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gutem Vernehmen zusammen führte. Das könne ich einsehen. Freilich lässt sich das einsehen. Aber w a s ist dies Ausserordentliche? Erst glaubte ich, Du wärest gestorben, Herzenskind! und Curd wolle mir dies nur nicht so plötzlich, ohne alle Vorbereitung sagen. Aber er beteuerte, das sei es nicht. Nun, sei es, was es wolle, etwas Gutes ist es nicht, darnach sah Curd nicht aus.

Es quält mich über alle Beschreibung. Ich will mir den jungen Amtsschreiber kommen lassen. Er soll mir wenigstens erzählen, was e r gesehen und gehört hat. Das wird dem doch hoffentlich kein geheimnis sein.

Begreife es, wer es kann! Du sollst Alles wissen, liebe Elise! vielleicht bringst Du was Zusammenhängendes heraus. Erschrick und ärgere Dich auch nicht, Kind! wenn Du gewisse Dinge liest, die Dir wohl anstössig sein müssen, die aber auch anders sein können, als sie auf den ersten blick scheinen.

Du kennst den Philipp Arendt von klein auf. Der Hellste ist er eben nicht, und wenn er nicht mit Curd, so zu sagen, auferzogen wäre, so würde er wohl nicht den Posten begleiten, den ihm dieser verschafft hat dafür kann sich aber auch mein Sohn auf seine Treue und Ergebenheit verlassen, weshalb er ihn denn wahrscheinlich mit sich nahm.

"Diese Fahrt," sagte Philipp, "ging sechs und dreissig Stunden Tag und Nacht fort. Gleich hier, in unserm Städtchen, liessen wir Pferde und Wagen stehen, nahmen Extrapost, und gönnten uns nicht Schlaf, nicht Mittags noch Abends eine Mahlzeit zu halten. Den zweiten Abend unserer Reise kamen wir an ein Gränzdorf. Das Zoll- und Mautwesen bringt dem Orte grossen Verkehr; auch liegt beständig ein Jägerdetachement hier, um die Pässe und Schleichwege durchs Gebirge abzupatrouilliren. Deshalb ist hier ein stattlicher Gastof seit vielen Jahren etablirt, vor welchem die Reisenden lieber anhalten und die Gränzwächter ihre Untersuchungen und Abschätzungen in aller Ruhe machen lassen, als vor dem Zollhause, hinter der vorgezogenen Kette, stundenlang unangenehme Dinge zu hören."

Als Curd seine Kalesche dort stehen liess, erzählte Philipp weiter, und dem wirtshaus zuging, sah dieser einen schönen, grossen Mann in demselben Augenblick langsam auf sie zukommen. Er grüsste, ohne dass mein Sohn, der in Gedanken vor sich niedersah, darauf achtete. Philipp machte es ihm bemerklich. Curd blickte auf. "Ach! da ist er schon," rief er. Das Blut stieg ihm dabei ins Gesicht und die Augen blitzten. "Höre," flüsterte er seinem Begleiter zu, indem er die Schritte beeilte, "ich habe mit dem Herrn ein Wort zu sprechen. Du verstehst mich. Ich habe ihn hierher bestellt. kommt es zu etwas, endet es auf eine oder die andere Art schlimm, so nimm hier meine Brieftasche, und reise so geschwind du kannst zu meiner Mutter zurück, damit kein voreiliges Gerücht sie erschrecke."

Der gute Junge, Elischen! wie er doch immer zuerst an mich denkt. Mich schauderte bei der Erzählung, und doch musste ich vor Freuden weinen.

Aber, höre nur weiter! Philipp sah nun, wie Beide in das Haus, die Treppe hinauf und oben in ein Zimmer gingen, das sie hinter sich abschlossen. Der arme Mensch hatte keine Ruhe. Er schlich langsam hinterdrein. In dem Coridor, rechts, waren beide verschwunden. Er liess die Nummer der Tür nicht aus den Augen. Horchen wollte er nicht, doch ungefähr beobachten, was drinnen vorging. Er hielt also Wache, und lehnte mit dem rücken gegen die Wand, so dass er das Schloss der Tür im Auge behielt, während er mehr dem nächstanstossenden Zimmer zugewendet schien. Erst sprachen die Beiden wenig und ganz leise. Philipp hörte sogar ein Paar Mal lachen, aber es war nur Einer, der lachte. Nach und nach hoben sich denn die Stimmen. Es ging Jemand in gemessenen Schritten quer durch das Zimmer, und zählte dabei laut. Dann ward einen Augenblick alles ganz stille. Nun rief eine stimme im Nebenzimmer so weich, so zärtlich und so verzweiflungsvoll: "Mein Gott! Mein Gott!" dass Philipp einen Schritt zurücktrat. Doch kaum waren die Worte halb weinend, halb schreiend ausgestossen, so fiel etwas, als wenn Jemand mit einem Stuhl umschlägt, und eine andere stimme stiess in fremder Sprache laute und ängstliche Töne aus. Schneller, wie der überraschte Amtsschreiber es fassen konnte, flog die Tür neben ihm auf, der fremde Herr und mein Sohn stürzten heraus, rissen das Nebenzimmer mit Gewalt auf, ob es gleich verschlossen war, und wie ein Blitz auf ein ohnmächtig daliegendes Frauenzimmer zufahrend, das blasser wie der Tod am Boden ausgestreckt lag, sank der Unbekannte mit einem fürchterlichen Schrei zur Erde, und Curd, beide hände über den Kopf zusammen schlagend, rief ebenfalls ganz ausser sich: "Herr Gott! das ist entsetzlich."

Was weiter vorging, wer das Frauenzimmer war, von dem allen weiss der Amtsschreiber nichts, denn mein Sohn gewann hinreichend Besinnung, um die Tür aufs neue fest von Innen zu verriegeln.

Niemand kam heraus. über zwei Stunden währte das so. Philipp, der nun nichts mehr für seinen Herrn fürchtete, ging ab und zu. Oft war es ihm, als würde drinnen viel geweint. Eine sehr sanfte stimme sprach ein paarmal lange, doch immer so leise, dass kein Wort zu verstehen war. Den Ton