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mir nachher erst eingefallen. Tavanilli klagte in seiner Phantasie oft und ängstlich über eine Gestorbene. Wer kann sie sein? Ich finde sie nicht in meinen Gedanken.

Siehst Du, was es ist, wenn man einem unbequemen Begegniss in der Welt aus dem Wege gehen will. Hätte ich gestern Georg gezeigt, wie man sich überwinden und bezwingen müsse, um Andern nicht wehe zu tun, ich hätte Tavanelli gehört, all das Störende wäre wohl unterblieben, und mich ängstigten weder Vorwürfe noch geheime sorge um die tote, von der ich nichts weiss, von der ich mehr zu erfahren, peinlich zittre.

Komm bald, lieber Sohn; Du siehst, es geht hier Alles wunderlich durcheinander, ohne Deine Gegenwart.

Heinrich an Hugo

Endlich ein Brief! Ich atme auf. Du hältst Dich noch einigermassen im Gleichgewicht, Du wirst nicht umschlagen! Die kleine Liebelei konnte Dich berühren, doch nicht erschüttern. Was sollte Dir auch d e r Roman? Das ist nicht D e i n e Welt, Hugo! Glaube nur, Dein weitstrebender Sinn überfliegt die Phantasie einer Frau. Jede wird sich in Dir verrechnen, Du eine jede überschätzen, und sie dann fallen lassen. Dies Geschlecht tändelt nur mit dem Namen Freundschaft, um der Liebe desto freiern Spielraum zu verschaffen. Die steten Bebungen kleinlicher Gefühle dulden keinen ruhigen Widerschein der idee. Es ist vergebens, die weibliche Brust fasst das colossale Bild des Universums niemals. Deshalb, Hugo! ängstige Dich nicht, dass der Rausch verflog, und Du etwas nüchtern um Dich siehst. Die Täuschung hält bei Dir nicht lange an, Du greifst zu weit aus, um nicht das lose Gespinnst sentimentaler Träume über kurz oder lang zu zerreissen. Deine schöne, freigeisterische Amazone, Hugo! ist doch nur ein leidenschaftlich bewegtes Weib, von weit mehr keckem Trotz, als starkem Mut. Am Ende bereuen Alle, was sie unvorsichtig w o l l t e n und kraftlos h a l b vollbrachten. Lass sie, wie sie ist. Kümmere Dich nicht darum, dass Du sie Dir anders dachtest. Es war ein Irrtum. Wer wird um ein Nichts trauern! Man belacht sich bald, wenn man nur erst über sich hinaus ist. Und auf d e m Wege bist Du.

Ich gestehe Dir, dass ich Deine Versöhnung mit Emma wünsche. So gewisse, lose Bande kannst Du brauchen, um einigermassen im Gleichgewicht zu bleiben. Im A l l g e m e i n e n ist die Ehe ein Unding für Dich. Aber die bescheidene Frau, die nichts will, als nur nicht gerade einer Andern nachstehen, die in allem Uebrigen zurücktritt, Dich verehrt und willig gewähren lässt, die kannst Du l e i t e n . Sie wird Dir überall folgen, ohne Dich zu hindern. Und wenn dabei auch nichts anders herauskommt, als dass Dir selbst klarer bewusst wird, indem Du Deinen Willen auf einen Andern übertrügst. Schüler, Hugo! machen erst Meister.

Auch ist man dem Rufe immer etwas schuldig. Du kannst nicht wohl aus einem Bündniss heraustreten, dem die verjährte Meinung Heiligkeit beilegt. Stösst man erst die Welt vor den Kopf, so entstehen tausend und tausend andere Köpfe, die arme und Beine, und Füsse und hände kriegen, und den Weg durch sie hin unbeschreiblich unbequem machen.

Entschliesse Dich daher schnell. Mache Deinen Frieden mit Emma. Im grund verlangst Du selbst darnach. Es wird Dir eben nicht schwer werden. Herrschest Du doch immer noch in dem allzu abhängigen Herzen. Deine Ueberredung bringt die Mutter ohne Weiteres zum Schweigen, daran ist kein Zweifel. Und was will denn diese hoch und stark gesinnte Mutter anders, als ihr einziges Kind in seinen Rechten ungekränkt, frei und würdig bewahrt wissen. Ich gestehe Dir, diese Frau scheint mir unter denen, die Du nennst, die Bedeutendere. Ist ihr Weg auch ein ziemlich alltäglicher, so ist er doch scharf und bestimmt gezeichnet. Sie kann sich nie um einen Schritt verirren, und erreicht sie ihr Ziel nicht, so kommt es ihr gleichwohl nicht aus den Augen. Sie wird Deiner Wiedervereinigung mit Emma nicht hinderlich sein, sobald sie nur die Nebenbuhlerin entfernt weiss. Dass diese sich entfernen l i e ss , dass sie Dich aufgab, dass der Schrecken sie von dem dreisten Fluge zurück auf die Erde schleudern konnte, dass sie sich da winselnd k r ü m m t e – weg, Hugo! Weg von dem charakterlosen Wesen, das zu der kühnen Luftfahrt alles, nur keine Schwingen mitbrachte!

Eine Besorgniss anderer Art, die mich an die Wiederherstellung Deiner frühern Verhältnisse denken lässt, ist die äussere Unabhängigkeit. Du weisst, lieber Hugo! wie sehr ich Anfangs gegen die Vorschläge des Comtur war, wie es mich ärgerte, dass man Dich durch eine veränderte Stellung e r h ö h e n zu können glaubte, wie kindisch mir all der verwickelte Rechtskram dünkte, und was ich von solchen Institutionen halte, an welchen Ruhe und Glück eines Menschen scheitern müssen. Du wirst nicht glauben, dass ich der zufälligen Form mehr einräume, als sie wert ist. Gleichwohl gibt es gewisse Bedingungen zu einem würdigen Dasein, die nicht aus der Acht zu lassen sind. Der Oheim lebt noch, Hugo! denke daran, Du wurdest sein Erbe, w e i l e r e s w o l l t e . E r könnte es auch einmal anders woll e n . Die