Ich werde sorge tragen, dass die Arbeit vorwärts geht. Was dann daraus wird? Mir einerlei! An mich denke ich nicht, das sehen Sie wohl, da ich b l e i b e und b a u e .
Was treiben S i e denn, Liebe? Wie betrügen S i e die Zeit um ihren trägen Lauf? Sind Sie noch bei der Dame, von der Sie einmal sagten: "Sie trüge wie eine Ameise immer ein Stückchen Dasein zum andern, und hätte so einen Vorrat von Brocken. Zum G e n i e ss e n aber bliebe ihr keine Musse."
Sie sehen, ich habe ein gutes Gedächtniss, und wiederhole mir gern, was ich von Ihnen hörte.
Seit ich in Ihrem Cabinett sass, kommen mir soviel der frühern Gedanken und Worte. Aber hier in der Burg schallt es, und es ist zwölf Uhr Mittags; die Glocken läuten eine volle Stunde. In der Capelle liest der Prior Emma's Todtenmesse! –
Ich versichere Sie, unter solchen Klängen kann sich ein Herz tropfenweis verbluten!
Elise an Hugo
Ich danke Ihnen, lieber Hugo! Sie geben mir den alten Glauben wieder. Sie sind nicht kleiner geworden im Unglück. Sie verleugnen weder Ihr Herz, um dem Gewissen zu entlaufen, noch denken Sie daran, beide durch Vergessen auszusöhnen. Sie sind wahr, wie immer, selbst in der matten Lauheit, mit der Sie auf mich, wie auf den Frühling Ihrer Gefühle zurücksehen. Wie viel lieber ist mir der schlummernde Hugo, als der klügelnde, sich und mich verhöhnende.
Lassen Sie es immer sein, dass Ihnen jetzt die Brust so leer scheint. Wenn e i n Freund uns verlässt, so sehen wir die andern nicht gleich, aber begegnen wir Ihnen, so fühlen wir, dass die Freundschaft uns immer nahe blieb.
Ihr Brief würde Manchem bange machen. Aber mir ist er so wert, so teuer! Er ist wie Sie selbst. Was Sie berührt, das ergreift Sie ganz, und Sie fassen es wieder so. Ich habe Sie immer geliebt in dieser Vollständigkeit Ihres Empfindens. Lässt denn am Ende auch die Begeisterung nach, spurlos zieht nichts durch sie hin.
Sie sagen mir, dass Sie auf der Burg bleiben. Sie dürfen sie auch nicht verlassen, jetzt nicht. Könnten Sie wohl den kummervollen Greis dort einsam wissen, und umherziehn, ohne Absicht, ohne Zweck? Was zöge Sie in die Ferne? was reizte Ihre Tätigkeit? Ist es dort nicht wie hier? und entgehen Sie sich irgendwo?
Hierin sind Sie zu beneiden, Hugo. Sie wissen doch wenigstens, w e s h a l b Sie an diesem und an keinem andern Orte sind. Ich weiss es nicht. Das drückt mich am schwersten, dass ich so zwecklos gehe und komme, dieses will und jenes lasse. Es bleibt am Ende ganz einerlei, und mir kann es das ebenfalls sein.
Ja, ich bin noch bei der guten, geschäftigen Tante; die immer weiss, weshalb sie aufsteht und niedersitzt, die Schlüssel in die Hand nimmt, klingelt, bestellt und abbestellt. Die Welt liegt auf ihren Schultern, und schwerlich erwacht der Herrscher grosser Staaten am Morgen mit so viel unruhiger Besorgniss, als sie, bis ihre Küche bestellt, das Erforderliche ausgegeben und die Besichtigung und Berechnung aller Vorräte geschehen ist. lachen Sie nicht, Hugo! Mich rührt die unermüdete Tätigkeit, und die eingebildete Grösse ihres Zweckes. Glauben Sie mir, es liegt viel Beruhigendes in solcher Beschränkung.
Ich spüre das in meiner jetzigen Lage. Sie ist eng, oft pressend, aber man wird so still darin. Vielleicht matt! Wozu hilft auch den Frauen die Kraft und der freie, umherschauende Sinn? Sie werden doch nur, frühe oder spät, in ein Zellchen ü b e r oder u n t e r die Erde zurückgeschleudert.
Ich habe hier alle meine Schmerzen verweint, und bin darüber eingeschlafen. Das Ableiern tagtäglicher Gewohnheitsworte, die fragen nach Wind und Wetter, nach gutem oder schlechtem Schlaf, nach dem Gedeihen der Früchte, dem Befinden nützlicher Hausund Hoftiere, die Verwunderung über die Nachlässigkeit eines Domestiken, und was sonst noch das beschränkte Leben hier bietet, ich versichere Sie, es lässt wenig Anderes in der Phantasie aufkommen. allmählich nimmt man an dergleichem teil; man spricht und hört so lange davon, bis man sich damit beschäftigt, und es mit einer Art Beruhigung wahrnimmt, dass weibliches Tun nicht mit Unrecht dem Treiben der Bienen verglichen wird. Solch' Sumsen und Wirren betäubt für den trügerischen Ruf nach hellern, weitern Regionen!
Der Sohn des Hauses war eine Zeitlang hier, jener Vetter Curd, den Sie in Ulmenstein und bei mir müssen gesehen haben. Vielleicht wissen Sie nichts mehr von ihm. Es ist auch nicht viel von ihm zu wissen, er selbst weiss am wenigsten von sich. Nun sehen Sie, h i e r war er E t w a s , ein S o h n und ein H a u s h e r r . Sehr viele Menschen, die sich in der Welt verlieren, nehmen ein Wesen und eine Gestalt an, wenn sie in die Umzäunung ihrer Grenze zurücktreten. Ich mache nicht viel aus den Geschöpfen, die nur in e i n e m Element atmen können und nirgends anderwärts existiren; indess urteilen Sie, wie bescheiden mich mein jetziges los macht, ich sah den Vetter Curd nicht ungern