Stadt, am hof, zeigte sich der würdige Mann unsertwegen. Ihm ward eine lange Unterredung mit der Fürstin Mutter, in welcher diese zuletzt eingestand: Es sei so viel für die Bewahrung der Sitten gewonnen, dass nun jedes andere Gerücht zum Schweigen gebracht werde. Auch hat sie mich grüssen lassen, und geäussert: Der Zutritt an Hof stehe mir frei, wenn ich ihn suchen wollte.
Alles dies schreibe ich Ihnen, weil es auch Sie vielleicht gütiger stimmt. Werden Sie mir wohl antworten? Und sollte ich diese Antwort fürchten müssen? Oder – ich weiss es nicht, aber ich denke manchmal, mein Glück muss Sie rühren! und am Ende, wenn Alle aufhören, mich zu schelten, wollen S i e , die früher A n d e r e , ihrer Strenge wegen, tadelte, jetzt erst anfangen, es diesen gleich zu tun?
geben Sie mir Ihre Hand, lassen Sie mich sie küssen. Sein Sie wie immer, die Gütige, die nicht zürnen kann.
Hugo an Elise
Der Einfall, den schönen Frühlingstag in Wehrheim zubringen zu wollen, ist vortrefflich. Wissen Sie, dass der gestrige, warme Regen alle Knospen der Mandelblüten geöffnet hat? Wie ein rotes Wölkchen zieht es sich unten an den Bergen hin! Und am Boden, der frische Rasenteppich! und darüber, den Glanz der klaren, milden Merzsonne! Ich sage Ihnen, Elise! das helle Wehrheim tritt wie ein Zaubergarten aus den blauen Wellen unsers Stroms herauf.
Nun, Sie werden ja sehen! Ich kam eben von dort, als ich Ihr Billet fand. Wir hatten e i n e n Gedanken! Es ist sonderbar, sagen Sie mir, wie die natur oft in so frappantem Zusammenhange mit dem Geschick der Menschen zu stehen scheint! Dieses hat auch seine Abschnitte, und nicht selten correspondiren Jahreszeiten und Lebensepochen höchst wunderbar! Ich erinnerte mich auch heute der starren, verwilderten Stimmung, in der ich den lieben Ort, unter Winterstürmen und Eisnebeln, vor wenigen Monaten durchstrich, und freute mich, den schönen Frühling in ruhiger Brust aufnehmen zu können.
Lassen Sie es uns vergessen, dass die Stunden z e i t l i c h und auch der Frühling vergänglich ist! Wir wollen heute tun, als könne weder ihm noch uns der Wechsel etwas anhaben!
Sophie begleitet Sie doch? Sie gehört so sehr zu uns. Der Oheim kommt auch, vielleicht später! immer indess vor Abend. Sie haben auch die Nachtluft zu scheuen. Ob mir gleich nichts über das Hineindämmern in die geheimnissvollen Dunstbilder des Taues und die breiter fallenden Schatten geht. Könnten wir die Rückfahrt nicht zu wasser machen? Aber ich besinne mich! Nein! Nein! Sie scheuen das. So fahren Sie mit dem Oheim, und ich bringe Ihnen Sophie nach. Guten Morgen, Liebe!
Elise an Hugo
Welch' einen Tag haben wir verlebt! Ich kann noch nicht schlafen gehen. Es ist Alles wach in mir! Haben Sie es denn empfunden, wie mir ward, als mich der Comtur die Treppe zum schloss hinauf führte? Und ich nun eintrat, nun da war, da sein d u r f t e , in der neuen Heimat. – Ich hatte früher das nie gedacht, nie geträumt, die Empfindung überwältigte mich, man ist sich fremd in den ganz neuen Lebensbeziehungen, ich zitterte, ob aus Schwäche, aus Freude oder einer höhern Macht, die mich bis hierher führte? ich weiss es nicht zu sagen. Mein sanfter Begleiter schien mir über alles, so wie über die Stufen der Treppe weg, und nur v o r w ä r t s helfen zu wollen. Dann liess er mich, und trat einige Schritte seitwärts, als wir innerhalb standen, und ich gleichsam eingeweiht war, und Besitz von meiner künftigen wohnung genommen hatte!
Hugo! wie ist es denn möglich, dass plötzlich alles so anders werden, die Vergangenheit versinken, und eine Gegenwart da sein kann, die mit dem schon gelebten teil des Daseins in keiner äussern Verbindung steht, und doch g a n z da ist, v o l l s t ä n d i g , b i n d u n g s l o s , wie die Ewigkeit ihr unbegreifliches Leben um uns verbreitet?
Ich habe den ganzen Tag über diese Frage nicht hinausgekonnt. Dass ich das nur fragen musste! Es waren überschwengliche Stunden, in denen ein Menschenherz brechen könnte, weil es das nicht fasst, was es zu reich beseligt!
Sehen Sie, wie wir nun nach und nach häuslicher in dem unbewohnten schloss wurden, wir bei einander sassen, das Auge mit allen Gegenständen ausser uns vertraut ward, Niemand gerade sprechen mochte, der Fluss so eintönig rauschte, als sage er uns seit Jahren dasselbe, unsere hände in einander lagen, die Blicke über die Landschaft hinglitten, die Mandelbäume ihre roten Kronen leise bewegten, und das wasser frische Lüftchen heraufschickte, um uns den milden Blütenduft näher zu bringen, ich hätte denken können, es sei immer so gewesen! Und dann erschrack ich doch wieder, und fragte mich, ist es denn nun erlaubt, dass ich hier bin? dass ich seine Hand in die meine schliesse? dass ich es zeige und sage, wie ich ihn liebe? Diese innere Ruhe, diese Sicherheit ist kein Traum! Hugo, lieber Hugo! Der Himmel hat mir viel Mut, und durch lange Zeit Kraft im Unglück gegeben; aber