Trennung von Emma, die gänzliche Störung des kaum Begründeten, muss ihn sehr verletzen. Es ist ein zäher, hartnäckiger Sinn in ihm, wie Du ihn mir früher schildertest. Nimm Dich in Acht, erbittere ihn nicht. – Die militärischen Reminiscenzen, und was damit zusammenhängt, erschrecken mich aus diesem grund besonders. Was willst Du auch damit? das sind wohl Anklänge aus Deinem alten Rittersitz! Ich dachte den Wust hättest Du hinter Dir! Muss ich Dich noch auf so rohem Pfade treffen, da hellere Bahnen vor Dir offen liegen?
Gehe in Dich, Hugo! und schreibe mir bald an Emma's Seite, dass Du ruhig, weise, und Dir selbst zurückgegeben bist.
Sophie an den Comtur
Erlaubt es Ihre Gesundheit, lieber Freund! so bitte ich Sie, kommen Sie heute noch auf eine Stunde zu mir. Es ist sehr notwendig, dass ich Sie spreche.
Antwort
Das Podagra hält mich wieder einmal gefangen, beste Sophie! Ich bediene mich, selbst für diese Paar Worte, einer fremden Hand. Scheuen Sie sich aber deshalb nicht, mir Alles zu schreiben, was Sie der Mitteilung wert halten. Das Auge Ihres alten Freundes ist so wenig stumpf, wie seine Seele. Haben Sie Nachricht aus Italien?
Von Sophie
Desselben Tages.
Ja, ich habe Nachricht; aber nicht aus Italien. Sie sind nicht bis dahin gekommen! – Lieber Freund! was brauche ich noch weiter hinzuzusetzen. Sie ahndeten es immer! Das arme Herz ist gebrochen! Alle Schmerzen, alle Klagen blieben in ihm verschlossen. Wie hätte die innere Qual es nicht zerdrückt! Ich weiss nicht, sollen wir es ein Unglück nennen, dass es so schnell mit ihr endete? Das Leben wird dem einsamen sehr l a n g ? und die Gewohnheit ist nichts als eine einschläfernde Begleiterin!
Der Arzt, zu dem ich in der Eile schickte, bringt Ihnen diese Zeilen. Er wird Alles ergänzen, was Sie darin vermissen könnten. Ich gestehe, ich bin in einiger Verwirrung. Der Tod überrascht auch da, wo er laut genug anrückte. Der Riss vom Leben war hier freilich geschehen, aber das sinnliche Band verbirgt uns diesen gern noch eine Weile. Und dann die Mutter! die Mutter! O mein Gott, was senkt sie Alles in dies eine Grab!
Von ihr nicht ein Wort! nicht eine Silbe! Sie ist bei den Nonnen in dem Waldkloster, unweit Freiburg geblieben, Emma starb in den heiligen Mauern. Der dorstratenser, den Todtesfall berichtet, mit dem Bedeuten, mich davon in Kenntniss zu setzen. Es ist ein trokkener Bericht, den ich Ihnen erspare. Schon einige Zeit vorher hatte Tavanelli hier und da dunkle Winke von dem früh beendeten Geschick der Gräfin gegeben. Man erzählte sich davon, doch glaubte Niemand dem unstäten, herumstreichenden Flüchtling, der überall war, nirgends verweilte und eben so verworren als vermessen redete. Gleichwohl scheint er in einer Art Verkehr mit den Reisenden gestanden zu haben. Es ist sogar wahrscheinlich, dass ihn die Oberhofmeisterin in Aufträgen versandte. Vielleicht folgte er ihr auch nur in seiner Verzweiflung, da er hier nicht auszuhalten vermochte. Der Zustand, in welchem er sich darauf wieder zeigte, die Vorgänge in der Mühle, die wilden Phantasien, denen er fast erlag, deuteten auf gewaltsame Erschütterungen des Gemüts, die jede seiner Aeusserungen verdächtig machen. Die Tannenhäuserin sagte mir zuerst davon, auch dass er Hugo im wald getroffen, als dieser mit dem Gewehr auf dem rücken den Forst durchstrich; erschrocken sei er erst geflohen, dem Grafen jedoch später in den Weg getreten und den Hut abziehend, stotterte er hastig und furchtsam unverständliche Worte vom tod der Gräfin.
Hugo, von unaussprechlichem Schmerz ergriffen, stierte dem wahnsinnigen Tavanelli unbeweglich nach, als dieser schnell wie der Blitz davon eilte. Todtenblass, sagte mir die Frau, sei der Graf zu ihr eingetreten, habe ihr den Vorgang erzählt, sogleich aber hinzugesetzt: Er wisse wohl, was von Faseleien eines kranken Menschen zu halten sei, doch gestehe er, könne er des gehabten Schreckens noch nicht Herr werden.
Es ist hierdurch so viel gewonnen, dass die Wahr
heit ihn nicht ganz unvorbereitet trifft. Doch wird sie ihn gewaltig fassen. Es ist unmöglich, dass seine jetzige Freiheit ihm nicht die Qual solcher Träume gäbe, in denen man fliegt und fliegt, und plötzlich fällt und erwacht. Ich weiss nicht, wie er mit sich selber steht? Was er sich sagen, wie er sich beruhigen wird? Der erste Augenblick wird schrecklich sein! Doch die notwendigkeit, v o r s i c h z u b e s t e h e n , leihet dem Willen sehr vieler Menschen so beruhigende Gründe, dass die Phantasie b l a ss und das Gefühl s t u m m wird. Auch heilen die Schmerzen des Gewissens am schnellsten, weil sie die unbequemsten sind. Wer weiss, regen sich selbst diese Schmerzen in ihm! Die Umstände müssen Vieles auf sich nehmen, was die verzärtelte Brust nicht tragen kann. Der Schreck macht bald genug mattem Bedauern Platz.
Nein, ich will nicht bitter sein! Gewiss nicht! Doch
sonderbar genug, verletzt mich dieser Tod mehr, als er mich rührt; ihn wie eine Tat, nicht wie eine Schikkung betrachtend, suche ich seine Urheber ausserhalb, und ohne irgend eine Seele anklagen zu wollen, zürne ich mit dem Leben, dass es solche Lücken lassen kann!
Ich hatte immer noch