einer ungeheuren Mistification des Geschicks aus. Und ich bin die Angeführte. Denn," rief sie, die hände heftig zusammenschlagend, "ich liebe ihn, das weiss Gott! mit unsäglichem Schmerz!"
Sie war ein Paar Schritte vorwärts gegangen. Ich folgte ihr. Das Wetter war den ganzen Tag so leicht, so schön gewesen. Ich schlug ihr vor, ein wenig ausserhalb des Gartens, im angränzenden Waldbruch, spatzieren zu gehen. "Nein," erwiderte sie, "lassen Sie uns nicht jenseits dieses Bezirks den Fuss setzen. Ich bin nur hier ruhig. Ich sehe es wohl, ich darf, selbst in Gedanken, nicht das Ferne heranziehen."
Es tat mir leid, sie so erschüttert zu finden. Wir gingen lange umher. Wir sprachen Allerlei. Sie war aus dem Gleichgewicht heraus. Es fasste nichts. Wir setzten uns zuletzt, müde und matt, ganz im Freien, auf die kleine Erhöhung, von wo man den Strom sieht. Ich bemerkte, dass sie das Auge unsicher umherschickte, und es mit Bangigkeit senkte. "Ist Ihnen nicht wohl?" fragte ich besorgt. "Ich gestehe Ihnen," sagte sie beklommen, "die sonnenhelle Gegend, der blinkende Wasserspiegel bildet heute einen sonderbaren Contrast mit meiner Stimmung. Ich kann mich nicht damit vertragen. Mir wird nicht wohl hier. Kommen Sie, wir wollen nach haus gehen!"
Ich war ihr gern gefällig. Unterwegs äusserte sie plötzlich, und ohne nachher weiter daran zu denken: Wenn ihr nur nicht ein neues Unglück drohe! Ich liess das gänzlich fallen. Sie gewann auch späterhin ihre frühere Fassung wieder, so dass ich mich überzeugt hatte, ohne meine Unvorsichtigkeit, sie jene Briefe lesen zu lassen, wäre ihr der Morgen in