hier. Es ist nicht gut, die Flügel viel zu rühren, wenn man einmal im Käfig sitzt. Die Lust, weiter zu fliegen, könnte zu verzweifelten Versuchen verleiten.
Und dann –! Es ist sonderbar –! Ich kann hier nicht weg. Es ist etwas in diesen Mauern, in dieser Atmosphäre, in –! ich weiss nicht, soll ich sagen, in dem unsichtbaren Wehen der Luft? was mich an diese Gegend bannt. Genug, ich möchte nicht einmal anderswo sein, wenn es sich auch fügte.
So etwas Tolles setzt sich der Träge, der Unsichergewordene in den Kopf. Das Geschick h a t uns nicht allein zum Narren, es m a c h t uns auch dazu.
Aber das ist doch wahr, der Ort, an welchem man lange ein innerliches Leben führte, der wandelt sich nach und nach um. Er nimmt die Farbe unserer Welt an, die Gegenstände treten in eine Beziehung zu uns, die sie beseelt. Es ist nicht mehr der w i r k l i c h e W a l d , der w i r k l i c h e S t r o m , in und auf welchem sich Andere bewegen; was uns umgiebt, das gehört zu d e r Heimat, von welcher Niemand ausser dem verborgenen, geheimen Gedankenleben in uns, etwas erraten wird.
Und weiss der Himmel! es trifft wirklich auch immer so viel zu, was den Wahn nährt. So kam vor einiger Zeit eine Fremde in meiner Nachbarschaft an. Ich erzähle Dir wohl einmal mehr von ihr. Sie ist krank, unglücklich, wahnsinnig, weiss der Himmel, was nicht alles! genug, es ist so etwas Verhülltes, das mich fasst, mich an sie zieht. Du kennst mich ja. Moralische Rätsel finden an mir ihren Mann. Je verschlungener der Knoten ist, desto erpichter bin ich darauf, den Fäden nachzuspüren. Das ist meine Aufgabe. Es ist eine unerquickliche Begleitung, nebenher zu laufen. Aber das Keimen und Werden, eine Hülle nach der andern abwerfen, und immer freier und freier hervortreten –!
Wie das spannt, Heinrich! Was die Phantasie da arbeitet, wie man vorausschliesst, sich irrt, die Richtung ganz verliert, und dann plötzlich wieder auf der natürlichsten, einfachsten Spur ist! Man wird nicht müde, man weiss nichts von der Zeit. Gottlob! dass einem immer wieder solche Probleme aufstossen. Sie sind der einzige Sporn zum Leben!
Nun, die Kranke ist eine solche Aufgabe. Ich weiss nicht, ist sie jung oder alt? Ihr Gesicht sah Niemand. Darüber gibt es nun Fabeln ohne Ende. Es ist aber kein Grund für irgend eine vorhanden, darum sind sie alle bodenlos, und das ist es eben, was mich dabei stachelt. Je mehr die Sache ohne allen Zusammenhang, wie ein Dunstbild, in dem weiten Umkreis der Mutmassungen schwebt, desto mehr treibt sie zur Forschung und spannt die Fähigkeiten des Verstehens. Es ist keine Komödie, die sie spielt, wenn sie nur bei Nacht aus ihrem Versteck hervor tritt, und ruhelos die Gegend durchstreift. Sie ist auch keine Mondsüchtige, wie man anfangs sagte, ich bin ihr in der Dunkelheit wie im Sternenlicht begegnet, und, beim Himmel! wenn sie so am See, unter den Weiden, in ihrem Garten sitzt, und in der Hoffnung, dass sie hier Niemand belauscht, laut und herzzerreissend weint, dann spüre ich nichts von Bewusstlosigkeit in ihr; diese Tränen presst ein heisses, bitteres Gefühl aus.
Du wirfst es mir vor, ihr so unbescheiden zu folgen! Ich sage Dir aber, ich s u c h e sie nicht. Wir begegnen einander so, als wenn es sein müsste. Das war schon früher der Fall, auf ihrer Reise in einer fürchterlichen, stürmischen Nacht, in einem Augenblick, wo eine heisse, ungeduldige Erwartung mir kaum den blick für etwas Fremdes liess. Und doch! und doch! Ich meide sie seitdem. Zuweilen vergesse ich sie, wie mich, bin in meinen eigenen Gedanken, und gerade dann, eben als wenn es sein müsste! Gewiss ist es, irgend eine geheime Beziehung treibt mich dann den Strom hinauf nach dem See hin, der sich in diesen ergisst. Und wäre es auch nur eine unbewusste, m a g n e t i s c h e Beziehung. Ich sagte das gestern im Scherz zu Elisen. Sie lachte mich aus. Wir stritten darüber. Es kam nicht viel heraus. Sie war zuletzt empfindlich. So sind die Frauen! Durch tausend Umwege beziehen sie die Dinge auf sich, und vollends, wenn sie ein Recht auf uns zu haben meinen. Muss denn Alles rechtskräftig hier auf Erden sein, um Ansprüche auf freie Existenz zu gewinnen? Auch die Liebe? Wenn sie doch der nicht das häusliche Matronenkleid über die glänzenden Flügel ziehen, und sie wieder zur Puppe machen wollten, was sie war, als die Seele heraustrat! – – – – Es sind aufs neue Wochen hingegangen. Ich hatte Dir eben nichts zu sagen. Ich war verdriesslicher, als ich es rechtfertigen kann. Der Oheim erinnerte so oft, dass es Zeit werde, an meine Verbindung mit Elisen zu denken. Die Welt, sie selbst erwarte es vielleicht. Ich konnte ihm nicht unrecht geben. Aber, nenne es, wie Du willst, erkläre es, wie Du kannst, mich befiel jedesmal ein Grauen