es nicht, obgleich ich wissen konnte, dass Hugo nicht in der Nähe war.
Agate und Rosalie liessen Gesang und Musik im Stich, und sahen mit den niedlichen Köpfchen lauschend aus der tür.
Jetzt ward der erwartete Gast gemeldet. "O viel, viel Ehre!" rief die Gräfin dem eintretenden Bedienten entgegen. Gleich darauf hielt der Wagen an der andern Seite des Hauses vor der Haupttüre. Unwillkührlich blickten alle Augen auf den Eingang des Salons. "Sie kennen unsern Nachbar?" sagte die Gräfin zu mir gewendet. "Ich werde ihn heute zum erstenmale sehen," erwiderte ich. "Unmöglich!" versetzte sie, "war er denn nie bei dem Präsidenten?" Ich wusste gewiss, dass das nicht der Fall gewesen.
"Ach!" versicherte sie, mit einer Art Respekt in Ton und Miene, "da werden Sie eine interessante Bekanntschaft machen."
Der, von welchem die Rede war, stand indess schon mitten im Zimmer. Die Gräfin flog mit allen Zeichen achtungsvoller Berücksichtigung auf ihn zu. Beide begrüssten sich unter mancherlei Hin- und Herreden.
Ich behielt Zeit, die Anmut und Würde einer Ehrfurcht gebietenden und rührenden Erscheinung, die ich jemals sah, ungestört zu bewundern.
Die zwanglose, vornehme Art, mit welcher der Comtur eingetreten war, hatte nichts von der veralteten Förmlichkeit, die seine Umgebungen ankündigten. Er bewies mir, dass der feine Ton guter Sitte jedem Zeitmomente angehört.
Agate hing sich mir, während ihre Mutter beschäftigt war, an den Arm, indem sie voll Extase flüsterte: "Er sieht superbe aus! Mein Gott! welch elegante Tournure, und die prächtigen Augen! Wie schade, dass die Haare schon weisslich schimmern! Die Augenbraunen zeichnen sich ganz köstlich gegen die Stirne aus. Sehen Sie, ich bitte Sie, wenn er sich so gegen Mama herunter beugt, mit welcher einzigen Grazie er dann den Kopf bewegt."
"Ein Glück," lachte Rosalie, welche herzu getreten war, "dass der himmlische Mann nicht zwanzig Jahre jünger ist, wir stritten uns beide bis aufs Blut um ihn."
"Dann müsste ich mich ja mit ihm schlagen," fiel Curd schnell ein. "Ich könnte ihm doch den Sieg über die beiden schönen Schwestern nicht einräumen. Aber auf Ehre." fügte er hinzu, "zu seiner Zeit ein gewandter und gefährlicher Gegner! Was das noch für eine Gestalt ist, selbst in dem verwünscht altmodischen schwarzen Rock! Die Taille ist um eine halbe Elle zu breit und zu lang, und doch trägt er sich so hoch, und sieht so schlank aus, dass man ihn beneiden könnte. Aber welch eine Toilette, mir wird angst und bange. Der Ordensstern sitzt u n t e r der Brust, statt oben an der Schulter. Das Halstuch –"
"O schweigen Sie! ich bitte Sie," rief ich ärgerlich. "Der Mann ist ja nicht von heute und gestern, das dächte ich, sähen Sie."
"Das ging wohl auf mich? Cousine," bemerkte Curd harmlos. "Nun, bin ich gleich keine respectable Antique, so bin ich doch kein Brudermörder. –" Ich sah ihn entsetzt an. "Ja! auf Ehre," beteuerte er, "an dem ist kein gutes Haar. Hat er nicht auf die schändlichste Weise von der Welt den rechtmässigen Erben um Alles gebracht?"
"Auf die schändlichste Weise?" wiederholte ich, als die Gräfin mit dem Comtur an der Hand zu mir heran trat, und dadurch unwillkührlich die kleine Gruppe teilte.
"Ich stelle Sie einander nicht erst vor," sagte die gewandte Frau. "Zwei so liebenswürdige Nachbarn," lächelte sie verbindlich, "sind durch den beiderseitigen Ruf zu wohl unterrichtet, um nicht auf den ersten blick über jeden Zweifel hinaus zu sein."
"Wenn auch Ihre Voraussetzung bei mir zutrifft, gnädige Frau," entgegnete der Comtur, indem ein höchst angenehmes Lächeln sein ernstes Gesicht erhellte, "so darf ich mir nicht schmeicheln, die Aufmerksamkeit der Jugend und Schönheit zu verdienen. nennen Sie daher der Dame gütigst meinen unbedeutenden Namen."
"Er ist mir nicht fremd," versicherte ich, in einem unbegreiflichen Gemisch von Teilnahme und Beklemmung. Ich errötete, als ich das sagte. Mir kam es vor, als habe ich dadurch verraten, auf welche nachteilige Weise ich zu seiner Bekanntschaft gekommen war.
Der Comtur heftete nun forschende Blicke auf mich! Sein Gesicht hatte den Ausdruck schmerzlicher Unruhe. Mund und Augen verrieten den Kampf peinlicher Erinnerung. Es tat mir leid; denn ob er sich gleich zu lächeln zwang, so glaubte ich doch in allen seinen Mienen etwas zu lesen, das dem Bekenntniss früherer Schuld und dem Tünch eines erkünstelten Gleichmuts ziemlich nahe kam.
Wir blieben mehrere Secunden stumm einander gegenüber, bemüht, wie ich glaube, dasjenige zu erraten, was wir gegenseitig verschwiegen.
"Ich muss mich doppelt glücklich nennen," hub er zuerst wieder an, "heute auch Ihre Nachsicht, gnädige Frau, für eine junge Anverwandtin erbitten zu dürfen, deren Ankunft in dieser Gegend ich in Kurzem erwarte. Mein Neffe, Graf Hugo, verheiratet sich, wie ich glaube, heute. Die jungen Eheleute werden bis zur Vollendung des neuen Schlosses zu mir in die Burg ziehen. Wollen Sie der Fremden, hier völlig Unbekannten, eine gütige Beschützerin sein?" fragte er mit einem Tone, der