1829_Fouqu_022_130.txt

bei Johanna, wie das Befinden und die Stimmung ihrer herrschaft gewesen sei? Wie sie die Nacht zugebracht habe? Und ob sie nicht geäussert, weshalb sie mich nicht hier abwartete, da sie doch gewiss sein konnte, ich würde nicht ausbleiben? Was ich erfuhr, mehrte nur meine Besorgniss. Elise hatte in ungleicher, fieberhafter Ueberspannung bis zum Morgen geschrieben, das Geschriebene zerrissen, die Papierschnitzel verbrannt, dann aufs neue, und in grösserer Lebhaftigkeit, ein Blatt gebrochen, ihre Gedanken eilig in grossen Schriftzügen darauf hingeworfen. Bis sie es zuletzt zu sich steckte, damit zum Fenster trat, als warte sie nur d e n ab, dem sie es anvertrauen dürfe. Die Wirtin erbot sich unaufgefordert zu jeder ihrer Bestellungen. Elise sah sie gerührt an. "Ich danke," lächelte sie, so weich und schmerzlich, dass Jener die Tränen noch jetzt von tiefer Rührung in die Augen traten. Darauf legte sie beide hände auf der Tannenhäuserin Arm, und zog diese näher zum Fenster. Die hände hätten gebrannt, wie Kohlen, und die stimme sei stockend gewesen, als sie sagte: "Wissen Sie wohl noch, wie wir, die selige Amtmannsfrau und all die Kinder und ich hier Blindekuh spielten?" Ich verband der lieben Seligen die Augen, da klagte sie: "Nicht so fest, nicht so fest!" Ich lachte und neckte sie, als könne sie die Finger sehen, die ich ihr vorhalte. "Nicht einen Stich," beteuerte sie, "es ist so dunkel wie im grab um mich." Elise verzog das Gesicht sonderbar, als sie wiederholte: "D u n k e l w i e i m G r a b e !" und dann hinzusetzte: "Nun liegt sie schon lange darin! nachher ward i c h Blindekuh! Und –" sie drückte das Gesicht gegen die Scheiben. Sie weinte aber nicht, doch flog ihr die Brust heftig, als unterdrücke sie ihre Tränen.

Nach einer Weile soll sie gesagt haben: sie wolle nun gehen. Es komme doch Niemand. Johanna bezog das auf mich, und entgegnete: ich könne ja kaum erst den Brief haben. Elise schüttelte aber den Kopf, forderte Mantel und Handschuhe, zog den Schleier über den Hut herunter, und verliess mit den Worten das Haus: "seid unbesorgt, ich kenne hier Weg und Steg."

Liebster Hugo! ich bin darum so weitläufig in Wiederholung aller dieser Aeusserungen, und ihrer begleitenden Nebenumstände, um mein damaliges Dafürhalten zu modiviren, dass jenes erwähnte Blatt an Sie gerichtet, Elise zu dem Gedanken gebracht haben könne, es Ihnen selbst nach Wehrheim hinzutragen, in der Hoffnung, Sie vielleicht dort zu treffen, oder doch gelegenheit zu schnellerer Besorgung finden zu können.

Wenn man einmal auf einer falschen Spur ist, so rennt man blindlings darauf fort. Meine gewonnene überzeugung jagte mich um so eiliger nach Wehrheim, als ich Elisens Besonnenheit mehr als jemals misstraute. Aufs Aeusserste betroffen, erfuhr ich indess hier, dass weder unsere arme Freundin, noch sonst jemand Fremdes seit mehreren Tagen im Orte gewesen sei.

Sollte sie wirklich bei mir sein, dachte ich ganz entsetzt bei der Vorstellung möglichen Zusammentreffens mit der Oberhofmeisterin!

Es lag soviel Unwahrscheinliches hierin. Und doch! Ihre Ungeduld, Nachricht zu haben, die wachsende Angst, der fieberhafte Zustand! Ich ging eilig, mit meiner eigenen Meinung streitend, am Ufer auf und ab. Die Sonne schien warm. Es wehte eine angenehme Luft. Einen Augenblick stehe ich stille, ich sah umher Dörfer und Schlösser liegen jenseits des Stromes. Das neue Dach von des Amtmanns haus leuchtet besonders hell in dem frischen Morgenlicht. D e s A m t m a n n s H a u s ! – Gott! wie Schuppen fiel mir's von den Augen. Da ist sie! nirgends sonst wo. In der Nähe von dem Tannenhause, das Kind leidend. – Es war unbegreiflich, dass es mir nicht gleich im Augenblick einfiel.

"Zurück! zurück!" rief ich dem Kutscher zu, jetzt doppelt ein unglückliches Missverstehen und gehässige Eindrücke für Elise fürchtend.

Es war über das Alles später geworden, als ich es in der inneren Erregung voraussetzte. Die unseligen Irrfahrten, die Erkundigungen und Berichte hatten viel Zeit weggenommen. Als ich vor dem Amtofe hielt, sass die Familie schon bei Tisch. Madame Lindhof kam mir entgegen. Sie sah ungewöhnlich erhitzt aus. Aengstlich vermied sie meinen fragenden blick. "Ist die Frau Präsidentin hier?" flüsterte ich ihr im Aussteigen zu. "Nicht mehr," lispelte sie leise. "Mein Gott, auch hier nicht mehr!" rief ich ungeduldig. "Verweilt sie denn nirgend so lange, dass ihre Freunde sie treffen!" "dafür," entgegnete die sanfte Frau mit bebender stimme, "wissen A n d e r e , als F r e u n d e , sie zu treffen!" Ich fuhr erschrocken zusammen. "Wo," fragte ich zögernd, "ist Elise jetzt?" "Mit meinem Sohne nach der Stadt gefahren," war ihre Antwort.

Verwirrte Ahndungen blitzten mir durch die Seele. Wir traten in das Esszimmer, Georg sprang auf mich zu. "Wissen Sie schon? Mama ist wieder hier!" jubelte er, die hellen Freudentränen in den Augen. "Ich reise nun mit Mama," plauderte er lebhaft fort. "