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für das Glück habe ich noch nicht Freiheit, nicht Raum genug in mir. Es macht mich schüchtern, ich werde so klein vor dieser Grossmut des himmels, ja ich sinke in mir selbst, wie in einem engen Winkelchen, zusammen.

Das war es auch wohl, was der Comtur meinte, als er mir zuflüsterte: "Ich erkenne die heitere Freundin von ehemals nicht wieder. Wo hat Elise die jugendlichen Schwingen gelassen, mit denen sie das blaue Luftmeer mutwilliger Laune so oft durchschiffte?"

Ich drückte seine gute, liebe Hand. "fragen Sie nicht," bat ich. "Sie müssen Geduld haben mit einer Genesenden. Wenn auch schon die Fähigkeit zur Bewegung da ist, man getraut sich nicht, die lang entwöhnten Kräfte zu gebrauchen."

Er lächelte wohl, doch sah er auch ernstaft aus, und schien mich erforschen zu wollen. Mag er das! Es liegt nichts im grund meiner Seele, das seinen blick scheuen müsste. O Liebster! fassen Sie doch die Seligkeit, dass ich das sagen darf!

Wissen Sie wohl, dass es innere Uebereinstimmung allein ist, die uns billig und herzlich gegen andere macht. Wäre der brave, alte Baron Wildenau zu jeder andern Zeit so unerwartet an einem Tag, wie der heutige, hineingefallen, wir würden ihn unwillig und trokken abgewiesen oder bei Seite gelassen haben. Nun empfingen wir ihn bescheidener, und fühlten ohne Störung, dass unsere Wärme ihn auch erwärmte, und er sein Herz aufschloss. nachher brauchten wir uns nicht weiter grosse Gewalt anzutun, um ihn zu hören. Es interessirte uns wirklich, was er über Leontin sagte, dessen letzter Brief merkwürdig genug sein mag; wenn man ihn nur zu lesen bekäme! Die wenigen Fragmente, in die Sprache des Vaters übertragen, geben nur confusse Vorstellungen. Der Gedanke, statt eines strengen Mönchklosters, wie es der tiefsinnige Mensch früher gewollt, eine weltliche Erziehungs-Anstalt für Knaben zu stiften, hat mich besonders gerührt. wunderbar, dass uns gerade heute Nachricht von dem dunkeln, ganz aus dem Gesicht verlornen Freunde kommen musste!

Gestehen Sie, dass ich wenig eitel sein muss, um es dem ungalanten Baron nicht nachzutragen, dass er mich erst nach einer ganzen Weile wieder erkannte. Ich fürchte, lieber Hugo! die Veränderung, welche der Oheim nur an meiner Laune zu finden glaubt, wird sich auch wohl auf meine ganze person erstrecken. Armer Hugo! so ist der Herbst des Alters doch wohl vor der Tür! und der Frühling der Jahreszeiten leihet uns nur ein Stückchen von seinem Leben!

Ich will mit dem traurigen Schluss nicht auch den Brief schliessen. Deshalb frage ich Sie noch, was haben Sie denn mit Sophie angefangen? Die kam ja von ihrer Wasserfahrt so ernst und wortkarg zurück, als sei etwas vorgefallen, das ihr die Lust des Tages trübte? Ihr habt wohl sehr tiefsinnige gespräche geführt, und Euch in feierliche Betrachtungen hinein vertieft? Mir geht nach gerade die Sprache aus! Gute Nacht, Hugo! Ich nehme all mein Glück mit mir in den Schlaf, und will davon träumen. Gute Nacht! gute Nacht!

Sophie an Hugo

Ich vergass Sie zu erinnern, Elisen unser Begegnen mit der gespenstigen Fremden nicht zu erzählen. Es wirft immer einen Schatten auf den hellen Tag zurück, und sie hat diesen so rein genossen! Ich fand sie noch in grosser Bewegung am Schreibtisch. Die Augen leuchteten ihr vor Freude, als sie die schönen, langen Wimpern zurückschlug, und mich halb gerührt, halb triumphirend, mit einer Miene ansah, die wohl sagen sollte: Nun, Zweiflerin? ist nicht dennoch Alles gut geworden? Bin ich nicht das glücklichste geschöpf auf Erden?

Wie wenig passt zu dem warmen Rot, das in dem Augenblick ihre Wangen färbte, ja wie ein Rosenhauch über sie ausgegossen schien, die blasse Trauergestalt, die so einsam in ihrer Gondel aus der buschigen Erdzunge von Wehrheim hinaus fuhr, und zwischen dem säuselnden Schilf hindurch, unsere Bahn durchschnitt. Schauerlich, sagten Sie, sei Ihnen die Nähe dieser Gemütskranken. Mir hat ihr unerwarteter Anblick eine kältende Angst in der Seele gelassen, und wirklich muss ich es ein Glück nennen, dass Sie in dem gekrümmten, kleinen Fährmann den Bedienten der Dame erkannten, und dadurch alle Gedanken an Geistererscheinung, von vorn herein verscheuchten, denn in der Tat, dies plötzliche erscheinen und an uns Hingleiten, dies Fortbewegen auf dem wasser ohne hörbaren Ruderschlag, das wispernde Rascheln der Rohrhalme, es hatte viel Spukhaftes! Zudemich wette, wurden auch Sie an etwas erinnert, das mir die Brust zusammen zog. Es war eine Aehnlichkeit in der Bewegung der arme, in der Art, den Schleier rasch zusammenzuschlagen, sich ganz hinein zu wickeln, dieselbe Neigung des Kopfes, ein wenig auf die Seite, und dann nach vorne gebückt. Das nämliche Zusammenziehen des Körpers, so in sich hinein, wie Jemand, der friert. Ich weiss, sie ist leidend! aber es trifft mit der Gestalt zusammen! und dann der Abend, das Halbdunkel! heute gerade! Ich wollte, die Unerfreuliche verliesse diese Gegend bald! Ich fragte neulich den Arzt nach ihr. Elise achtete sehr aufmerksam darauf.

Er wusste nicht viel von ihr. Es behandelt sie ein französischer Doktor. Er ist bei der Legation. Er kommt wöchentlich mehrmals aus der Residenz hierher, und geht sodann über das Kloster der frommen Premonstratenser Mönche zurück. Er zeigt nur gleichgültiges Nichtachten bei allen Erkundigungen