sich zu einem bestimmten Entschluss. Ich mochte ihn nicht stören. Doch er hub selbst mit bleichen, erschütternden Zügen an: "Es ist unbegreiflich, auf welchem Wege diese Zeilen in mein Zimmer, auf meinen Tisch gelangten. Kein Mensch im schloss weiss eine Silbe davon."
Sie kennen seinen Hang, an Uebernatürliches zu glauben, und sagten mir einmal, dass ihn die Möglichkeit geheimnissvoller Gemeinschaft mit der Geisterwelt unwiderstehlich durchschauere, dass eine unverkennbare sehnsucht darnach, ihn bei dem zweifelnden verstand allerlei Scheingründe von der Phantasie erbetteln lasse.
Ich las jetzt auf seinem Gesicht irgend eine unheimliche Vermutung, der ich dadurch zu begegnen glaubte, dass ich Tavanelli nannte, und bemerkte, wie wohl durch ihn die Botschaft an Alle zugleich ergangen sei.
Der Graf schüttelte den Kopf. "Unmöglich!" sagte er. "Ich begegnete dem Unglücklichen im wald. Die wahnsinnige Weise seines Betragens lässt auf keine Consequenz und Besonnenheit irgend einer Art schliessen. Und weshalb hätte er mir nicht damals den Brief gegeben, wenn er in dessen Besitz war?"
Ich erwiderte Alles das hierauf, was so nahe liegt, und in ruhiger Stimmung von Niemanden übersehen werden kann, ich führte gerade den gestörten Verstand des Caplan als Beweis listiger Geheimhaltung und kindischem Ausplaudern seiner Aufträge, an, indem ich mich auf andere Widersprüche seines letzteren Benehmens berief. Allein Hugo lag daran, das Wunderbare nicht erklärt wissen zu wollen. Er blieb immer bei der Frage: wie Tavanelli unbemerkt in sein Zimmer gekommen, wie er hätte wissen können, ihn nicht dort zu finden? Ich liess es dahingestellt sein. Wir sprachen nicht weiter davon, aber ich dachte wohl an die Oberhofmeisterin, der es nirgends, und daher auch hier im schloss nicht an verborgenem Anhang fehlt. P l ö t z l i c h , s c h o n u n g s l o s , fern von menschlicher Teilnahme, hat sie das Herz des verhasstesten aller Menschen treffen, es zermalmen wollen, ehe noch irgend Jemand um sein Unglück wusste. Es ist Alles gelungen, wenn man das Gelingen nennen kann, was eines Andern Pein vermehrt.
Ich besah, mit diesen Gedanken beschäftigt, den Umschlag des briefes, und fand, unterhalb der Addresse, Stunde und Tag bemerkt, an welchem die Gräfin gestorben war, so dass diese Nachricht ihrem Gatten zuerst in die Augen fallen, und den Eindruck der Abschiedsworte noch erschütternder machen musste. In den undeutlichen Schriftzügen war die Hand des Schreibers übrigens nicht zu erkennen.
Hugo bemerkte die Aufmerksamkeit, mit welcher ich das Aeussere des briefes betrachtete. Er fragte: "Was fällt Ihnen hier auf?" "Nichts," lächelte ich, als dass ein geistiger Bote so materieller Bescheinigung nicht bedürfe. Und wie viel sanfter und friedlicher würde das Wehen der scheidenden Seele die Ihrige berührt haben, wenn ein Durchfliegen der Räume möglich wäre!"
Er sah mich ungewiss an. "Sie haben wohl recht," hub er tiefsinnig an, "allein es lag etwas Tröstliches darin, dass ich an Emma's Nähe, in dem Zimmer, das sie so liebte, glauben konnte. Ich war deshalb an die Burg gefesselt, die sonst auf mich drückt."
"Warum," fragte ich, "wollen Sie die geliebte Nähe da bezweifeln, wo Sie sie warm und lebendig empfinden? Die Erinnerung hat beselende Kraft, und es gibt geweihte Plätze, an denen sie mächtiger ist, als an andern. Wenn ich das Gespenstische bestreite, so lasse ich darum dem Geistigen sein volles Recht."
"Gewiss! Gewiss!" erwiderte er zerstreut. Sein blick hatte Ihr Miniaturbild, Elise! in der Fenstervertiefung entdeckt. Es ängstigte ihn augenscheinlich, dass er öfter darauf hinsehen musste. Er griff nach seinem Hut. "Leben Sie wohl!" sagte er voll Innigkeit. Ich reichte ihm die Hand. Er schüttelte sie bewegt aber eilig, und ging mit den Worten: "Ich komme wieder! Bald! Morgen vielleicht!"
Er war fort. Ich behielt einen undeutlichen Eindruck von ihm. Glauben Sie mir, er ist sich selbst nicht klar. Die Tannenhäuserin war vor einer Stunde hier. Sie erzählte, gestern Abend sei Walter zu ihr gekommen, und habe gesagt: Als er ohnlängst am neuen Bau bei Wehrheim vorüber ging, die halbaufgeführten Mauern, die Steine am wasser, die grossen Quader zur Treppe und was sonst noch an Material herbeigeschafft war, bedauernd ansah, und bei sich dachte, dass nun diese Mühe auch umsonst gewesen, die grossen Anstalten zu nichts führten, und alle gemachten Pläne der Besitzer, wie die kurze Ehe und das häusliche Glück, in Stücken umherlägen, da sei Jemand durch das alte Tor, was noch stehen geblieben, hindurch, auf die Baustelle geritten. Dort stieg der Reiter vom Pferde, und dieses am Zügel haltend, stand er eine Weile vor dem angefangenen Gebäude, als durchlaufe er mit den Augen die Umrisse, wie den ganzen Entwurf desselben.
Walter erkannte, trotz der Dämmerung und dem bewölkten Himmel, den Grafen. Er wollte ihn nicht stören, trat deshalb zurück hinter die Stützen des Gerüstes. Jener glaubte sich allein, er machte eine heftige Bewegung mit dem Arm, indem er sich abwandte, als wolle er das Nichtige und Vergebliche menschlicher Vorsätze ausdrücken. Der Trauerhandschuh, den er abgezogen hatte und nicht fest zwischen den Fingern hielt, flog hierbei seitwärts auf die Spitze einer Stange oben am Gerüst, der Graf