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sah in die Höhe. Die schwarze Hand, welche gleichsam in der Luft zu schweben schien, und wie ein Wahrzeichen herabdrohte, mochte ihn erschrecken; er warf sich eilig auf's Pferd und sprengte davon.

Walter gestand, dass auch ihm die schwarzen, herüberhängenden Finger, vom Winde bewegt, ein Grauen eingejagt, und er sich rasch auf und davon gemacht hätte.

Beide, die Tannenhäuserin und er, redeten noch mancherlei über die Umwandlungen in der gräflichen Familie, als es an's Fenster pochte und eine bekannte stimme fragte, ob der Graf hier sei? Die Wirtin öffnete das Haus. Birkner, Hugo's Kammerdiener war es. Einige Schritte weiter hielt dessen Jagdwagen. Er war bepackt und die Laternen angesteckt.

"Ihr Herr ist nicht hier," sagte die Tannenhäuserin, "allein, mein lieber Birkner, Sie scheinen reisefertig, wollen Sie den Grafen nur abholen, um ihn von hieraus auf längerer Fahrt zu begleiten?"

"Das weiss der Himmel," versetzte jener, "ob heute endlich etwas daraus wird. Wir packen seit ein Paar Tagen Abends und Morgens, und kommen nicht von der Stelle."

Es pfiff hier hell durch den Wald. "Aha!" rief der ungeduldig Wartende, "da ist er! nun wollen wir sehen, wohin wir unsere Schritte lenken werden?"

Hugo kam langsam von der Seite herbei geritten. "Kehre nur um!" sagte er halblaut. "Ein andermal! Ich reite voraus."

Er grüsste nach dem haus zu, in welchem er Jemand stehen sah.

"Da haben wir's!" flüsterte Birkner, mit den Achseln zuckend. "Das ist ein Elend! kein Wille und kein Entschluss! Wozu denn nur die unnützen Befehle und die Plackerei? Zur Ausführung kommt es doch nicht!"

Hugo wandte hier sein Pferd, und kam gerade auf das Haus zu. "Sind Sie noch auf den Beinen?" sagte er, bei seiner alten Freundin anhaltend. "Guten Abend! guten Abend!" fügte er leutselig hinzu. "Ich konnte doch nicht ohne Gruss vorüberreiten."

Es entspann sich nun bald ein Gespräch zwischen Beiden, das freilich von seiner Seite einsilbig, wie immer, blieb; doch veranlassten ihn die fragen der dreistgemachten Frau, ob er denn wirklich verreisen wolle? und wohin? was am Ende aus den schönen Gütern und dem angefangenen Hausbau werden solle? ob er es mit ansehen könne, dass Alles unvollendet liegen, und Mühe und Arbeit umsonst bliebe? Zu der schmerzlichen Wiederholung der Worte, dass Alles unvollendet liegen bliebe! "Ja, ja, meine gute Frau!" setzte er schwermütig hinzu, "das geht im Leben nicht anders! Es zerstört unsere Arbeit, wie uns selbst. Gute Nacht!" sagte er dann weich, und im Wegreiten bemerkte er: "Ich bin noch nicht weg! Wer weiss! Gute Nacht! gute Nacht!" Und damit ritt er fort.

Liebe Elise, das ist Alles, was ich Ihnen über Hugo mitzuteilen weiss. Ich habe ihn vor Ihnen sprechen und handeln lassen. Sie selbst werden ihn beurteilen. Sagen Sie mir doch nur recht bald, wie Sie in sich Ruhe und Mut wiederfanden? Ihr letzter Brief hat mich sehr erschreckt.

Elise an Hugo

Wenn es möglich wäre, dass ein Brief von mir Sie störte, wenn ich denken müsste, die Erinnerung an mich sei Ihnen jetzt peinlich, ich würde weder Sie noch mich verstehen!

Man will mir etwas Aehnliches glauben machen. Aber ich glaube es nicht.

Ihr Schweigen, das jene Mutmassung rechtfertigen könnte, beweist mir nichts, als dass Sie meiner nicht so gewiss sind, als ich Ihrer. Das ist freilich schlimm. Mein Gott! sollten wir uns in dem Augenblick missverstehen, wo ein entsetzliches Unglück uns aus der Welt hinaus stösst, und zu gemeinschaftlichem Schmerz verbindet?

Klügeln wir nicht, Hugo! die Zeit der Täuschung ist vorbei, es hilft nichts, unschuldiger sein zu wollen, als das Bewusstsein es erlaubt; w i r , w i r tödteten Emma.

Können Sie noch in ein anderes Auge sehen, als das meinige, das allein Ihr Elend und Ihre Reue zurückspiegelt?

Nein, wir sind unzertrennlich!

Was Sie auch tun, was Sie den Freunden, den Nächstgebliebenen auch sagen mögen, es kennt Niemand wie ich den Faden, von dessen ersten Verknüpfung, Schlinge in Schlinge sich schürzte, bis das ganze, unzerreissbare Netz über uns alle ausgespannt lag.

Wer wird es Ihnen, wer wird es mir glauben, dass wir unwissend fehlten?

Keiner! Keiner! ich bin es gewiss.

Mit wem wollen Sie denn sprechen, wenn Sie auch den Ton m e i n e r stimme scheuen? In wessen Herz suchen Sie Antwort auf tausend ängstliche fragen, die Entsetzen und Schmerz in Ihnen heraufrufen? Seit wann fürchten Sie die Liebe? Wissen Sie sonst noch etwas auf der Welt, das Sie ihr an Grösse und Herrlichkeit zur Seite stellen könnten? Haben wir es denn nicht eben jetzt erst erfahren, dass man aus Liebe sterben, doch die nicht missverstehen kann, die man liebt?

O Hugo! wie sollen wir v e r e i n z e l t auf dem schwebenden Erdball stehen, der uns auf- und abwärts schnellt? Und s t e h e n , in sich b e s t e h e n will doch der Mensch