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Gesicht zu sehen, zitterte ich und konnte nicht sprechen, nicht aussteigen, mich nicht auf den Füssen halten. Ich winkte nur der erschrocknen Frau, a u c h zu schweigen. Sie seufzte schwer. Mit ihrer und Johanna's hülfe verliess ich den Wagen.

"Können Sie ein oder zwei Nächte?" brachte ich endlich heraus. "Lieber Gott! warum denn nicht," erwiderte sie. "Aber beste, gnädige Frau! Sie sind krank, bei mir ist es unruhig, Sie werden Ihre Bequemlichkeit nicht haben," bemerkte sie ängstlich. Ich liess sie reden, und ging, statt aller Erwiederung, auf das Haus zu.

"Es ist Gesellschaft drinnen," sagte sie, und mich behutsam durch die Küche und einen kleinen Vorhof führend, brachte sie mich in ein Zimmer.

"Nur so lange Geduld," bat sie, "bis die Gäste auseinander gehen. Dann werde ich für mehr Bequemlichkeit sorgen. Es ist heute eben recht voll hier, ich habe Alles, bis auf dies Kämmerchen, einräumen müssen," lächelte sie im Hinausgehen.

Ich setzte mich in den hintersten Winkel auf ein Schemelchen nieder. Der Lärm wirrte undeutlich aus den anstossenden Gemächern herüber. Ich konnte weder Worte noch Stimmen unterscheiden. Ich hätte sie auch in dem Augenblick nicht unterschieden. Wie viel tausend andere Stimmen schrieen jetzt laut in mir auf.

H i e r war ich nun also, f l ü c h t e n d , v e r

s t e c k t ! Nacht um mich, Nacht in mir; nicht der kürzeste blick über die nächsten Paar Schritte kenntlich, alles dumpf und dunkel wie im Kerker.

So sitze ich noch, so schreibe ich Ihnen bei einem

Lämpchen. Sie sehen den Worten wohl den Aufruhr der Seele an. Neben mir an braust und tobt es immer wüster.

Walter, der alle Gelegenheiten des Hauses kennt,

und die Wirtin sprechen wollte, trat vor einer Weile unerwartet hier herein. Die Tür war ungeschickt und nur halb verriegelt, so dass sie bei dem Ruck seines starken Armes aufsprang. Ich fuhr erschrocken in die Höhe. Er blieb betroffen stehen. Dann trat er schüchtern zurück, und zog die Tür leise nach sich. Ich schickte Johanna, ihn um die Besorgung eines Schreibens an Sie zu bitten. Er zeigte sich sehr bereitwillig, fragte teilnehmend nach mir, bat, seines unvorsichtigen Eintritts wegen, um Verzeihung, mit dem Zusatze: dass, wenn er hätte ahnden können, mich zu erschrecken, er ja lieber dem Kämmerchen auf hundert Schritte nicht genahet wäre. Er lächelte gerührt und wischte sich verstohlen die Augen.

E r also, Sophie! und vielleicht noch mancher An

dere bewahrten mir ein freundliches Andenken in dieser verödeten, umgewandelten Gegend.

Die Tannenhäuserin ist nicht einen Augenblick festzuhalten! Noch nicht e i n Wort von Georg. Hugo's Name wage ich nicht zu nennen.

In der Nacht.

hören Sie doch, Sophie! hören Sie doch! es ist nun still im haus. Aber h i e r , h i e r in mir ist ein Tumult, eine Angst! Sie müssen morgen frühe zu mir kommen. Walter wartet auf meinen Brief. Er geht, so wie der Tag grauet, damit zu Ihnen hinüber.

Johanna's Neugier hat allein Schuld. Ich dankte Gott, nichts von der rohen Unterhaltung meiner Nachbarn zu verstehen. Nun war es vorbei! Ich hätte ja taub sein müssen. Sie hatte Langeweile. Bald stand sie stille, bald ging sie in der kammer umher, öffnete Fenster, Schubladen und Schränke. Jetzt zieht sie an einem rot- und weissgewürfelten Vorhange. Ein Fenster wird sichtbar, es ist mit einem Laden versetzt. Sie macht diesen ein klein wenig auf, ihr erster blick fällt in das anstossende Gastzimmer. Ich gebe nicht Acht auf sie. Nun stürzt das angelehnte, eichene Brett, das sie aus der Lage gebracht und nicht zu regieren versteht, herab auf den Boden. "Mein Himmel, Johanna! was machst Du?" rief ich unwillig. Sie zieht eilig den Vorhang wieder zu, und lautlos auf mich zurennend, flüstert sie: "St! dass sie uns nicht hören! Sie sitzen einer Bowle Punsch, aus der sie ihnen fleissig einschenkt."

Die genauere Bezeichnung dessen, was neben mir an, getrieben ward, flösste mir Widerwillen und Bangigkeit ein. Die Scheidewand, welche mir bis jetzt unmittelbare Störungen abhielt, war eingefallen; das Fensterchen mochte aufgesprungen sein, genug, ich unterschied plötzlich des Amtmanns stimme, die durch Punsch und Spiel gehoben, etwas unbeschreiblich Verletzendes hatte. Die Karten schienen ihm unglücklich zu fallen. Er stiess mehr als einen Fluch aus. Mir war nicht anders, als müsse jeden Augenblick Einer von den wilden Gesellen zu mir hereintreten. Ich wollte fort, zu Fuss, in den Wald, nur hier nicht länger bleiben! Johanna beschwor mich, ruhig zu sein. Ich stand zitternd an sie gelehnt, als ich den Amtmann zornig auffahren, und einen Knaben weinerlich sagen hörte: "Ich wollte Dich ja nur erinnern, dass es spät sei. Grossmutter weint." "Ach, geh' zum Teufel mit deiner Grossmutter und deinem Erinnern!" schrie der Vater ganz ausser sich. "Aber wartet nur, ich werde dem Dinge ein Ende machen! Du musst mir auf die Schule," fuhr er hitzig fort. "Nun