Stimmung bewahrt? ob sie noch so einverstanden mit ihrem Geschick, es ruhig trägt? ob sie auch nicht körperlich leidet?
Nun, ich kann Ihnen sagen, dass wir bis jetzt nichts für sie zu fürchten haben. Ja, ich finde sie freier, mehr sie selbst, als in der ganzen letzten Zeit. Ich äusserte ihr dies vorlängst beim Frühstück. Sie sann einen Augenblick nach. "Ich glaube, Sie haben recht," sagte sie darauf. "Wenn der Schlag gefallen ist, so weiss man, ob man lebt, oder man weiss nichts mehr. – Aber die Angst vorher macht uns kindisch, oft verächtlich. Ich fürchte," setzte sie nach einer langen, stummen Pause hinzu, "Hugo's grösste Plage hebt von meiner Krankheit an. Er hat mich so schwach gesehen, und Gott weiss es, diese Schwäche wollte nicht weichen. Ich hatte das Gefühl davon, ich schämte mich vor mir selbst, vor Hugo, aber es blieb vergeblich, ich kann nicht drüber weg. Und es ist doch keine Frage, dass nur in meiner Hand sein Glück lag."
Ich konnte das nur zur Hälfte zugeben. Ich führte sie auf die Unfähigkeit bei Hugo zurück, sich irgend eines ruhigen Besitzes freuen zu können, auf den raschen Wechsel seiner Stimmung, auf das schnelle Ermatten jedes Gefühls in ihm.
"So ist er nun aber einmal!" unterbrach sie mich. "Ich wusste es. Er war mir über Alles lieb, gerade in seiner Eigentümlichkeit. Weshalb hörte ich auf, diese zu ehren, da es nichts mehr galt, als äussere Rücksichten geltend zu machen?"
"Wie," fragte ich unangenehm überrascht, "Sie bereuen den ganz natürlichen Wunsch, auf die einfachste Weise von der Welt einer ungehörigen Verbindung, sittliche Gültigkeit und göttliche Weihe geben zu dürfen?"
"Ja," erwiderte sie, "das bereue ich."
Mir stieg das Blut ins Gesicht.
"Missverstehen Sie mich nicht," fuhr sie schnell fort. "Das bereue ich, überhaupt an die Dauer dieser Verbindung gedacht zu haben, seit ich sie zerriss, indem ich ihr Dasein aussprach. Hugo's tiefste Seele war in dem Augenblick verletzt, unheilbar verletzt! und die wunde Stelle blutete, so oft er mich wieder sah. Ich war ihm eine Andere geworden, die Welt, die Zeit, die Liebe, von der er nichts, als den Vorwurf empfand, sie so platt in die breite Gewohnheit des Lebens hineingeworfen zu sehen."
"Sie raisonniren über Hugo," lächelte ich. "Sie sind kälter, und begreifen jetzt, was Ihnen früher die leidenschaft verbarg."
"leidenschaft!" seufzte sie gedankenvoll. "Ich möchte sie niemals gekannt haben. Es ist ein taumelnder, unbewusster Rausch, in dem man weder sich, noch den Gegenstand des heissen Wahnsinns besitzt. Doch das Feuer muss auch erst ungleich flackern und flammen, ehe die stille Glut sich bildet."
Wir waren während dem im Garten auf- und abgegangen, dann hatten wir unter den Kastanien gesessen und uns später im Gespräch nach dem Rasenplatz gewendet, um den unser Spatziergang führte. Die Sonne schien hell. Elise sah hinauf zu ihr. "Das ist auch Glut!" sagte sie. "E w i g e . Sie dringt bis in den Kern der Dinge. Meinen Sie, die Hitze täte es allein? Das L i c h t ! das L i c h t !" wiederholte sie mehreremale. "Wir vergessen immer das Beste bei Allem, auch bei der Liebe."
Mit grosser Lebhaftigkeit fasste hier die bewegte Frau meine Hand. "Glauben Sie mir," sagte sie, "es ist ein falscher Schluss, wenn man die Gewalt eines Gefühls von dessen e n g e r Z u s a m m e n z i e h u n g herleitet. Das Leben macht nicht e n g . Je weiter der Umfang, je kräftiger das Wesen. D i e Liebe, die ihren Gegenstand d e n k e n kann, ist göttlicher Art, sie erleuchtet, was sie berührt."
Ich empfand wohl, sie verteidigte sich gegen den Vorwurf des Kälterwerdens. Ich liess das auf sich beruhen. Mich freute es, sie so aufgerichtet, so ganz die Alte zu sehen. Ihr Auge hatte einen besonderen Glanz, es verweilte mit stillem blick auf der entfalteten, blühenden natur. Sie wissen, wie sie Blumen liebt. Die Rosen sind jetzt in ihrer vollen Pracht. Unser Stiftsgarten hat deren viel und von seltener Schönheit. Elise brach einen vollen Strauss davon. "Diese Jahreszeit," lächelte sie anmutig, wie im Wetteifer mit den Blumen, "diese Jahreszeit erinnert mich immer zumeist an das entflohene Glück. Sehen Sie, Sophie! so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsere Gräber!"
Ich sah gerührt in ihr weiches, liebes Gesicht. "Wissen Sie noch," fuhr sie fort, "wie es auch überall so schimmerte und duftete, als ich mit der seligen Amtmannsfrau zu der Tannenhäuserin ging, Sie uns nicht begleiten wollten und Er – das erstemal! Ich sehe ihn noch zwischen den büsche stehen, auf seine Flinte gelehnt, halb lächelnd, halb ernstaft, und in sich gekehrt. Damals! Mein Gott! wie hell, wie leicht war das Leben!"
"O bitte," rief sie rasch