1829_Fouqu_022_120.txt

unterhalb, in diesem war es ganz stille; die natur schien hier nicht zu atmen, in regungsloser Erstarrung sah sie dem wilden Aufruhr der Elemente entgegen. allmählich schwankten die äussersten Spitzen der Föhrenwipfel, bald wurde diese Bewegung stärker, die Wolken senkten sich, und schneller wie der Gedanke, brachen die Bäume krachend in ihren Wurzeln, rechts und links fielen sie nieder, grosse Zweige, vom Sturm gehoben, flogen in weiten Strecken umher, wie weisse Tücher wallte der Schnee zwischen den Schlüften, man sah nicht einen Schritt vor sich, der Stärkste erhielt sich länger nicht auf den Füssen. Alles flüchtete in die Häuser, das Vieh wurde unruhig in den Ställen, die Schaafe und Rinder blöckten und brüllten, wie während einer Feuersbrunst, Pferde hörte man wild stampfen, und fürchterlich, als ginge die Welt unter, heulten Haus- und Hofhunde. Niemand fand sich sicher in der leicht gebauten wohnung, Dächer wurden abgerissen, Sparren und Schieferplatten flogen umher, das Hausgerät bebte, es war auch hier nicht auszuhalten. Ich warf einen Mantel über, liess die hindernde Kopfbedeckung zurück, und trat hinaus auf die Strasse.

"Wo wollen Sie hin?" rief mir der Wirt nach, "Sie können leicht erschlagen werden." "Das kann ich hier auch," entgegnete ich, auf die wankenden Pfeiler und zerbrochenen Türen zeigend. Ich kehrte mich nicht daran, und ging. Der Regen stürzte jetzt nieder, als habe der Himmel alle seine Schleusen geöffnet, doch ward der Sturm schwächer.

"Nun auch wasser in die Häuser!" sagte ein Mann, der, sich umschauend, ein Paar Schritte von einer Anhöhe herunter kam. "Der Bach schwillt mit jeder Minute, die brücke ist weggerissen, und die Furt weiterhin auch nicht mehr zu passiren. Gnade Gott dem, der heute unterwegs ist! Hier kann er sein Grab finden."

Elise! brauch' ich Ihnen zu sagen, dass mein Blut still stand, und ich einen Augenblick, wie gelähmt, den Mann anstarrte.

"Das Lämpchen," fuhr dieser, immer nach der verhängnissvollen Stelle hindeutend, fort, "das Lämpchen brennt zwar oben am Warnungspfahl in der Laterne, aber die Postillone hier bei uns sind verwegene Kerls, bis diese an Gefahr glauben, da muss ihnen schon der Abgrund vor den Füssen liegen. Sie stützen sich auf ihre Erfahrung und trauen der Furt, die freilich festen Grund hat, aber heute sollen sie wohl die rechte Stelle suchen. Ich bin gewiss," lachte er zuversichtlich, "da liegt Baumstamm auf Baumstamm über einander, und Felsstücke, die der Regen vollends von oben herabgerissen hat."

"Was stehen wir denn hier!" rief ich ungeduldig, S i e , S i e ! geliebte Freundin, mit allen Stimmen meiner Seele zurückzuweisen, zu warnen. "Kommen Sie doch," forderte ich Jenen auf. "Lassen Sie uns Acht haben, dass Niemand verunglücke."

"Acht haben, dass Niemand verunglücke?" wiederholte jener ein wenig spöttisch. "Wodurch sollten wir's wohl hindern?" fragte er, zu mir gewendet. "Hinüber auf die andere Seite kann doch Niemand jetzt, das sehen Sie ein."

"Ich sehe es nicht ein," unterbrach ich ihn. "Im Kahne, und auch so, kommt man durch die Flut, und ist drüben auf der Wacht, und verhütet, dass kein Anderer sich auf gut Glück wage."

"Tun Sie's!" versetzte der Mann gelassen, "wenn es Ihnen so leicht dünkt." Er machte eine Bewegung, sich von mir zu entfernen. "Aber das muss ich Ihnen noch sagen," fügte er, um ein Paar Schritte näher tretend, hinzu, "mit dem Bach ist nicht zu spassen. Das wasser ist verteufelt schnell, und vollends heute, wo der Wind die Flut in lauter Wirbel zusammen peitscht; wenn Sie nicht Ihrer Sache sehr gewiss sind –"

"Das bin ich! hören Sie," rief ich, ihn beim Arm fassend. "Begleiten können Sie mich doch wenigstens bis ungefähr zu der gefährlichen Stelle, und ein Paar rüstige Bursche mit Laternen werden sich doch auch zusammen bringen lassen, die im Fall der Not zur Hand sind und retten helfen?" Ich klingelte mit meiner Börse, und liess ihn gute Bezahlung voraussehen.

"Es ist nicht darum," sagte er, mich recht gut verstehend, "denn kann ich Jemand behülflich sein, so tue ich es auch ohne Lohn. Aber die Wahrheit zu gestehen, ich glaube, ich leiste Ihnen einen schlechten Dienst, wenn ich Ihnen den Willen tue. Was geschehen ist, das ist geschehen, und e i n Dummer macht zehn Andere klug."

"Was soll das heissen?" fuhr ich ungestüm auf ihn zu. "Das soll heissen," beantwortete er meine heftige Frage, "dass, wenn ich nicht sehr irre, vorhin ein lauter Schrei von dort herüber drang, und wer nun drinnen im wasser liegt, doch nicht wieder heraus kann!"

"Allmächtiger Gott! Allmächtiger Gott!" schriee ich, beide hände über dem Kopf zusammenschlagend, und fort, nach dem Bache stürzend.

Aber es ward mir nicht leicht, zu finden, wo dieser sein eigentliches Bett habe. Auf funfzig Schritte umher war Alles überschwemmt. Ich konnte keine Uferhöhe unterscheiden, ich fand mich nicht in der Richtung