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c h e r l i c h ist bei der Sache nichts. Sie müssten es denn komisch finden, dass Ihre Cousine unterwegs in der fameusen Waldschenke, den Ort ihrer früheren Zusammenkünfte, einen ärgerlichen Auftritt mit einer lustigen Punschgesellschaft hatte, und höchst derangirt dort auftrat, denn h i e r ist sie gewesen," beteuerte sie feierlich, "sur cela, je vous engage ma parole d'honneur. Sie wurde am Ende halb mit Gewalt nach dem Amtause gebracht, nachdem sie auf öffentlicher Landstrasse des histoires d'autre mond aufführte. Wenn Sie das so sehr amüsirt, mein lieber Rittmeister! mache ich Ihnen einen Knix, und sage kein Wörtchen mehr."

Die französischen Floskeln verrieten mir die hämische Absicht und die zügellose Bosheit, mit der mich die Gräfin beleidigen wollte, denn sie redet nur modern, (wie sie reines Deutsch nennt) wenn sie sich bewacht und verbindlich sein will. Ich strich daher einen guten teil von dem Inhalte ihres Berichtes. Doch auch so musste ich mich zusammennehmen, um dem Geschwätz mit Fassung auf den Grund zu kommen.

Eine Zeitlang spielte die ungezogene Frau, die mich eigentlich in der nächsten Anverwandtin impertinent beleidigt hatte, die Empfindliche. Sie wollte mit keiner ihrer tausend Anekdoten, von denen ich eigentlich mehr Licht über die Sache zu erhalten dachte, herausrücken. Zuletzt brannten sie ihr aber doch auf der Seele. Sie konnte es nicht über sich gewinnen, zu schweigen. Ich erfuhr genug, um anderwärts nähere Erkundigungen einzuziehen.

Ich kann nur so viel mit Bestimmteit sagen, dass Elise wirklich Schritte gegen Eduard getan haben soll, dass diese aber auf Rechnung einer ausgebrochenen Krankheit geschoben werden, welche sie dem tod nahe brachte. Sie liegt in ihrem ehemaligen Wohnort, im haus des Amtmanns, ohne alle Hoffnung. Hugo verlässt sie keinen Augenblick, und die Stiftsdame Sophie wird sie unfehlbar, wenn nicht dem grab, doch dem Traualtare zuführen.

Das kommt von dieser unseligen Reise, die Sie hintertreiben mussten, wenn Sie Ihren Sohn nicht über die verzogene Nichte vergassen. Unsere Hoffnungen, gute Mutter! sind nun auf die eine oder die andere Art dahin! Noch zittre ich für Elisens Leben. Aber es kann ein Augenblick kommen, wo ich sie lieber tot, als in den Armen des verhasstesten aller Menschen wissen möchte! Im grund meiner Seele fürchte ich diesen Augenblick am meisten!

Ich sage Ihnen heute ein trauriges Lebewohl. arme Mutter! Sie werden sehr betrübt sein. Ich bin es auch!

Ich will hinaus zum Förster. Wir jagen zuweilen mit einander, vielleicht erfahre ich da etwas von ihr.

nächsten Posttag schreibe ich wieder.

Sophie an den Comtur

Ich habe Ihnen, lieber Freund! heute viel, sehr viel zu sagen!

Sie erwarten Nachricht von unserer Kranken. Walter wartet darauf, sie Ihnen zu bringen. Ich bin hierdurch, wie durch die Ungeduld, Ihnen Alles mitzuteilen, was mir das Herz erfüllt, gedrängt, und doch kann ich meiner Gewohnheit nach, nur gesammelt und n a c h e i n a n d e r meine Berichte machen.

Zügeln Sie also Ihre Ungeduld ein wenig. Auch unser flinker Bote muss sich gedulden.

Ohne dass ichs Ihnen erst melde, sehen Sie es diesem Briefe schon an, dass Elise seit dem entscheidenden neunten Tage in der Besserung vorschreitet. Sie hatte, wenn auch eine schlaflose, doch eine ruhige Nacht.

Allein, eben von d e r Nacht habe ich Ihnen zu erzählen. Ich durchwachte sie mit Hugo im Nebenzimmer. Er war wie ein Mensch, an dem ein grosses Unglück vorüber gegangen ist, weich, dankbar, inniglich, bis auf den laut der stimme und den schwimmenden Glanz des Auges. gang und Sprache, Alles war leise. Es bebte noch die heftige Erschütterung hindurch. Selige, unaussprechliche Stimmung, in der sich der niedergebeugte Geist schüchtern und ehrfurchtsvoll zur Hoffnung erhebt.

Hugo sah die Welt in anderer Gestalt. Die Freude färbte ihm das Leben heller. Auch auf mich trug er einen teil der grösseren Wärme über.

Wir sassen neben einander, wir sprachen so tonlos, dass kein Wispern und Flüstern die gereizten Nerven der Kranken berührte. Das matte Lämpchen, noch durch einen Schirm geschwächt, schimmerte ganz fahl. Wir hörten jeden Atemzug unserer Freundin. Er war gleichmässig, und würde uns über ihre Schlaflosigkeit getäuscht haben, wenn das Rascheln der seidenen Decke und die Bewegung der Gardinen es nicht verraten hätten, dass sie wache.

"Sie erkannte Sie gleich, als ihr das Bewusstsein wiederkehrte?" fragte ich Hugo. Er bejahte es mit sichtbarer Rührung. "Was sagte sie denn?" hub ich nach einer Pause wieder an. "Sie nannte meinen Namen," entgegnete er. "Und –" er stockte einen Augenblick. "Dann," fuhr er fort, "hob sie beide arme zum Himmel hinauf, und begleitete diese Bewegung mit einem langen blick, den sie lächelnd auf mich niederfallen liess."

"Ja," erwiderte ich, "sie wäre auch wohl nicht erwacht, hätte sie Ihr schmerzlicher Ruf nicht geweckt."

Er sah lange schweigend vor sich hin. "Ich also, meinen Sie," nahm er endlich das Wort, "habe sie ins Leben zurückgerufen! Wie wird das Leben für sie aussehen?" Er lächelte auf seine schmerzliche Weise. Mich erschreckte das. Ich wollte es zu keinem inneren Verlieren bei ihm kommen lassen. "sehe'n wir nicht