soll beendet sein, ehe der Winter uns überfällt. Täglich bin ich dort. Die Leute jubeln über meinen Eifer. Abends fahre ich auf kleinem Fischerboot den raschen Strom hinunter. Ich durchschneide pfeilschnell die Flut. Komme ich dann an Ihrem Garten vorbei, dann lege ich dort an, gehe eilig nach dem Amtofe und hole mir Georg, der schon die Stunden bis zu meiner Ankunft zählt. Wir sitzen dann Beide in dem kleinen Cabinett auf dem Sopha, der Tisch mit Baukasten und Soldaten steht vor uns. Ich muss ihm erzählen, während er das neue Haus drüben in Wehrheim noch baut. Gestern nahm ich ihn mit herüber im Kahn. Er sprang und klopfte vor Freude in die hände. Die ganze Zeit sprach er von Ihnen, und meine Gedanken erratend, sagte er seitdem zuversichtlich: "Für Mutter ist das schöne Schloss drüben, da will ich zu ihr reisen."
Sehen Sie, Elise! das ist es, was mich beseelt, was meinem Mute Flügel gibt. Verstehen Sie mich, Liebe? Denken Sie sichs einen Augenblick. Sie dort wohnend, das Kind in Ihrer Nähe, ich auf der Burg, jeder Augenblick unser! Ich komme, ich gehe, wir gehen mit einander, wir besuchen die gute Madame Lindhof, sie besucht Sie wieder, Georg mit ihr wie natürlich, unsere gespräche, unsere Beschäftigungen begegnen sich wie ehemals. Der Garten in Wehrheim wird ganz Ihre Schöpfung. Sie pflanzen, räumen weg, was Ihren Plänen entgegen ist. Ich helfe Ihnen; bald fassen Blumen ohne Zahl den frischen Rasen ein, Springbrunnen, leicht von dem Strom herbeigeleitet, nässen den grünen Abhang. Hier findet Georg seinen Spielplatz. Sie sitzen vor dem haus unter schattigen Arcaden, und haben ihn stets unter Augen; ich lese Ihnen vor, zeichne, was Sie Neues in Gedanken entwarfen. Wir sprechen darüber, ich werfe Ihnen Dies und Jenes ein, Sie widerlegen meine Gründe, der Streit gibt der Unterhaltung neues Leben, ich kann nicht nachgeben, und Sie t h u n doch, was Sie wollen, denn ich ende damit, die Ausführung in Ihre hände zu legen.
Oder Sie sind allein. Sie erwarten mich. Ich bleibe lange aus. Ihr liebes Auge liegt unruhig auf dem silberhellen Fluss. Vom jenseitigen Ufer soll ich herüberkommen. Kein dunkler Punkt bewegt sich auf den glänzenden Wellen. Sie sehen und sehen, und werden ungeduldig. Da macht Sie naher Ruderschlag von der Seite des Dorfs aufmerksam, Sie gehen hinunter bis zum Ufer, dort rechts, wo die Birken am Vorsprunge der kleinen Insel ihre wallende Zweige niedersenken, rauscht mein kleines Fahrzeug heran. Ich sehe Sie, und bin Ihnen nun im Augenblick ganz nahe. Scheltend empfangen Sie den Freund, doch müssen Sie ihm verzeihen, denn Sie kennen ihn zu gut, Sie wollen ihn auch nicht anders, als er ist, ängstigend darf ihn keine Rücksicht befangen, und könnte er die Freiheit im Handeln opfern, er wäre nicht mehr derselbe. Deshalb war auch die Ungeduld nicht Zorn, gesteigerte Erwartung nenne ich sie lieber, und wie nun der Erwartete kommt, ist das Wölkchen verschwunden.
Denken Sie sich das Alles in dem verhältnis einziger, grosser, umfassender Zuneigung, sehen Sie die tiefe Ahndung solchen Bundes, wie wir ihn immer gedacht, wie er uns in unzähligen Gesprächen vorgeschwebt, fragen Sie sich, ob irgend eine, von den gewöhnlichen Armseligkeiten, die den Menschen gefangen halten, dagegen ausreiche?
Sind Sie doch frei, Elise! Ich weiss es. Keine notwendigkeit bindet Sie an den Ort Ihres jetzigen Aufentaltes. Und welch' ein Aufentalt! Wollen Sie sich wirklich so hart strafen, den edlen, klaren Geist an der gemeinen Alltäglichkeit des Lebens abzustumpfen? geben Sie doch den Torheiten des Vorurteils nicht in dem groben Irrtume nach, als könne die Ertödtung dessen, was uns Gott ähnlich macht, Gott gefallen. Was heisst denn Busse? fragen Sie einmal die Weisen, die soviel davon reden, ob ihnen je der Begriff klar aufgegangen ist?
Glauben Sie mir, ich habe in dieser langen, gedrückten Zeit viel hierüber mit mir zu tun gehabt. Alles Leere, Nichtige, Abgerissene und darum Selbstische, büsst der Mensch durch E r f ü l l u n g oder N i c h t e r f ü l l u n g seiner Wünsche. Beides kann Strafe werden. Doch, was das Eigentum seiner heiligsten überzeugung, was sein frei gewordenes Dasein, was der Ursprung, wie der Zweck seiner Erdenlaufbahn ist, das gibt er nur zum Scheine den Umständen hin. D e r Trieb, der ihn zum zweitenmale im Bewusstsein e r s c h u f , der stirbt nicht, den verhüllt die Gewalt andrängender Ereignisse wohl eine Weile; aber, was i s t , das i s t ! Es lassen sich nur Abkömmnisse mit ihm schliessen, zu besiegen finden wir im Kampf der Wahrheit nichts als d i e L ü g e .
Es wäre himmelschreiend, wollten Sie sich glauben machen, Sie seien von d e m Gott, der Ihnen diese Seele einhauchte, verdammt, sich in die Knechtschaft der Bedürftigkeit zu schmiegen, um es zu büssen, dass Sie d a c h t e n und e m p f a n d e n , wie das Kind s e i n e r Gedanken! Ich habe Ihren Brief, Elise! in demselben Zimmer gelesen, auf derselben Stelle, wo