Nicht mit der grossen, alten Dame, die Papa schickte."
Ich nahm die gute Lindhof unter dem Arm, und sie in ein Nebenzimmer führend, bat ich sie, mir ruhig und zusammenhängend zu erzählen, was sich hier zugetragen habe.
Ich erfuhr nun leider, dass gerade das, was ich verhüten wollte, dennoch geschehen war. Elise und die Oberhofmeisterin trafen hier zusammen. Die Letztere, die Zeit meiner Abwesenheit auszufüllen, fuhr hierher, um das Nötige wegen des Knaben Abholung mit seiner Pflegerin zu bereden. Sie fand Elise dort. Wie sich B e i d e begrüssten, was verletztes Muttergefühl B e i d e sagen liess, wie sie schieden, wozu die Unglückliche jetzt verleitet ward? Ich dränge es in die wenigen Worte zusammen: Elise ist auf dem Wege, eine Klage g e g e n E d u a r d , wegen Bruch des Scheidungsvertrags, gerichtlich einzugeben.
Dies Aergerniss muss um jeden Preis hintertrieben werden. Ich beschwöre Sie deshalb, die Unbesonnene aus den Händen ihres schlechten Ratgebers, des Amtmanns, zu retten, sie zur Besinnung, zur Güte und Sanftmut zurückzuführen. S i e oder Niemand, vermögen es über sie, dass sie nur erst stille stehe, sich sammle, und betrachte, was sie d a r f , wenn sie auch nicht aufhört zu wollen. Und auch W o l l e n wird sie nichts Unschickliches, nichts Gewaltsames, da sich wirklich Alles anders verhält, als es sie ihr rasch und heftiges Empfinden erkennen lässt.
Sehen Sie, Eduard hat sich nie des Rechts, über Georg zu bestimmen, vergeben, nur der Mutter Wunsch, ihn bis zum siebenten Jahre der freien und sanften Leitung unserer Nachbarin zu überlassen, in soweit bewilligt, a l s d i e s n i c h t z u m Nachteil des Kleinen auszuschlag e n d r o h e . Jetzt nun, da genaue Erkundigungen den Vater von der wüsten und rohen Lebensweise des Amtmanns in Kenntniss setzten, er hören muss, wie in jenem haus schlechte Gesellschaft ein- und ausgehe, und auch Georgs Gesundheit sich nicht wieder herstelle, jetzt entschliesst er sich, den Knaben zurückzufordern. Er schrieb mir deshalb, setzte alle seine Gründe auseinander, und bat mich, die Mutter darauf vorzubereiten. Ehe ich dies noch vermag, entfernt sich Elise von ihrem bisherigen Aufentaltsort, sie ist schon auf der Reise, als die Oberhofmeisterin hier ankommt. Geschäfte, den Nachlass ihrer Tochter betreffend, führen diese zu mir. Der Präsident, genau mit ihren Angelegenheiten bekannt, weiss von ihrem Vorhaben, er benutzt die s i c h e r e und b e q u e m e gelegenheit, das Kind in eine vortreffliche, auf ihrem Weg gelegene Anstalt zu bringen. Sie verspricht es, und trifft ihre Vorkehrungen, ohne Elise kränken zu wollen, ohne selbst von ihrem geglaubten Rechte zu wissen.
Ich lege Ihnen natürlich und einfach vor Augen, was sich eben so natürlich und einfach zutrug, und nur auf der Oberfläche die gemischte, störende Farbe trägt.
Ich gestehe, dass wie die Sache unter dem ungünstigsten Zusammentreffen von Umständen erscheint, Elise Härte und Willkühr darin finden kann. Allein wäre dem auch so, sie m u ss es dulden. Sie darf durch keine öffentliche Handlung hervortreten, am wenigsten durch einen Schritt g e g e n E d u a r d , um die Welt nicht auf's Neue an sich zu erinnern.
Ich weiss nicht, ob Sie diese Meinung teilen? Das aber darf ich versichert sein, Sie werden das Laute, Ungeziemende jeder Handlungsweise missbilligen, und gern behülflich sein, kranke Leidenschaftlichkeit in die grenzen sanften Widerstandes zurückzuführen.
Antwort
Ein Geschäft hielt mich bis jetzt von der Burg entfernt. Ich kehre zurück, finde Ihren Brief, gütige Sophie! und eile, unbesonnene Massregeln zu hintertreiben.
Der Arzt an Sophie
Zu manchen zeiten sollte man wirklich glauben, es mischen sich böse Geister in unsere verständigsten Absichten, um sie zu Schanden und uns Kummer zu machen.
Es geht auch hier so. Alle Ihre Vorsicht, verehrtes fräulein! hat es nicht hindern können, dass die übereilte Klage wenigstens abgefasst, unangenehme Worte darüber gesprochen, feindliche Gesinnungen erregt worden sind. In dieser unseligen Stimmung aufs Höchste gereizt, durch die eigennützigen Einflüsterungen des Amtmanns gestachelt, krank, in heftiger Fieberwallung, verlässt die Frau Präsidentin die Stadt. Es dunkelte bereits. Der Abend war lau, sie litt durch innere Hitze. So befahl sie, den Wagen herunter zu schlagen. Noch dünkten ihr Hut und Schleier genügend. Frei und leicht sass sie ohne weitere Verhüllung, und schien, selbst dem bösen Einfluss der Nachtluft zu trotzen. So kommen sie an die brücke, die jetzt ausgebessert wird, und nur eine schmale Ueberfahrt gestattet. Wagen, die einander begegnen, müssen dann anhalten, und sich über das Recht des Vorfahrens vereinen. Des Amtmanns Calesche, von zwei Pferden gezogen, bleibt billig bei der Annäherung einer grossen, sechsspännigen Reisekutsche zurück. Diese rollt nun über die brücke. Neugierig biegt sich ein Kinderköpfchen zum Schlage heraus. "Mama! Mama! da ist sie ja!" ruft eine herzzerschneidende stimme. Und gleich darauf: "O bitte, liebe Mama, komm doch mit! O bitte, bitte!" Zerrissen, verwirrt, von wilden Empfindungen um Bewusstsein und Fassung gebracht, stürzt die unglückliche Mutter zum Wagen heraus, dem rasch Vorüberfahrenden nachschreiend