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die alte Marte gewesen, versicherte das Mädchen, sie habe sie wohl erkannt an dem hellen Ton. Da sie solche aber anrufen wollte, verlor sie sich schnell immer weiter zwischen den Bergen. Nicht lange darauf stand der Caplan vor der Mühle. Er klopfte ängstlich an die tür, sah todtenblass aus und zitterte in heftigem Fieberfrost. Die Müllerin liess ihn sogleich ein. Er konnte nicht ein Wort hervorbringen, sank matt und krank auf einen Schemel, und liegt noch krank, wie im Fieber rasend.

"Ei!" sagte ich, als ich das hörte, "da muss ich gleich hin, und sorgen, dass dem Unglücklichen geholfen wird."

"Was wollen Sie denn noch lange helfen, Madame?" antwortete mir der alte Klaus. "Der ist reif. Lassen Sie ihn immer das Bad ausbaden. Hat er es doch nicht besser gewollt."

Ich verwies ihm die unbilligen Worte. Aber er schüttelte den Kopf und sagte so viel, um mich in dem lang gehegten Verdacht zu bestärken, dass ein Brief des Caplan, vielleicht durch Klaus bestellt, den Präsidenten an jenem Unglücksabend hierher berief. Nichts desto weniger hielt ich es doch für meine Pflicht, dem ganz Verlassenen beizustehen. Ich fuhr daher sogleich nach der Mühle. Allein, lieber Sohn, was ich dort hören und sehen musste, überstieg weit meine Erwartung. Anfangs war es nur der Kranke, der uns sorge machte. Was der in den Fieberphantasien sprach, durfte man eben nicht sonderlich achten. Doch nun, als gegen Abend die rohe stimme der herantobenden Marte sich vernehmen liess, die Verwilderte, mit ihren aufgerafften Lumpen im Arm, ungestüm in die stube trat, mit stotternder Zunge nach dem vermissten Ringe und nach Tavanelli forschte; ihn bald Sohn, bald verwünschte Teufelsbrut nannteach! lieber Franz, Du kennst Deine Mutter, Du wirst Dir einbilden, wie mich solch' widriger Auftritt ängstigte.

Ich sass erst ganz still in einem Winkel, an das Krankenbett gedrückt, ohne Mut zu haben, der Frechen den Eintritt zu verwehren. Doch, wie sie die tür endlich halb erstürmte, den armen Schlummernden laut anschrie, ihren Ring von ihm forderte, da fasste ich mir ein Herz, nahm sie beim Arm und führte sie hinaus, indem ich ihr leise zuflüsterte, mir zu folgen, ich wollte ihr alles Verlorne wieder zustellen. Sie sah mich ungewiss an, tat aber, was ich ihr sagte. Als die Müllerin das Päckchen aus dem Schranke herausnahm, griff Marte mit hässlicher, tierischer Gier darnach, ihr schiefliegendes Auge blitzte hell. "Da!" rief sie, mir den Ring und das Blatt hinhaltend, "lesen Sie, lesen Sie! Er will es nicht glauben. Aber, es ist, so wahr Gott lebt, wahr! Sein Vater hat mir die Ehe versprochen. Hier steht es, und den Ring gab er mir, da ich seine – –"

Sie lachte hell auf. Ich schlug beschämt die Augen nieder, ohne ihr zu widersprechen. Ich glaubte, sie fasele. Aber, lieber Franz, sie sprach wahr. Sie liess nicht ab, ich musste die betrügerische Verschreibung lesen. Es war Tavanelli's Vater, der sie verführt und verlassen hatte. Gott weiss, durch welche Künste sie dem Caplan seinen weltlichen Namen entlockte, unter dem sein Vater vor fünf und zwanzig Jahren als Geschäftsführer in einem grossen Handelshause unserer Residenz lebte. Er verschwand dann mit einemmale, kehrte nach seinem vaterland, dem Voralbergischen zurück, wo er heiratete, und dem Bedaurungswerten ein Dasein gab, dessen blosse Möglichkeit zu d e n k e n , Martens wildem Sinn tausend Flüche entlockte.

Dies und noch viel mehr, was meine Feder nicht aufzeichnen kann, vertraute sie mir auf eine rohe, stürmische Weise. In ihrer Brust stritten Hass und Liebe für den Sohn des Treulosen. Sie gestand unter lautem lachen, dass sie nicht von ihm lassen könne, dass sie ihm, seit sie die Entdeckung gemacht, zu der die grosse Aehnlichkeit mit dem unvergesslichen Geliebten ihr den Weg gezeigt, auf Tritt und Schritt folge, und seine Flucht sie heute vor Tagesanbruch durch die Berge gejagt habe.

Auf meine Versicherung, dass er ernstlich, vielleicht gefährlich krank sei, ward sie stille. Ihre harten Züge milderten sich, ihr Auge hatte fast einen rührenden Ausdruck. Sie setzte sich auf die Schwelle der tür, welche zu dem Caplan führte. Ich bewachte sie sorgsam, bis der Arzt kam. Sie tat nichts, als von Zeit zu Zeit den Ring besehen, ihn an den Finger stecken, wieder abziehen, in das Blatt wickeln, und beides im Busen verbergen, bis sie nach einer Weile dasselbe Spiel wieder von Neuem anfing. Zuletzt schlief sie ein. Ich war froh, als unser guter Doctor kam. Dem habe ich nun Beide übergeben. Er wird sorge tragen, dass der Caplan zum Prior in unser Kloster, und Marte in eine Verpflegungsanstalt gebracht wird.

O Franz, Franz! mir schaudert vor dem, was dem übertretenen Gebote folgt.

Ich kann den Anblick der elend gewordenen Frau nicht vergessen! So tief, so ganz tief musste sie sinken! Ach! sie war doch auch einmal ein schuldloses, frohes Mädchen, und gewiss auch ein gutes Kind, von dem die Mutter Freude und Segen erwartete. Wie oft mag das Lächeln dieses verzerrten Mundes Entzücken in dem Herzen der Mutter geweckt haben! Und jetzt

Eins ist