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Sie mir sagten: "Ich kann alles hingeben, was man von mir fordert, doch die Fähigkeit, Sie in Ihrem inneren und äussern Tun zu begleiten, die lasse ich mir durch kein Schreckbild des Vorurteils rauben."

Glauben Sie in der willkührlichen Haft den Gebrauch jener Fähigkeit zu bewahren?

Elise! sein Sie gewiss, wie Strick und Band den Gliedern ihre g e s c h m e i d i g e B e w e g l i c h k e i t rauben, so geht es dem Geist, der unterdrückt ist, und den Käfig über sich zufallen lässt.

Und nun noch ein Wort über Georg. Das zarte, besondere Kind fordert Ihre ganze Aufmerksamkeit. Er ist, ich leugne es Ihnen nicht, er ist a n d e r s geworden, langsam, stille, abgesondert, schliesst er sich nur selten, und dann heimlich und nur für Augenblicke auf. Sein Anblick machte mir den Eindruck einer fremden, köstlichen Blume, die, in einen Gemüsgarten verpflanzt, die grobe Erde und die wuchernden Nachbarpflanzen z u r ü c k h a l t e n . Seine gute, treue Pflegerin ist von jener weichlichen Sorgfalt für ihn, die Alles tut, aber das Rechte nicht trifft. Sie wacht mit steter Sorgfalt über jeden seiner Schritte, er wagt deshalb selten einen ungewöhnlichen, ja, ich finde ihn ängstlich, die Augen fragend auf die Grossmutter, was Madame Lindhof auch für ihn ist, gerichtet. Als ich ihm das Erstemal mit dieser begegnete, ward er ganz rot, tat blöde, und antwortete mir gar nicht. Ich überliess ihn sich selbst. Nach einer Weile schlich er um mich herum, ging neben mir, fasste meine Hand, und als es Niemand hörte, fragte er nach Ihnen. Ich erwiderte, dass ich Sie lange nicht gesehen hätte, er wisse ja, Sie seien verreist. Ich, im Gegenteil, wolle von ihm hören, wann Sie wiederkommen würden? Ich bereute, das Letztere gesagt zu haben, denn der arme Kleine sah zu Boden und blieb eine Strecke hinter uns zurück, um unbemerkt weinen zu können. Es musste ihm sehr wehe tun, sich wieder einmal in seinen Erwartungen getäuscht zu finden.

Er tröstete sich aber, als wir jetzt in das Haus traten, welches er so lange nicht besuchen durfte, weil die gute, ängstliche Frau den Eindruck scheute, den das Wiedersehen der geliebten Stätte auf ihn machen könnte. Sie hatte ganz falsch vorausgesehen. Das Kind lebte hier auf. Es war s e i n e Welt, in die es zurückkehrte. Er sprang und jubelte in den Zimmern umher, und war nur durch das Versprechen, morgen wieder mit mir hierher zurückzukommen, zum Weggehen zu bewegen.

Liebste Elise! können Sie säumen, den schönen Knaben aus seiner wunderlichen Abspannung herauszureissen? Bis hierher hatte ich geschrieben. Mir war das Herz warm und bewegt geworden. Ich hielt nicht mit mir allein aus. Das Wetter war unfreundlich, die Sonne schon untergegangen, ich trat ans Fenster. Drüben im andern Flügel brannte der grosse Camin hell in des Oheims Zimmer. Der Schatten von Jemand, der aufund niederging, verdeckte die Flamme augenblicklich. Das ist er! dachte ich, der einsam wie du, die Stunden an sich hinziehen lässt. Ich eilte zu ihm hinüber. Er lächelte angenehm überrascht, als ich die tür öffnete. "Guten Abend," sagte er sehr weich, indem er mir die Hand entgegen streckte. Er rückte mir selbst den Armstuhl dem seinigen gegenüber am Camin zurecht. Wir setzten uns. "Ich war heute in Wehrheim," hub er nach einer Weile an. "Die Arbeit rückt ja gewaltig vor. Ich freue mich, dass Dich das beschäftigt," setzte er hinzu. "Nun," entgegnete ich, "es ist eine Aufgabe, so lange man sie zu lösen bemüht ist, beschäftigt es freilich."

"Du hast eine Absicht dabei," sagte er, und einen Augenblick innehaltend, fuhr er fort: "Ich begreife es sehr wohl, dass Du, Deiner Neigung gemäss, frei und eigentümlich zu wohnen und zu leben gedenkst. Wir werden ja darum doch nicht geschieden sein?" lächelte er, mir aufs neue die Hand reichend. Ich beugte mich über die väterliche Hand, die mich so schonend in Schmerz und Widerwärtigkeit berührt hatte, ihn fest versichernd, dass ich gar nicht daran denke, die Burg zu verlassen, und nur beenden wolle, was er mir anzufangen erlaubte. Er sah mich überrascht an. Wieder im Sessel zurückgelehnt, meinte er: ich gliche doch oft meinem seligen Vater ausserordentlich.

Er hätte mich an diesen gerade jetzt nicht erinnern sollen. Es erkältete mich unwillkührlich, dass er der Aehnlichkeit so nebenbei erwähnen konnte. Wahrscheinlich erriet er mich, denn, war es nun das Feuer, oder trieb ihm das Blut vom Herzen nach dem kopf? genug, er schien zu erröten, da er jetzt die Hand vor die Augen hielt, als schirme er diese vor der Flamme.

"Sage mir doch," bat er hierauf, "was ist denn an dem Gerede, das unter den Leuten umherläuft, von einer s c h w a r z e n H a n d , die den Vorübergehenden eines Morgens von dem Gerüste herabgewinkt und sie von der Stelle weggescheucht haben soll? Nach einer stürmischen Gewitternacht, setzt man hinzu, sei