? Ist der Zug dahin Instinkt? und können so willenlos zwei Menschen zu einander gezogen werden?
Gab es je ein Rätsel, meiner Entzifferung wert, so ist es dies! Aber ich gestehe Dir auch, vor dem ich schüchtern zurücktrete.
Und doch lässt es mich nicht!
Wirst Du es glauben, dass ich mich nur mit Mühe zurückhalte, ihr nicht zu folgen? F o l g e n , dazu gehört, dass ich wüsste, wo sie geblieben ist. Ja, wer das wüsste! Verschwunden, sage ich Dir. Spurlos! und gerade an dem Morgen! Gieb mir zu, es könnte einem Ruhigern etwas in den Kopf setzen.
Ich bin ein Paar Tage recht krank gewesen. Seitdem ist, wie durch ein stillschweigendes Uebereinkommen, noch nicht wieder die Rede von der Anberaumung meines Hochzeitstages gewesen. Elise – sage mir, Heinrich, hat sie aufgehört, mich zu verstehen? oder w i l l sie es nicht? Leicht, heiter, unbesonnen wie ehemals, schweift sie durch alle Regionen der guten Laune umher, neckt, reizt mich, bis ein Wort, eines von den unwillkührlichen, die zuweilen aus uns herausschreien, plötzlich an die bunten Flügel ihres Leichtsinns streichen, und diese, wie verbrannt, sinken. Sie wird dann stumm, wir sitzen ängstlich bei einander, bis ich gehe. Komme ich andern tages wieder, so scheint das nicht gewesen. Es fängt wie gestern an, und endet so.
Freiheit Freiheit! – Ich muss es bewundern, wie dem Menschen der Begriff kam, da er zum Sclaven einmal bestimmt ist. Sieh' Dir doch nur seinen inneren und äussern Zustand an, und dann prahle mit hohen Vorrechten, die nicht Leben, nicht Bestimmung bestätigen. Es ist wenig damit getan, dass man sagt, man lasse jedem seine Weise. Was kommt dabei heraus? einmal, und gerade, wenn Dir am meisten daran liegt, unberührt zu bleiben, reiben sich die Freiheitsansprüche gewaltig an einander. Richtungen stossen gegen Richtungen, der Krieg ist da, und conventionelle Aussprüche machen den Frieden. Du knirscht mit den Zähnen, und bist nichts als Dein eigner Narr.
Wieder auf aritmetische Aufgaben zu kommen; meinst Du, es sei der Mühe wert, den Verstand daran zu schärfen? wirst Du jemals den Menschen in Dir berechnen lernen? Und kannst Du das nicht, was willst Du mit dem Plunder von Wissenschaft?
In diesem Augenblick berechne ich, wann Walter wiederkommen wird. Ich habe ihn ausgeschickt, der Kerl ist pfiffig, er wird es ermitteln, wo sie hinging!
S i e ! sie! Lache nicht, Heinrich! Ich kann keine Ruhe finden, so lange ich nicht weiss, was dieses Wesen an mir hat.
Warum ich nicht selbst? Ihr nach? Fragst Du! Ja, wenn es erst dahin mit mir ist – dann!
sonderbar! Der Oheim lässt sich auf seine feierliche Manier in diesem Augenblick bei mir ansagen. Er muss etwas wollen, und seinen Sinn gerade auf diese Stunde gestellt haben. Ich bin doch neugierig!
Heinrich, der Onkel hat sich verrechnet. Von d e r Seite fasst er mich nicht. Ich habe hier keine Zugänge.
Das Opfer eines Lebens um einer Chimäre willen! Mich lässt das kalt, weil ich den ganzen Gedanken nicht begreife.
Uebrigens sagt er mir nichts Neues. Ich bin nur neugierig, w e s h a l b er mir es sagt. Unnütze Mühe! Ich werde ja frühe genug tun, was sie wollen.
Nun, er trat ein. Man sah ihm gleich an, dass er nicht ohne Absicht da war. Er fragte nach meinem Befinden. Ich musste innerlich lachen. Meine Antwort beruhigte ihn vollkommen. Er stand und blätterte in einem Heft Kupferstiche. Ich ging auf und nieder. Leicht mochte ich's ihm nicht machen, darum schwieg ich. Endlich setzte er sich. Ich auch. Es begegnet uns oft, so eine Weile stumm neben einander zu sein, ohne dass uns dabei etwas auffällt. Heute schien es ihm peinlich. Er war in seiner hohen und trockenen Stimmung. "Lieber Hugo!" brach er jetzt das Schweigen, "Du zwingst mich, etwas zu tun, was ich sonst nicht leicht tue, von mir selbst zu sprechen."
Der Eingang schnitt plötzlich ein. Ich stutzte, und sah verwundert zu ihm hin.
"Schon lange," fuhr er fort, "gehen wir an einander hin, ohne dasjenige berühren zu wollen, was zwischen uns liegt."
So weit, dachte ich, holt er aus! Ich seufzte. Er mochte das anders deuten. "Du hast recht," versicherte er. "Es ist allein meine Schuld. Schiebe das aber auf eine unüberwindliche Blödigkeit, die in meinem Charakter liegt, und die mir es auch jetzt schwer macht, mit Dir über diesen Gegenstand zu sprechen."
Jetzt hatte er mich ganz. Er rührte mich. Niemals widerstehe ich dem verschämten Bekenntnisse eigener Schwäche! Und hier! das Alter der Jugend gegenüber! Wie gesagt, ich war sein. Er hätte viel mit mir machen können. Aber meine sichtliche Bewegung täuschte ihn über sein Uebergewicht. Er handelte jetzt mit mehr Selbstbewusstsein als Klugheit die alte geschichte mit meinem Vater ab, er entwickelte Grundsätze, die nicht die meinigen sind, und tat sich etwas darauf zu gut, dass er nicht geheiratet hatte. "Wirst Du es mich bereuen