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, mit einemmale stürzt in der Dunkelheit ein Mensch auf mich zu, ohne Hut, mit weit aufgerissenem Kleide; er atmet schwer, und streckt die hände nach mir aus, als wolle er mich im Weitergehen aufhalten. Ich erschrack, dass mir's durch alle Glieder fuhr, und bog schnell von der Seite in ein Gebüsch hinein. Doch, ehe ich es erreichte, stand Tavanelli neben mir. "Was machen Sie hier?" fragte ich entschlossen. Mein Herz schlug heftig. Mir ahndete ein Unglück. Mein erster Gedanke war Georg. "Reden Sie," drang ich unruhig in ihn. Er stürzte mir zu Füssen, brach in Tränen aus, bekannte, dass er an mir zum Verräter ward, vermengte Schuld und Pflicht, Gefühl und Reue, verlor den Faden seiner Gedanken, und liess, aus dem Wust wahnsinniger leidenschaft, die schreckliche Nachricht in mein zitterndes Herz fallen.

Ich sah und hörte nichts mehr. Mit Entsetzen floh ich vor ihm. Ich dachte der Todesangst zu entrinnen. War er nur erst hinter mir, dann glaubte ich frei zu atmen. Aber ich kann mich nicht erholen, liebe Sophie! Ich komme nicht wieder zu mir selbst. Es ist der Schrecken! nicht wahr, es ist gewiss nur der Schrekken? Wenn wir krank sind, sind wir auch schwach, voller Einbildungen, das Bewusstsein selbst wird bestochen.

Haben Sie Mitleid mit meinem Zustande. Sagen Sie Ihr N e i n oder J a gleich zu Anfang des Briefes. J a ? wenn es ein J a wäre! Hugo! unglückseliger Hugo!

Antwort

Sie wissen jetzt Alles, liebste Elise. Die gütige, sanfte Madame Lindhof hatte es schon früher übernommen, an Sie zu schreiben, ehe noch Ihr Brief zu mir gelangte. Ich danke es ihr. Sie würden mir es schwer gemacht haben, wahr zu sein!

arme Elise! so schonungslos musste Sie diese Nachricht treffen! Man wird zuweilen versucht, zu denken, das Schicksal könnte milder mit dem Menschen verfahren. Aber was weiss man von diesen geheimnissvollen Wegen!

Tavanelli ist wie ein Gewitterstrahl in Ihr Haus gefahren. Alles hat er übereinander geworfen, die ganze Ordnung des Lebens gestört. Dass das so ein Mensch kann, ohne es zu wissen und zu wollen!

Lieber Gott! er dachte jetzt auch nicht an das, was er tat. Er trägt auch keine andere Schuld, als dass er ist, wie er ist. Sie beide hätten einander nicht begegnen müssen! Sie rissen ihn aus seiner stillen Welt, er hat die Ihrige verwüstet. Seine unwillkommene Erscheinung ward stets von Widerwärtigem für Sie begleitet.

Aber, lassen wir ihn! Möge seine Nähe Sie nie wieder ängstigen.

Von Hugo wollte ich mit Ihnen sprechen. Seinetwegen müssen Sie jetzt doppelt leiden. Die Ungewissheit, was in ihm vorgeht, lässt es in Ihnen zu keiner Fassung kommen.

Er war gestern Morgen bei mir. Ich hatte ihn zu sprechen gewünscht. Er trat mit seiner wehmütigen Gelassenheit, wie sonst, zu mir ein. Ich glaubte ihn noch unwissend über Emma's schnelles Ende. Er war es nicht. Ich las das nach den ersten Minuten in seinem Auge. Er richtete es mit einem blick nach mir, der zu sagen schien: "Kein Wort! kein Wort jetzt! Der toten weiches Flüstern allein will ich hören. Gönnen Sie mir das stille Gespräch."

Ich sah von ihm weg zu Boden. Wir setzten uns. Er versank in tiefe Gedanken. Eine ganze Weile ging so schweigend hin. Wahrscheinlich vergass er völlig, wo er sich befand. Mechanisch war er gekommen, hatte seinen Platz neben mir gefunden, und liess nun die Seele weiter in ihrem Traume schimmern. Ich ergriff endlich seine Hand. Er erschrack. "Nun?" fragte er, näher zu mir rückend. Es mochte ihm einfallen, dass Sie mir vielleicht einen Auftrag für ihn gegeben hätten, denn er setzte, ins Sopha zurücksinkend, betrübt hinzu: "Ich kann mir denken, was sie leidet! Hat sie Ihnen geschrieben?" fragte er hierauf. Ich bejahte es.

"Emma hat ihr auch geschrieben," sagte er leise, mit bebender, von Tränen erstickter stimme. Sein Schmerz brach gewaltsam, ihn ganz mit sich fortreissend, hervor.

Ich begriff, wie er diese Erschütterung fürchten, wie er sich durch Abwehren jedes fremden Berührens bis dahin zurückhalten musste. Er tat mir unaussprechlich leid, denn der Kampf zitterte durch sein ganzes Wesen.

Ich sagte ihm nichts. Er konnte jetzt nur mit sich selber zurecht kommen. Er fasste sich denn auch. "Ich werde es mir niemals verzeihen," hub er nach einer Pause an, "dass ich sie von ihrer stillen Bahn auf meinen Weg herüber riss. Die Ordnung der natur verschmerzt niemals eine Verletzung."

Ich verstand ihn nur halb, unwissend, ob er über Sie oder Emma rede. Er meinte eben die Letztere, denn er erwähnte die Mutter, indem er behauptete, diese allein habe recht gehabt. Ihre Abneigung gegen ihn sei aus dem Vorwurf entsprungen, den sie sich, der Tochter nachgegeben zu haben, gemacht. "Ich erriet dieses bald," seufzte er tief. Und das Auge aufwärts gerichtet, als sehe er die, von der er sprach, sagte er: "Das war ein Gestirn, das seinen Lichtkreis unvermischt, in ruhiger klarheit ausgiessen musste. Emma war bestimmt, e i n