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Elise

In diesem Augenblick erhalte ich Ihre Zeilen. Liebste, Beste! wie schmerzt es mich, Sie um Aufschub Ihrer Herreise bitten zu müssen. Mein Gott! Sie werden das fühlen. Ich kann nicht fürchten, dass Sie mich missverstehen, ja, ich sollte es fordern dürfen, dass Sie mir ohne Weiteres vertrauten, wenn ich mir's abgewönne, Ihnen zu sagen, es sei jetzt kein Zeitpunkt für Ihre Anwesenheit bei mir. Doch, Sie würden nur forschen, grübeln, und sich quälen, alsodie Oberhofmeisterin d r o h t mit ihrer Ankunft. Sie willich weiss nicht was? Ich kann ihren Brief nicht verstehen. Er ist dunkel, unruhig, schroff, wie sie selbst. Genug aber, sie will kommen, zu m i r kommen! In einem Auftrage, wie sie sagt.

Es ist unmöglich, dass Sie beide hier zusammen treffen. Niemanden wird das mehr einleuchten, als Ihnen. Es wäre deshalb auch nicht ein Wort weiter über meine zurückweisende Antwort Ihres Briefes zu sagen, wäre dieser Brief nicht, wie er ist.

Nein, in keinem Augenblick Ihres erschütterten Lebens haben Sie mir so ganz vernichtet, so fassungslos, solassen Sie mich's sagen, so herabgeworfen von Ihrer klaren Höhe, geschrieben. Ist es denn wahr, dass auch Ihnen der Mut sinkt, und die Schwungkraft des Geistes weniger dem Sturm als der entnervenden Schwüle erliegt.

"Es reicht hin, das Mass voll und die Pflegerin unerträglich zu machen," sagen Sie in einem Tone unwilliger Kraftlosigkeit, die mich erschreckt.

Liebe! Gute! wo sind Sie hingeraten mit Ihrem Geschick, mit sich, mit den nächsten Freunden? Die Tante meinen Sie, und Curd und Hugo. Sie deuten Alles nur leise an, aber es lässt sich erraten, was die einfache, redliche Verwandte wünscht, was der beschränkte Sohn möchtedoch Hugo? – Nur e r hat Sie wohl so ganz aus dem Gleichgewicht gerissen. Mit den beiden Andern, dächte ich, würden Sie leicht fertig. Wenn e r aber! – Was wollen Sie denn h i e r , Elise? Sind Sie nicht einig mit dem Freunde, so sind Sie es noch weniger mit sich. Leicht möchte dann der unerwünschte Aufschub ein Gewinn sein. Betrachten Sie es so. Befreien Sie die befangene Seele von den Banden des Augenblicks. Sehen Sie über diesen weg. Sammlen Sie, o sammlen Sie den lieben, hellen, schönen Geist, senken Sie ihn nur einmal in den heiligen Quell zurück, von dem er ein armes, kleines Tröpfchen ist, das so oft der Erneuerung bedarf.

Meine beste Elise! ich sage Ihnen nichts mehr, kein Wort, aber heisse Tränen kosten Sie mich! Musste denn die heitere Jugend so frühe altern?

Antwort

Zu spät! Ihr Brief trifft mich hier in *** wo er mit mehrern andern gemachten Vorkehrungen zufolge, auf der Post meiner Abholung wartete. U m k e h r e n ? jetzt noch? hier? Ich kann es unmöglich! Würden Sie es können? würden Sie? Denken Sie doch nur, so nahe bei i h m , so nahe bei G e o r g ! Nein, unmöglich! unmöglich!

Dass ich Ihre Gastfreundschaft unter solchen Umständen nicht in Anspruch nehmen werde, versteht sich von selbst. Aber wohin sonst? Ich sitze hier und sitze

Nein, ich sitze nicht einen Augenblick auf einer Stelle. Das Blut kocht mir in den Adern, mein Herz schlägt ungestüm. Ich laufe im Zimmer umher. Gedanken habe ich nicht. Gefühle! unaussprechlich beglückende, unaussprechlich ängstigende.

Man fragte mich, wohin ich die Postpferde wolle? Ja, wohin? Sagen Sie doch, Sophie! w o h i n ? Ich weiss wahrhaftig – – – – –

Abends.

Hier bin ich, gute, liebe, einzige Freundin! Walter bringt Ihnen, wie sonst, diese Zeilen. Ich schreibe rin. H i e r ! H i e r ! O mein Gott! was dringt hier alles auf mich ein.

Die brave Frau war so gerührt, so überrascht bei meinem Anblick. Ich hielt ein Paar hundert Schritt vom haus. Es war finstre Nacht. Ich wollte den Wald, die Bäume, den fürchterlichen See nicht sehen. Der Postillon musste absteigen, die Wirtin herauszurufen. Es währte eine Weile, ehe sie kam. Johanna und ich sassen währenddem stumm neben einander. Das arme Mädchen fürchtete sich. Sie hielt die Leine der Pferde lose und ängstlich in der Hand. Es war todtenstill um uns, wir hörten nichts als den schnaubenden Atem und das Schütteln der müden Gäule in dem lästigen Geschirr. Mir wurde immer beklommner, immer voller ums Herz. Weinen konnte ich nicht, kaum mich regen. Indem ritt Jemand schnell vorüber. Ein Anderer, der ihm folgte, fluchte über das Fuhrwerk, das hier mitten im Wege hielt, und gab dem einen Pferde einen Schlag mit der Faust, dass es seitwärts taumelte. Johanna schrie, jener lachte und sprengte davon. Es war die rohe stimme und das gemeine Wesen eines Reitknechts, aber wer war sein Herr? wer war der flüchtige Reiter, der so stürmisch an uns vorüber flog?

O Herz! Herz! du nanntest ihn, und gewiss, es war kein Anderer!

Als nun der Postillon mit seiner Begleiterin kam, diese die kleine Handlaterne ein wenig hob, um mir ins