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z e l n da zu stehen. Sie leuchtete am Saume des Tages, wie Abschied und Verkündigung. Der Tag selbst, in seiner ruhelosen Arbeit verschlang sie."

"Die Stunden," entgegnete ich, von dem Bilde getroffen, "wogen zwischen Abend und Morgen auf und ab, und der liebe Stern ist an jedem Wendepunkt derselbe."

Hugo sah mich an, ohne etwas zu erwiedern. "Ja, ja!" rief er, mich auf seine Weise missverstehend. "Sie hat Erwachen und Aufhören in mir ziemlich nahe gerückt. Ich tauge zu nichts mehr. Ein Schlag der Art lähmt die beste Kraft. Wozu," lächelte er schmerzlich, "lebt man auch? Es ergänzt sich die Welt, wie man es träumt! Die Besten verkennen einander! Sie hat mich auch verkannt!"

Er stand hier von seinem platz auf, und ging mit leisen, weit ausgreifenden Schritten das Zimmer auf und ab, ohne das gesenkte Auge aufzuschlagen.

"Emma hätte Sie missverstanden?" fragte ich jetzt, das Gespräch wieder anknüpfend.

Er blieb vor mir stehen. "Ja, ja!" erwiderte er mit liebevollem Lächeln. "Gott weiss," fuhr er fort, "wie dies auf meinen Tisch kam?" Er zog einen Brief aus dem Busen und gab ihn mir. Es war Emma's Hand. "Soll ich?" fragte ich, das Schreiben aus dem Couvert ziehend. Er nickte bejahend. Ich las, während er seinen gang durchs Zimmer fortsetzte, folgende erschütternde Worte, die ich abzuschreiben späterhin von ihm die erlaubnis erhielt:

"Unbewusst, wie ich Dich fand, geliebter Mann, werde ich Dir entrissen. Ich verliess Dich nicht, das glaube mir. Ich verlasse Dich auch jetzt nicht. Aber die Erde zieht einen Vorhang zwischen uns. Gott lässt ihn niederfallen. Du bleibst diesseits, ich bin bestimmt, jenseits lange zu warten, bis der Tag des Erwachens kommt. Dann werden wir uns ja doch wiederfinden! Lieber Hugo! das Scheiden wird mir sehr schwer! Ich nehme wohl Dein BildDein ganzes Selbst mit hinüber in meine Welt, aber es ist doch viel, viel anders, als wenn ich Dich noch sehen und hören könnte. Wenigstens scheint es den sterblichen Sinnen so! Die Lebendigen vergessen so oft, wie viel diese warme, bewegliche Gemeinschaft des Daseins ist! Ich schaudre doch ein wenig vor der langen, langen Trennung! – Die Hand wird vertrocknen, die in der Deinen lag, das Auge verlöschen, das nur im Glanze Deines lieben Blickes sich spiegeln mochte! Hugo! – O Gott! Es ist eine sonderbare Empfindung, sich das so sagen zu müssen! Wir sind recht schwach! Sei Du es nicht! Betrübe Dich nicht so sehr! Ich weiss, dass Du in der ersten Zeit nicht anders kannst. Es ist ja natürlich! denn war ich Dir auch wohl oft hinderlich, so ist Dein Herz zu gross, um meine Liebe zu verwerfen. Der Gedanke, Dich leidend zu wissen, durch das leidend, was Dir von mir kommt! – Lieber, guter Mann! es tut mir noch weher, als der Abschied von Dir. Du wirst es dann aber auch einsehen, wie es doch im grund das Beste für uns Beide ist.

Es ist der einzige Weg, e w i g e Trennung zwischen uns zu verhüten. Deine Seele wäre hart, die meine schwankend geworden. Gott weiss, wohin das führen konnte!

In wenig Augenblicken bin ichAch Hugo! Hugo! – Ich starb Dir schon so lange. Darum weine nicht! Hörst Du, lieber Mann! weine nicht um mich! Wenn Du nun frei wirst, mein Freund! so erschrick weiter nicht. Was Dich im Augenblick mit Schauder erfüllt, es war der stille Gedanke Deiner Seele. Ihr seid für einander geschaffen. Wolle nicht weiser sein, wie der Schöpfer selbst. Er hatte es so bestimmt, ich drängte mich zwischen Euch. Guter Hugo, Du hast recht viel gelitten! Wie werde ich mich freuen, wenn ich Dich endlich glücklich weiss!

Ich hätte Dir wohl noch etwas zu sagen. Aber es klingt Dir fremd. Es ist Deine Sprache nicht. Von mir hättest Du sie auch wohl niemals gelernt. Das aber darf ich Dir vertrauen, und weil es wahr ist, so wird es auch Dein Herz finden. O h n e m e i n e n Glauben könnte ich Dich nicht ruhig verlassen, könnte ich Elise n i c h t l i e b e n . – Und doch liebe ich Dich, schöner Engel! der Du bestimmt warst, das Gewebe süsser, quälender Täuschungen zu zerreissen. Du wusstest, was Du widerstrebend tatest. Sei überzeugt, meine Elise! ich fühle, was Dich beherrschte. I c h am wenigsten kann Dich tadeln. O sei und mache glücklich, mir raubst Du nichts mehr! Höheres wie menschliches Gesetz öffnet Euch die Wege zur ruhigen Vereinigung. – Bleibt Euch treu! die Welt wird verzeihen, was Gott beschützt. Seinem Schutz empfiehlt Euch mein Gebet. – Hugo! lieber Hugo! Der Vorhang fälltvergieb Deiner Emma."

Ich habe keins von den an Sie gerichteten Worten ausgelassen, liebe Elise! Hugo wollte es so. Ich las sie damals unter heissen Tränen. Ihr Freund weinte nicht. Er war sehr ernst. Es schien, sein Gemüt sammle