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hier. Sein Anblick rief mir andere Tage, andere Personen, andere Verhältnisse zurück, und vollends seine Pferde! – Mein armer Georg ritt sogar auf des Vetters Pferde. – Jetzt hat das arme Herz wohl nichts, nichts mehr, woran sich ein fröhlicher Knabe erfreut!

Sein kleines Gartengerät sahen Sie umherliegen, Hugo? O sähe ich d a s wenigstens! Ich würde auch das runde Händchen zu sehen glauben, das sich so dicht um den Reif der Kanne zusammenpresste, und doch die Hälfte des Wassers verschüttete, ehe noch die Stelle erreicht war, wo es einen künstlichen Graben füllen, oder eingesteckte Reiser geschwind zu grossen Bäumen wachsen lassen wollte. – Abgeschnittene Stückchen ohne Wurzeln in den steinigten Boden verpflanzt, waren Deine Wälder, armes Kind! Du träumtest Dich schon in ihren Schatten, und rittest auf der Haselgerte zwischen ihnen durch, Hirsche und Rehe zu jagen! Wird Dein ganzes Dasein so wurzellos auf undankbarem Boden vergehen?

Wie kam es, Hugo, dass Sie, an Georg erinnert, ihn nicht aufsuchten? Sehen Sie, das dumpfe Träumen in dem verwilderten Garten, auf der verlassenen Stätte im haus passt nicht für Sie. Wie anders könnten Sie der Freundin dienen, würden Sie der gute Engel des Kleinen. Ich habe etwas Aehnliches wohl lange im Stillen gedacht, aber da Sie mir nichts zu sagen hatten, so k o n n t e ich Ihnen auch nichts sagen, und bat darum Curd, zuweilen hinaus nach dem Amtof zu reiten, und mir zu schreiben, wie es um das Kind stehe. Es wird denn nun freilich an seinen Berichten nicht viel sein. Ich dachte aber, immer ist es ein verwandtes Gesicht, nur eine Erinnerung aus der frühern Zeit, die dem Verlassenen in dem ungewohnten Leben Freude machen muss. Und kann ich doch sonst nichts mehr für meinen Liebling tun!

O wie das Kind auf meine Seele drückt. Die wei

che, liebreiche Madame Lindhof teilt mir Alles mit, was ihren Pflegling betrifft; allein, sie sieht ihn täglich mit ältern Knaben, Georg verliert sich unter diesen. Auch ist er stumm, wo er sich fremd fühlt, und f r e m d werden ihm diese Kreise immer bleiben! Manches mag auch als Unart erscheinen, was er nur nicht verständlich machen kann, was Niemand dort verstehen wird! Es quält mich, all den Widerspruch zu denken, der mit Tavanelli's Eintritt begann und immer verwirrender fortgehen muss!

Wenn S i e wolltensehen Sie zu, Hugo, wie Sie

es machen, was Sie tun können!

Wie mich's hebt und entzückt, S i e und das

K i n d auf den Bahnen zu denken, die mir verschlossen sind. Von Eduard kein Wort! Auch an die Lindhof nicht. Er weiss, fürchtet diese, um deren Briefwechsel mit mir. Der Prior kommt zuweilen nach dem Amt. Wenn mir von daher neue Leiden drohten. Es ist doch ein Punkt unsers gegenseitigen Vertrags, dass der Knabe bis zum siebenten Jahre seiner jetzigen Pflegerin verbleibe. – Wenn –! Umsonst macht der geistliche Herr seine Spatziergänge nicht so oft durch die Erlen am Bache und in den Amtsgarten. Der Einfluss von daher wäre mir unaussprechlich peinlich! Haben Sie ein wachsames Auge, lieber, geliebter Hugo! Sie, der Sie alle Schläge dieses Herzens mit dem Engel teilen, der auch Ihr Liebling war. Dulden Sie es nicht, dass man dies helle Gemüt verfinstere, den aufrichtigen, klaren Sinn zur Versteckteit und Lüge reize!

Bin ich doch ganz wieder erwacht, seit ich an Sie schreibe! Regen sich doch tausend fremdgewordene Wünsche und Gedanken in mir! O Herz, wie würde Dir sein, dürftest Du Dich nur einmal wieder – –

Aber weg, weg mit solchen Bildern! Die Tante rasselt mit den Schlüsseln, die Bodentüre knarrt. Es regnet, und die Wäsche muss trotz der Jahreszeit im haus getrocknet werden, die Mägde und Weiber jammern beim Hinaufschleppen der Last! Was wird der ausserordentliche Fall uns nicht heute alles bei Tisch reden lassen!

Der Justizrat an den Präsidenten

Indem ich die Ehre habe, Denenselben die Ausfertigung der Scheidungsakte hiermit ganz gehorsamst zu übersenden, bemerkte ich gleichzeitig, dass der Rechtsanwald Dero gewesenen Frau Gemahlin diese ebenfalls von der gerichtlichen Auflösung ihrer stattgehabten ehelichen Verbindung in Kenntniss setzte, so dass Sie beiderseits, nach Ablauf vorgezeichneter Frist, zu einer zweiten Wahl zu schreiten gesetzlich berechtigt sind.

Die schnelle Beendigung eines, jeden Falls störenden Prozesses, darf allein Ihrer grossmütigen Aufopferung zugeschrieben werden, da diese Alles überging, was Leichtsinn und Unbestand an dem Selbstgefühl des beleidigten Gatten verschuldeten.

Befriedigt in diesem Bewusstsein, werden Sie, geehrter Herr Präsident! nichts vermissen, was Ihnen eine glänzende Laufbahn, die Anerkennung der Welt und die Verehrung der Bessern in dieser nicht vollwichtig ersetzen könnte. In tiefster Ergebenheit verharrend etc.

Hugo an Elise

Sorgen Sie nicht, Liebe! Ich träume nicht mehr. Ich habe die einschläfernde Trauer abgeworfen. Der Schmerz ist kein Wahn, aber die Klage ist eine Schwäche. Man beklagt Niemand als sich selbst. Das Liebkosen der Seele nimmt dem Leid seinen aufregenden Stachel. Unter die Füsse mit dem Geschick, und frei gehoben das Auge in die Welt hinaus, die u n s e r ist und die der Mensch gestaltet, wenn er sich nicht durch sie gestalten lässt! –

Ich fange wieder an zu leben, Elise! Der Bau in Wehrheim schreitet zum Erstaunen vor. Er