Stiefeln und Ueberrock, zeigte der etwas vernachlässigte Reiseanzug, dass weder die Burg, noch ein formeller Besuch der Zweck seiner späten Abendfahrt sein konnten.
"Ich komme," sagte er, nach der ersten Begrüssung neben uns niedersitzend, "zur ungewöhnlichen Stunde, und muss recht sehr um Verzeihung bitten, wenn ich beschwerlich falle."
Er dehnte die letzten Worte, und sah, unter schiefem Neigen des Kopfes, fragend zu uns auf. Ich hatte grosse Lust zu lachen, allein, wie er jetzt fortfuhr, und uns eröffnete, er sei auf dem Wege zu seinem Sohne, der auf einer Reise, von welcher wir vielleicht mehr wüssten als er, noch nicht ein Einzigesmal geschrieben noch schreiben lassen, wie er sich eigentlich befinde, und ob er krank oder gesund sei? Da verging mir das lachen. Schneller wie der Blitz reihen sich im Menschen Gedanken an Gedanken. Ich sah Leontin, ich sah Emma, ich dachte Unzähliges zugleich. Der stumme, düstre, tiefsinnige Leontin, wo war er? wo hatte er die niederschlagende Nachricht erhalten? Er liebte Emma. Er war ihr gefolgt, er sollte sie in des Oheims Namen beschwören, zu uns zurückzukommen. Sehen Sie, Elise! wie Vieles floss da zusammen, was für entgegengesetzte Elemente mischen sich; und wir fordern, dass das Leben klar und still hinfliessen soll.
Alles das stand vor meiner Seele. Ich hatte nicht auf das Gespräch der beiden Alten gehört, da erschütterte mich die klagende stimme des baron, ich wandte mich aufmerksam zu ihm, er sagte: "Ich habe doch nur das einzige Kind, das ich gern glücklich auf der Welt zurückliesse. Es ist nicht recht, dass er mich so ganz vergisst. Wenn man alt wird, so lebt man nur noch in seinen Kindern; er sollte das bedenken, aber die Jugend ist jetzt zu verschieden von uns. Sie hat ganz andere Begriffe von Recht und Unrecht. Ich verstehe meinen Sohn nicht. Er ist so tugendhaft, dass ich oft erschrecke, und ihn wie etwas Höheres verehre. Und dann fehlt er doch wieder gegen die natürlichsten Gebote, und erscheint mir sehr tadelnswert."
Es war Sinn in den Worten, sie überraschten mich. Ich behielt aber wenig Zeit, darüber nachzudenken, denn auf des Oheims begütigende Einwendungen und das leise Hindeuten, dass Leontin vielleicht krank geworden, schüttelte der Baron den Kopf. "Das nicht eigentlich," erwiderte er, "ich habe wohl soviel ausgekundschaftet, dass er sich im Schwarzwalde in einem Baueroder Meierhofe aufhält, diesen kaufen und dort eine Capelle bauen will. Wenn es auch nicht Wahnsinn oder Fieberhitze ist, die solche Pläne fassen lässt," fuhr er fort, "so ist es doch grosse Ueberspannung. Wem wäre wohl vordem so etwas eingefallen? Er hat die schöne Erbschaft hier gemacht, die prächtigen Güter! und will da Geld und Zeit an eine Grille opfern."
Er hielt inne. Mir fuhrs durch die Seele. I h r baut er die Capelle! auf d e r Stelle, die ihr Fuss vielleicht betreten! Er lebt nur noch in ihrem Andenken! –
"Ich gehe," sagte der Baron, "ihn von dem Gedanken abzubringen. Ich habe hier keine Ruhe, und kann mir den guten, einfachen Leontin gar nicht so übertrieben und unnatürlich vorstellen."
Er war aufgestanden, redete noch Eins und das Andere mit dem Comtur, und ging in die Nacht hinaus, den verlornen Sohn aufzusuchen. Auch d e r , seufzte ich, als ich ihn mit ganz andern Empfindungen wie vorher, zum Wagen begleitete.
Auch d e r , Elise! Werden sich alle die zerrissenen Stückchen Leben jemals wieder zusammenfügen? Wird etwas Ganzes daraus werden? und f ü r w e n ? Ein trüber, unleidlicher Druck liegt seitdem auf meiner Seele. Schlafen Sie wohl, liebe, geliebte Elise!
Agate an Rosalie
Das sind schöne Geschichten! Ich schreibe Dir gleich Alles, weil ich weiss, dass Du Dich halb tot freuen wirst, Deiner Prinzess etwas erzählen zu können. Danke Du Gott, dass Du am hof bist, und suche Dich da unentbehrlich zu machen, denn hier auf dem land bei Mama, bis spät in den Winter hinein –! Ich sage Dir, es ist zum Sterben. Wir haben freilich die schöne Reise gemacht, aber ich gestehe Dir aufrichtig, solch' Herumreisen und Angaffen von fremden Gegenden hat kein sonderliches Interesse für mich. Und dann glaube ich, hat Mama auch nicht in ihren Plänen reussirt. Es ist nichts gegen das Testament der Tante zu tun. Leontin behält die Güter. Du kannst denken, in welcher Laune wir durch die Wälder und die üppigen Feldmarken hinfuhren! Zuweilen sprachen wir halbe Tage kein Wort, Mama las im Wagen oder schlief, und ich wurde von der fürchterlichsten Langweile geplagt.
Und nun sitzen wir Ende November hier in Ulmenstein! Nein, Du machst Dir keinen Begriff von dem Eindruck, den so ein Landhaus unter kahlen Bäumen, leeren Blumenbeeten und gelben Terrassen, beim ersten Wiedersehen nach langer Abwesenheit macht. Wenn wir sonst aus der Stadt hierher zurückkommen, dann ist alles schon weit vorgerückt mit der Jahreszeit. Man denkt an Sommertoiletten und kleine Spiele auf den Rasenplätzen, an Milch und Obst, Gesellschaft im Garten, an Ausreiten und Partien zu Wagen. Jetzt? – Ich möchte wohl wissen, an was man in dem ausgekälteten Salon und dem feuchten Wetter denken sollte