und Frost, dann das Tauwetter. Die Posten blieben aus. Ihre Briefe, die mich endlich bestimmen sollten, kamen nicht, wie ich es erwartet hatte. Ich ward unruhig. Die Tante bemerkte es. "Was ängstigst Du Dich denn so?" fragte sie teilnehmend. "Solche Eile wird es ja doch nicht mit der Reise haben." Ich war verlegen, denn im grund lag die Ursache der Eile nur in meiner Ungeduld. "Sieh' mal, Kind," bemerkte sie eindringlich, "jetzt kannst Du doch nicht fort. Du machst Dir keinen Begriff hier im haus, wie es draussen auf der Heerstrasse aussieht. Leute und Pferde fallen ja in die ausgefahrnen Gründe hinein, dass man denkt, sie könnten im Leben nicht wieder aufstehen." – "Sie stehen aber wieder auf, Tantchen!" unterbrach ich sie lachend. "Nicht alle, und nicht immer!" versicherte sie. "Und noch dazu bist Du allein mit der Johanna. Was fangt ihr zwei Frauen denn in solcher Not in unbekannter Gegend, allein, zu jeder Tagesstunde an? Ist es denn weit von hier, Kind," fragte sie nach kurzer Pause, "wo Du hin willst?" Ich bejahte es, noch immer sorglos und mutig in meinem inneren. "Wie heisst denn der Ort?" Hugo! ich errötete, ob aus Freude oder Scham? das weiss ich nicht, als ich "Wehrheim," sagte! "Wehrheim! Wehrheim!" besann sie sich ungewiss. "Hast Du mir nicht den Ort genannt? Ist es nicht? – liebes Kind, was willst Du da machen?" rief sie erschrokken. "Ei mein Gott, wie kommst Du dahin? Hast Du Niemand in Deiner Familie, dem Du vertrauest? Musst Du bei d e n Leuten Schutz suchen, die Dich in so schlimmes Gerede brachten?"
Sie setzte sich hier, der Schreck hatte sie übermannt, sie sah ganz blass aus. Ich wollte ihre gutmütige Schwäche belächeln, aber es war, als habe sie mich angesteckt. Ich konnte ihr umwölktes, feuchtes Auge nicht sehen, mit dem sie mich zu fragen schien: Ist es möglich? Hast Du Alles vergessen? Sieh' Kind, wenn ich es tadle, was hoffst Du denn von andern Menschen? Ich nahm mich gleichwohl zusammen, ich sagte ihr, dass ich in ein leeres, unbewohntes Haus einzöge, und eben so gut wie jeder Andere den freigegebenen Raum benutzen dürfe.
"Nicht eben so gut wie jeder Andere!" fiel sie ein. "Herr Gott! mein Engelchen! sage das doch nicht. Du weisst ja recht gut, dass es in der Welt nicht ist, wie es in Deinem kopf aussieht. Denke einmal selbst: auf dem Gute, in der Abhängigkeit von d e m mann –! ach, mein Herz! Du hast es auch längst eingesehen, dass es unschicklich ist, darum verschwiegst Du immer den Namen des Orts."
Diese Worte, Hugo, diese Paar Worte trafen mich. Sie hatte recht. Weshalb nannte ich früher den Namen nicht, der jetzt nur sträubend über meine Lippen ging.
Unschicklich! Unschicklich! ich wiederholte den Vorwurf wohl zehnmal bei mir. Sie hatte den Ausdruck ihrer Empfindung nicht bemäntelt, er verletzte mich, allein hinter dem Unwillen schimmerte es wie Wahrheit. Ich musste mir sagen: freilich, es will sich hier nicht Alles wohl in einander schicken. Ich sagte das auch der Tante, mit dem Zusatze, dass ich meine Abreise noch verschieben, und wir weiter darüber sprechen wollten.
"Nein," rief sie aus, fasste meine beiden hände mit grosser Bangigkeit, und sah mir dabei scharf in die Augen: "Nein, jetzt, hier auf der Stelle, musst Du es mir fest geloben, dass Du diesen Gedanken aufgiebst." Ich suchte mich ungeduldig loszumachen. "Elise," fuhr sie bittend fort, "ich hoffe zu Gott, Du bist unschuldig in Allem, was die Welt von Dir sagt! aber wenn auch nichts, gar nichts davon wahr ist, kannst Du Dich entschliessen, so kurze Zeit nach dem betrübten tod der Gräfin in das Haus ihres Mannes zu ziehen? Vergisst Du, was Du dem Andenken der Frau, was Du Georgs Vater schuldig bist, dessen Namen Du noch immer trägst? Mein lieber Gott! Die Ehre kann doch nicht auch aus der Mode gekommen sein, und der Ruf, ob man sich darüber wegsetzt oder nicht, bezwingt doch immer zuletzt den Trotz der Frauen."
"Liebe Tante," erwiderte ich, im inneren zitternd und bebend, "Sie tun mir Gewalt an."
"Das will ich auch," sagte sie fest. "Ja, das will ich! und ehe ich Dich nach Wehrheim gehen sehe, werde ich Dir lieber zu Füssen fallen, und Dich so lange bitten, bis Du Deiner alten Tante guten Rat nicht länger verwirfst, und Dir ihre Treue zu Herzen nimmst."
Hugo! ich stand verwirrt vor der umgewandelten Frau. Ich fragte mich: wer ist denn das? wer spricht so zu mir? Ich hatte Mühe, die peinliche, unsichre, unstäte Tante in dem entschiedenen Benehmen wieder zu erkennen. Sie, die ein Regenschauer zur unrechten Zeit bestürzt und eine zerbrochene Fensterscheibe betrübt macht, die nicht weiss, darf sie einen Entschluss fassen? oder muss sie den Gedanken daran