1829_Fouqu_022_109.txt

ich wandt mich hindurch. Da lag das Haus. Türen und Laden geschlossen, hohes Gras auf der Terrasse, keine Ihrer Blumen mehr zu sehen, die Kübel leer. Georgs kleine Giesskanne umgestürzt in einem Winkel unter der Tonne am Giebel. Spaden und Hacke daneben, nichts lebte hier, als die alte Ziege und der Pfau, den man b e i d e n vergönnte, die blumenlosen Beete zu berupfen.

Ausgestorben! ausgestorben! das war das einzige Wort, das mir aus allen Ecken entgegen schallte. Ich setzte mich auf die steinerne Bank vor dem haus. Ich sass so lange. Es ward spät. Da hustete etwas und schurrte langsam mit stolperndem Schritte heran. Es war der alte Gartenknecht Karl, der so oft das Tor hinter mir schloss, wenn ich Abends spät wegritt. Er erschrack, da er mich sah, so fremd war ich ihm geworden. Das Leben macht die Zeit kurz oder lang. Hier war kein Leben mehr. Ich grüsste ihn. "Wer hat die Schlüssel zum haus, lieber Mann?" fragte ich. Er entgegnete: "Sie sind auf dem amt, aber ich schlafe hier unten, und kann durch die Seitentüre hinein, und so sind alle Zimmer zugängig." Er merkte wohl, was ich wollte, und ich, dass er mich verstanden. "Wollt Ihr so gut sein, Alter?" sagte ich, "Gern," erwiderte er. Wir traten in die untern Gewölbe. "Warten Sie," bat er, "ich muss erst ein Licht anzünden, oben sind die Laden geschlossen, es dunkelt schon, und man sieht da nicht, wo man hintritt." So gingen wir die Seitentreppen rechts hinauf, jener voran, ich hintendrein. Wie unsere Tritte durch das leere Haus schallten, wie jedes gesprochene Wort so hohl klang! Er öffnete Ihr kleines Gartencabinett, Elise! Das kleine Lichtstümpfchen, das wir hineintrugen, warf nur fahlen Schimmer umher. "Lass Er," rief ich, und drängte den Mann und das Licht hinaus. "Wie Sie befehlen," entgegnete er. Ich zog die tür hinter mir zu. Ich war allein. Der Duft Ihrer Blumen, Ihre englischen Bücher, die bekannten Gegenstände auf Ihrem Schreibtisch, kurz, der Atem Ihrer Welt, Ihrer lebendigen Nähe, wehte mir entgegen. Ich warf mich auf das kleine Sopha am Ofen. Die Kissen lagen noch so zusammengeschoben, wie Sie solche zur grösseren Bequemlichkeit gewöhnlich legten.

Was soll ich viel von dem Schmerze reden, der mich ganz, ganz gefangen nahm! Einen Augenblick vergass ich Alles. Ich wusste nicht ein Wort von der Welt, ausser uns. Dann kamen andere Gedanken, andere Vorstellungen. Ich sprang auf. Ich verliess das liebe, kleine Gemach mit einer Angst, als läge die Hölle auf mir. Der gute, alte Mann draussen sah mich halb verwundert, halb befremdet an. Ich mochte geweint haben. Ich weiss es wahrhaftig nicht. Ich gab ihm Geld. Wir schieden. Er sagte mir beim Hinausgehen: "Wenn Sie sonst wollen, das Pförtchen ist niemals verschlossen, auch kommt sonst Niemand hierher." Ich dankte ihm herzlich.

Nein! Elise, nein! dahin gehe ich nicht wieder. Den ganzen Rückweg über musste ich mir immer wiederholen: "Alles tot! Alles tot! Und Die auch! Du hast sie beide auf deinem Gewissen!"

So ist es! gewiss, so ist es! Wie ward Ihr Geschick so unheilbar zerstört! Und war ich es nicht, hatte ich denn Ruhe, bis meine unselige Hand den Wahn zerriss, der Ihr Bewusstsein verhüllte? Konnte ich noch zweifeln! Empfand ich es nicht, was Ihre schönen Lippen mir unter belebendem Entzücken endlich bekannten? O es war doch ein seliger, ein unvergesslicher Augenblick! – Was wundern wir uns, wenn eine Welt untergeht, während eine andere sich Raum schafft. Wie Sie, liebe Freundin! mir jetzt so deutlich aus der Erinnerung heraufsteigen! "Ungrossmütiger!" sagten Sie im ersten Augenblicke, zürnend. "Sie wussten es lange! Musste Ihnen erst das Opfer meiner Ruhe die Gewissheit besiegeln?" Sie verliessen mich voll Unmut. Ich war beschämt, Sie hatten recht. Eine Weile stand ich verlegen vor mir selber. Ich ahndete, dass d i e s e Minute viele andere geweiht hatte, die allmählich das Bisherige umgestalten würden. Aber ich war zu glücklich, um bereuen zu können. So r o h ist der Mensch und so läppisch! Immer greift er aus dem Traume heraus, und was ihm die innere Offenbarung gibt, das soll das Leben erst wahr machen.

Ja, es macht eine Wahrheit daraus! Aber eine entsetzliche, vor der man den Verstand verlieren kann!

Nein, es taugt mir nicht, wenn ich die Burg verlasse. Ich kann die Luft ausserhalb nicht mehr ertragen. Darum bleibe ich. Erst wollte ich gleich fort. Wohin? wusste ich freilich nicht. Aber der Kranke sucht die Stelle, wo er besser, stiller zu liegen glaubt. Es kam anders! Eine Kleinigkeit, vielleicht ein Zufall, gewiss ein Zufall, genug ich blieb. Der gute Oheim braucht mich doch wohl noch. So lange er lebt, baut er seine alten Pläne von Begründung und Forterben des Begründeten weiter in die Zukunft hinein. Nun, ich werde ihm bauen helfen, das neue Schloss in Wehrheim darf so nicht liegen bleiben.