1829_Fouqu_022_126.txt

Leuten drüben, die in des Präsidenten haus wohnen?"

"Nicht ein Wort," entgegnete ich. Er versank in stummes Nachsinnen. "Wie kommen Sie hierauf?" fragte ich, überzeugt, hier unmittelbar an seine Gedankenreihe anknüpfen, und das Gespräch auf Elise führen zu können.

"Durch eine Zufälligkeit," versetzte er gleichgültig. Ich sah ihn ungewiss an. "Ach mein Gott!" fuhr er in seiner matten Lauheit fort: "Es ist in der Welt Gottes nichts, als der flüchtige Zufall, dass ich kürzlich auf ziemlich besondere Weise jenen Unbekannten begegnet sein könnte."

Er vermied, sich deutlicher zu erklären, indem er eilig hinzusetzte. "Es war während dem letzten grossen Sturm, wo ich gelegenheit fand, Reisenden einen Dienst zu leisten, Ausländer, einer vornehmen, geistlichen Dame, die durch den Schreck des misslichen Augenblicks oder durch Krankheit, in fast abwesender Gemütsverfassung zu sein schien.

Heute hörte ich, drüben sei eine menschenscheue Italienerin eingezogen, welche Nachts, und nur bei Mondenlicht, ihr Zimmer verlasse, und auch dann nur verschleiert umher gehe. Man habe sie nach nördlichen Climaten geschickt, und mit einem Aufentalte in hiesiger Gegend angefangen, um sie nach und nach an rauhere Uebergänge zu gewöhnen. Vor wenigen Tagen sei ein alter Geistlicher dort gewesen, der hierauf zu den Remonstratensern ging, mit denen die Dame wohl auch in Verkehr stehe. Ich kombinirte Manches aus der Erinnerung des Reiseabenteuers und –" er zog die Schultern mit einigem Selbstbespötteln in die Höhe. "Und," lächelte er, "ward neugierig auf die fremden Gäste." Er schwieg hier, ein wenig düster vor sich hinsehend.

Diese kleine Episode hatte mich völlig von dem eingeschlagenen Wege abgebracht, ich weiss nicht, weshalb mir Hugo heute überall finsterer und befangener, als seit langer Zeit vorkam. Ist es Elise, die ihn beschäftigt? dachte ich, so wird er mich verstehen, wo nicht, so lässt er es gut sein und denkt nicht weiter daran.

"Das Schloss in Wehrheim," hub ich deshalb ohne sonstige Einleitung an, "es ist nun vollkommen fertig?" "Bis auf einige Kleinigkeiten im inneren, ja," entgegnete er. "Wissen Sie," sagte ich lachend, "dass man Sie schon mit einer zweiten Gattin dort einziehen sieht?" Eine unwillige Falte flog auf seine Stirne, als er mit der Antwort zögernd, durch ein kurzes, abstossendes "Hm!" die Aeusserung bei Seite warf.

"Halten Sie das für so unmöglich?" fragte ich hierauf. "Unmöglich! ganz unmöglich!" entgegnete er bestimmt. Er sagte das mit mehr Wärme und Heftigkeit, als er sonst in das gesellige Gespräch hineinträgt. Die Ungeduld hatte ihn von seinem bisherigen platz aufgejagt. Er ging einigemale durch das Zimmer, dann wandte er sich, blieb vor mir stehen, und meine Hand ergreifend, lächelte er ein wenig scharf, wie mich dünkte, indem er äusserte: Er wolle nicht forschen, wie ich zu der Frage komme! doch hätte ich unrecht, das möchte ich glauben.

Er ging. Ich rief ihm nach, sich deutlicher zu erklären, ich verstehe ihn nicht. Schon in der tür trat er ein Paar Schritte zurück. "Liebe!" bat er, "verhüten Sie, dass irgend Jemand an dies verschobene Geschick rühre. Ich bin nicht glücklich zu m a c h e n ," setzte er ernstaft hinzu. "Wie ich es sein könnte, begreift Niemand, darum bleibt es ein Ideal! Und Ideale," lachte er, "das ist ja schon oft gesagt, die passen nicht in die Wirklichkeit."

Es lag Bitterkeit in seiner Miene, wie in dem Ton der stimme. Darum hielt ich ihn auch nicht länger, als er mich ziemlich eilend verliess.

Sie sehen, lieber Freund! ich bin nicht glücklich in meinem Versuch gewesen. Ich fürchte auch, wir dürfen ihn nicht wiederholen, wenn wir uns nicht um alles Vertrauen bei Ihrem Neffen bringen wollen. Und ehrlich gesprochen, was hoffen Sie im grund Ihrer Seele? Ich weiss nicht, die Zukunft kann mir bei Hugo niemals einfallen. Es ist, als wenn er keine hätte. Wenigstens suche ich den Faden vergebens, durch den sich Fortgang und Reife im Leben entwickeln.

Sie wollen hier die Eigentümlichkeit nicht berücksichtigt wissen. N o t h w e n d i g nennen Sie den Schritt, den die voreilige Störung wieder mit gesetzlicher Ordnung ausgleicht. Hugo sei Elisen ein Opfer schuldig. Er müsse sich durch sie vor der Welt herstellen.

Lieber! anders denkt der Mann, anders fühlt die Frau. Glauben Sie mir, Elise passt noch weniger, als Emma für ihn; und leicht könnte das zweite Aergerniss durch die Leidenschaftliche schlimmer werden, als das erste. Ich mag hierin irren. Doch lassen wir der Zeit ihren Lauf. Zudem ist für jetzt in der Sache um so weniger etwas zu tun, als ich Ihrem Neffen eine gewisse, geheimnissvolle Unruhe anfühle, die ich nicht zu erklären weiss. Elise ist es nicht, die ihn beschäftigt. über sie scheint er in sich uneins. Er vermeidet, von ihr zu reden, vielleicht deutlich über sie zu denken. Wir könnten ihn wohl gar von ihr entfernen, indem wir Beide zu vereinen streben.

Wenn ihm aber die augenscheinliche Unruhe nicht durch s i e kommt, was hat er denn?

Sophie an