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lassen," setzte er dann als Moral von der Fabel hinzu, "dass ich auf ein Glück verzichtete, von dem Du doch auch einmal eine lebhafte Vorstellung zu haben scheinst, das Glück erfüllter Liebe?" Ich lächelte. "Willst Du mich erröten lassen?" sagte er lebhafter, "eine teure Gefährtin von mir gewiesen, ihr grosses Herz zu stetem Entsagen verdammt zu haben, aus Rücksichten, die Niemand anerkannt, aus Vorsorge, die Eigensinn und Wankelmut zu Schanden machen? Soll die edle Sophie täglich Zeuge von der Nutzlosigkeit einer Entsagung bleiben, die nur zerrissene Verhältnisse zur Folge hatte?"

Ich wollte etwas erwiedern. "Lass mich ausreden," bat er, im Eifer erglühend, "lass mich ausreden. Als wir beide das Ordenskreuz auf die Brust hefteten, verdammten wir diese zu immerwährendem Verstummen. Wir haben Jahre hindurch geschwiegen, uns gemieden, und nur dem Alter ein Paar Sonnenblicke vor dem Abscheiden gegönnt. Ist es recht, dass Du auf diese kurzen Stunden noch einen Schatten wirfst? Ich habe geduldig gelitten, als auch Du littest. Es war ein schmerzliches, doch vielleicht auch unvermeidliches Geschick. Ich trug es so, und liess Dich's nicht empfinden. Jetzt aber, ein zweitesmal, jetzt, wo mehr als Glück, mehr als Ehre und gerettetes Bewusstsein auf dem Spiele steht, wo die rechtliche Handlung versöhnen, ihre Unterlassung d e n Namen beflecken muss, den ich der Nachwelt erhalten, ihn ihr rein überliefern wollte, jetzt, wo es unwiderruflich notwendig wird, vor den Menschen zu bestehen, oder mit ihnen, mit sich, mit dem Himmel zu zerfallen; jetzt frage ich Dich, zu was bestimmst Du Dich? Es könnte sein," fuhr er mit erhöhter stimme, meiner Antwort begegnend, fort, "Du wähltest in Deinem finstern Unmute "Darüber ist sie mit sich einig?" erwiderte ich fra"fest!" entgegnete der Comtur. Der letzte Hebel warf das ganze Gebäude über den "Ich könnte eher fragen," fiel er, sich aus seiner lielässt? Worauf wartest Du denn noch? Was soll geschehen, um Deine Verpflichtung unerlässlicher, die Lage der gekränkten Frau noch demütigender, Dich selbst endlich entschlossener zu machen?"

"Von allen diesen fragen," entgegnete ich leise, mit halbem Lächeln, "kann nur die letzte an mich gerichtet sein, und darauf, lieber Onkel! gibt es wohl in mir eine Antwort, doch halte ich sie für Andere nicht verständlich, darum vermag ich sie nicht laut werden zu lassen."

"Du vermagst oder Du willst vielmehr nicht," sagte er empfindlich.

"Was hilft das Eine o h n e das Andere?" warf ich ihm entgegen.

Er stand auf. "Wir sind uns nur selten," hob er, gedankenvoll vor sich hinsehend, an, "in unsern Meinungen und Urteilen begegnet, wir scheinen auch jetzt sehr verschiedener Ansicht zu sein. V e r s c h i e d e n e r A n s i c h t !" wiederholte er, um nicht zu sagen G e f ü h l . "Denn ich denke nicht, dass Dir das zartere Empfinden der Ehe, in welchem wir notwendig zusammentreffen m ü ss t e n , fremd sein könnte, wenn nicht eine andere Art, diese zu betrachten, sich zwischen unsern Gesichtspunkt schöbe."

"M e i n e Art," versicherte ich gelassen, "ist ganz einfach die, mit möglichster Freiheit das zu tun, was geschehen muss. Man ist aber nicht jeden Augenblick frei in sich. Bis der rechte kommt, bitte ich Sie, mich nicht zu verkennen und sich nicht beunruhigen zu wollen."

"Und Elise?" fragte der Comtur.

"Da wir noch lange einen Weg zu gehen haben," erwiderte ich bestimmt, "so wird sie wohl nicht verschmähen, ihren Schritt nach dem meinen zu richten, und sich nicht treiben l a s s e n , wenn ich sie bitte, länger, als es die Welt gut heisst, mit mir still zu stehen."

Der stolze Mann mass mich mit funkelndem blick. Doch hielt er an sich. Er ging einigemal an mir vorüber, im Zimmer auf und ab, ohne, wie es schien, sogleich ein passendes Wort finden zu können.

"Hugo!" sagte er darauf, sanft die Hand auf meinen Arm legend, "Du bist sonst weder hart noch herrisch, was ist es, dass Dich jetzt dazu macht? Ich überlasse Dir, den Grund davon zu finden. Ich glaube aber, wer im Rechten ist, der braucht sich eben nicht gegen weichere Gefühle zu steifen, noch kalt zu tun, damit man nur nicht an den Sommer denke, und frage, wo denn plötzlich das frühere Leben hingekommen sei? Geh nur! geh!" setzte er hinzu, "Du bist in der Liebe ein Egoist! und das kann sie am wenigsten vertragen."

Er verliess das Zimmer. Ich blieb in Gedanken zurück. Ich schrieb darauf Alles das nieder. Er hat unrecht, ich versichere Dich. Es klingt wohl, als wäre es was, aber die Menschen verderben es immer, dass sie den Menschen in Worte übersetzen wollen. Es fasst sich das gemischte Leben niemals im Einzelnen heraus; und was die ganze Seele füllt, davon behält der Andere nur ein Stück in der Hand.