, und starrte hinein, als wollte er das Kind mit Gewalt wieder darin sehen. "Hm!" sagte er dann vor sich in Gedanken, halb stöhnend, halb ungeduldig, schnippte mit den Fingern, (was er immer sehr laut und schallend zu tun pflegte) und kam ganz still und in sich gekehrt wieder heraus. Es währte eine Weile, ehe er dann zu irgend einem Menschen sprach. Ja, er hatte ein weiches Herz und ein treues, bis in den Tod. Aber das ist wahr, dem Doktor wurde er nicht wieder gut, seit er ihm das Kind hatte sterben lassen. Er sah ihn nachdem niemals in seinem haus, und wo er wusste und konnte, ging er ihm aus dem Wege. Einmal trafen sie gerade bei einer Kindtaufe zusammen. Ich mag nicht daran denken, es war ein schlimmer Tag. – Daher weiss ich, dass er unversöhnlich und nachtragend war, wie Du es jetzt auch zu sein scheinst. Das ist aber nicht das beste Erbstück von Deinem Vater. Sei ja auf Deiner Hut. Man kann sich da etwas auf das Gewissen laden, und kriegt es dann nachher nicht wieder herunter. Nicht lange nach dem Kindtaufsschmausse starb der Doktor. Es glaubten Viele, und ich auch, er sei vor Aerger gestorben. Dein Vater tat nicht, als denke er weiter daran; aber er ist ihm bald gefolgt. So zieht Eins das Andere nach sich.
Lebe recht wohl, mein lieber Sohn! Bedenke Alles, was ich Dir gesagt habe, und grüsse Deine Frau, die ich sehr begierig bin, kennen zu lernen.
Elise an die Tante
Sie sind wieder gut und freundlich! Ich wusste es wohl. Lange konnten Sie auf Ihr Pflegkind nicht böse sein. Nun, und der Curd, Tantchen! der hat eine ganz andere Frau bekommen, als Ihre blasse, hagere, kränkelnde Elise. Ich versichere Sie, so ein zierliches, frisches Persönchen, so grelle Augen, und einen Anzug, wie ihn die Prinzessinnen nicht allerliebster haben können. Wenn Beide in Curds niedlicher Equipage durch die Strassen fahren, die braune Muschel, das rote Gestell, die schönen englischen Pferde, und der Piqueur, der so gewandt voraus reitet, – Ihr Mutterherz würde doch vergnügt schlagen, nicht wahr?
Sie sind so sorglich in der Nachsendung meiner Sachen, beste Tante! Es ist Alles aufs Beste eingepackt, hier angekommen. Da steht es nun um mich her. Auch die Kisten und Koffer aus meiner ehemaligen wohnung in der Stadt. So eine ganze Vergangenheit! Neulich wollte ich mich einmal putzen. Ich liess ein Paar Paquete öffnen. Ich musste lachen über den zerknitterten Staat von ehemals! Und wie mir die Kleider sitzen! Nein, Ehre hätten Sie mit mir nicht vor der Welt eingelegt! Da ist Agate ein anderer Schmuck Ihrer Familie. Ich soll recht glänzend an meinem Hochzeitstage erscheinen. Der Oheim will das. Er ist feierlich in Allem, und hält viel darauf. Nun sehen Sie, ich bin eine gute Wirtin, ich meinte, unter meinen ehemaligen Hoftoiletten, da würde sich wohl genug finden, um auf der Burg die nötige Figur zu machen. Ich bin aber sehr unglücklich im Suchen, und dann wie Alle, wenn sie nur etwas haben wollen, so treffen sie immer das Unrechte, mir ging es eben so. Ich fand in einer der Kisten Georgs abgelegte Kleidchen, sein Taufzeug und meinen Brautkranz Ich habe seitdem nicht weiter gesucht! Ich denke, kommt Zeit, kommt Rat. Wir haben auch Zeit, Tantchen! Die Erwartung mag leicht das Beste vom Leben sein. Wir nehmen es so. – Ueberdem wissen Sie ja, ich lasse gern Andere für mich sorgen! Ruhe und Bequemlichkeit gehen mir über Alles.
Ich wurde hier unterbrochen. Ich weiss wahrhaftig nicht mehr, was ich noch sagen wollte. Nehmen Sie es für gesagt, beste Tante! und denken Sie, es könne nichts anders gewesen sein, als die erneuerte Versicherung meiner dankbaren Liebe.
Hugo an Heinrich
Was das noch werden soll! Wie das enden wird! Ich nehme mich zusammen, ich denke nur, was ich denken will, ich arbeite angestrengt. Eine Menge aritmetischer Aufgaben liegen um mich her. Ich biete Scharfsinn und Combinationsvermögen auf, mich von jedem fremden gegenstand abzuziehen. Aber wenn mir endlich Nachts die Augen über der Arbeit zufallen, wenn ich träume – Heinrich, ein Traum kann unser Herr werden – schämst Du Dich nicht, von der Kraft des Menschen zu sprechen? Immer sitzt sie da, d a auf d e m s e l b e n Fleck unter ihren Tieren. Sie gibt ihnen das Futter mit der kleinen, weissen Hand, die gelbe Hirschkuh legt das Köpfchen an ihre Kniee. Die Fremde meine ich. O, denke nicht, ich fasele von dummem Spuk, das abgedroschene Geschwätz aller modernen Tages- und Monatsblätter. Nein, von i h r , von der F r e m d e n rede ich. Was übt dies Wesen für eine unbegreifliche Gewalt über mich aus! Siehst Du, dies ist viel tiefsinniger, viel grauenhafter, viel verzweigter in der geheimnissvollen Verwandtschaft der Seelen, als solch phantasmagorisches Gespenst; u n b e w u ss t verwandt mit dem melancholisch wimmernden, ruhelos umherstreifenden weib! Denke es Dir, Heinrich! was zieht sie mir nach? was brachte sie auf d i e Stelle? was wollte sie da unter den Tieren