voll Leute. Ich lief wohl zehnmal ans Fenster. Es rührte und regte sich nichts draussen.
Wieder nicht! seufzte ich. Denn heute hatte ich meinen Sohn bestimmt zurück erwartet.
Ich wurde nun auch müde. Nun so will ich nur immer auch schlafen gehen, nahm ich mir vor. Die silberne Wachsstockscheere hielt ich schon in der Hand, da winselte Waldmann, wie er wohl Nachts zu tun pflegt, ehe er bellt. Mir ward mit einemmale wieder bange. Ich setzte den Wachsstock auf den Tisch, ohne ihn anzustecken. Vor dem haus regte sich etwas. Waldmann sprang jetzt vom Stuhl und schnupperte umher. Ich rief ihm zu, da schlug er laut und heulend an. Es fuhr mir durch alle Glieder. Im Hof sprachen Mehrere leise. "Es ist ja noch Licht drinnen," hörte ich Curd ganz deutlich sagen. Gottlob! da ist er! rief ich, und im selben Augenblick kratzte der ungeduldige Hund auch, wie ausser sich, an die Tür, und kam dann zu mir gelaufen, blaffte und sprang wieder zurück; kurz, zeigte, dass er den Herrn wittre.
Mein Sohn öffnete während dem die Tür, Er kam mir so todtenblass vor, dass ich ihn nicht gleich erkannte. "Liebe Mutter," sagte er, und sah aus, als wenn er spasshaft sein wollte, aber seine stimme war heiser und zitterte auch. "Liebe Mutter, ich habe mich ganz verrechnet! Ich dachte nicht daran, dass hier die Leute wieder aufstehen, wenn unsereins in der Stadt zu Bette geht. In meiner neuen Wirtschaft bin ich's so gewohnt, und da Sie sich wohl vorstellen können, dass ein junger Ehemann immer mit seinen Gedanken da ist, wo er sein möchte, so werden Sie's schon verzeihen müssen, dass ich mir einbildete, zu haus anzukommen, indess ich nun hier doch erst ausschlafen muss."
"Hm!" entgegnete ich, und tat, als wenn ich ihm glaubte; aber ich konnte es doch nicht lassen, ihm fest ins Auge zu sehen. Er wurde rot! "Komm nur, komm!" fuhr ich fort, "Du wirst doch noch zu Nacht essen wollen, es ist ja erst halb Eins, das ist die rechte Stunde für Euch Weltkinder?"
"Bewahre der Himmel!" rief er so recht widerwillig. "Ich wäre nicht im stand, einen Bissen hinunter zu bringen."
Mich überlief es ganz eisig. Mein Gott! woher kommt ihm denn der Ekel vor Speise und Trank? dachte ich im Stillen. Ihm fehlte, soviel ich sah, körperlich nichts. Was widerstand ihm denn so bei dem Anerbieten?
Ich hatte oft gehört, dass, wenn ein Mensch von der Hand eines Andern gefallen wäre, dieser nach der unglücklichen Tat lange nichts geniessen könne, was ihn an Fleisch und Blut erinnere.
Das fiel mir jetzt wie Blei auf die Brust. Ich blieb in meinem stuhl sitzen. Ich konnte die Füsse nicht heben. Ich zitterte an allen Gliedern.
Mein Sohn merkte nicht sehr darauf. Er war ganz verstört. Nach einer Weile sagte er dann aber doch: "Sie sehen recht angegriffen aus, liebe Mutter! Gehen Sie doch ja noch ein Paar Stunden schlafen. Ich will mich auch niederlegen." "Wenn Du nur wirst schlafen können!" entgegnete ich, und sah ihn scharf an. Er küsste mir die Hand. "Ich denke doch," meinte er. Er war schon an der Tür, als er noch einmal umkehrte, und, mit den Fingern leicht gegen die Stirn fahrend, als strafe er sich wegen einer Vergessenheit, ausrief: "Habe ich doch gar nicht daran gedacht, Sie um ein Nachtlager für meinen Reisegefährten zu bitten, der so todtmüde, wie er von der heutigen Jagd zurückkommt, nicht daran denken konnte, sich Ihnen vorzustellen. Darf ich?" fuhr er fort, die Tür in der Hand, rasch und ohne mir Zeit zu lassen, nach Namen und Stand zu fragen, "darf ich draussen das Nötige besorgen?" Und fort war er.
Ein Verwundeter, sagte ich leise zu mir. Deshalb kamen sie in Nacht und Dunkelheit, deshalb musste der Wagen im dorf halten. Gewiss wurde der arme Mensch ganz still ins Haus und hinten nach Curds Zimmer getragen! Nun, der Himmel beschütze ihn! seufzte ich aus aufrichtigem Herzen. Ach Elischen! ich war so froh, dass es nur den Curd nicht getroffen hatte!
Wie aber die Freude darüber sich etwas mässigte, dachte ich doch auch an die Folgen. Wenn nun der Unglückliche hier stürbe? Mein lieber Gott! das wäre doch auch schrecklich, musste ich mir gestehen. Und dann, siehst Du Kind, ich hatte nur einen einzigen Menschen in den Gedanken, mit dem mein Sohn Händel gehabt haben konnte. Und wenn der – ich weiss nicht, wie mir's möglich gewesen ist, nicht gleich auf der Stelle im haus Erkundigungen nach dem Fremden einzuziehen? aber ich glaube, ich war zu schüchtern dazu. Ich fürchtete wohl, die Wahrheit zu erfahren. Und dann wollte ich auch nicht Lärm machen, und die gemeinen Leute früher auf die rechte Spur bringen.
Ich blieb also ganz still in meinem Armstuhle sitzen, gab keine Befehle, und machte keine Anordnungen, sondern überliess es Curd, was er bestellen werde. Du kannst daraus sehen, liebe Elise,