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' er die glatt und rein an beiden Seiten heruntergescheitelten Haare!

Er machte eine Bemerkung, die ihm das Mädchen nach einigem Widerspruch doch endlich gelten lassen musste. Bräute, deren Väter vom Forstwesen sind, haben vor andern in der Einbildung des Liebenden immer einen Reiz voraus, entweder durch den Gegensatz von zarter Weiblichkeit mit einem mutigen, nicht selten gefahrbringenden Leben, oder weil selbst an den Töchtern noch der frische freie Hauch des Waldes zu haften scheint; es sucht überdies die gemeinschaftliche Farbe Grün solche Ideen gar gefällig zu vermitteln. Nur das letztere litt eine Ausnahme bei Agnesen, welche die Eigenheit hatte, dass sie diese muntre Farbe in der Regel nicht, und nur sehr sparsam an sich leiden mochte.

Sie ging, das Frühstück zu besorgen, und Nolten unterhielt sich mit dem Förster. Das Gespräch kam auf Agnesens Krankheit und weil kein teil dabei verweilen mochte, sehr bald auf einen Gegenstand, wovon der Alte mit Begeisterung, der Sohn mit einem stillen, fast scheuen Vergnügen sprachseine Hochzeit. Man dürfe nun damit nicht lange mehr zögern, meinte der Vater, meinte auch Nolten, selbst Agnes hatte sich mit dem ernsten Gedanken mehr vertraut gemacht. Eine Haupt frage war noch unentschieden: wo der Herr Sohn sich niederlassen werde? Nun eben sprachen die Männer darüber. Auf einmal fragt Nolten, den Kopf aufrichtend und horchend: "Wer ist so musikalisch in der Küche? wer pfeift denn?" "Sie tut's, die Agnes", antwortete der Alte gleichgültig, indem er die Tür einen Augenblick öffnet, und fährt gelassen in seiner Rede fort. Man hörte das Mädchen mit der Magd verhandeln, Geschirre hin und her stellen und dazwischen wohlgemut, wie unter Gedanken, trillern und pfeifen. Unwillkürlich musste Nolten laut auflachen: die unbedeutendste Sache von der Welt hat ihn überrascht. Es gibt unschuldige Kleinigkeiten, die mit unserm Begriffe von einer person, wenn er nur einigermassen etwas Idealisches hat, schlechterdings zu streiten scheinen, ja ihn beinahe verletzen. Sogleich ward Nolten von dieser Empfindung berührt, von einer unangenehmen, wenn man will, und sogleich fühlte er dieselbe in eine ganz entgegengesetzte, oder vielmehr in eine gemischte, umschlagen, wobei ein pikanter Reiz unwiderstehlich war. Er hätte aufspringen mögen, die gespitzten Lippen zu küssen und zu beissen, doch verharrte er auf seinem Sitz, bis das Kind unbefangen hereintrat, da er denn nicht umhinkonnte, ihr den Mund tüchtig zu zerdrücken, ohne jedoch (er wusste nicht, was es ihm verbot) den närrischen Grund seiner verliebten Laune zu verraten. "Ei", rief der Vater dazwischen, "bis wir trinken, hole doch die Mandoline! das ist dir, glaube ich, noch gar nicht eingefallen." Wie Feuer so rot wurde das schöne Kind bei diesem Wort. Es gibt einen Grad von Verlegenheit, der wirklich furchtbar ist und das höchste Mitleid fordert; er kam bei Agnes selten vor, war es aber der Fall, so wurden ihre Augen, ohne eigentlich zu tränen, plötzlich schwimmend und öffneten sich mächtig weit, wie man etwa bei Somnambülen dies bemerkt; es war unmöglich, sie dann anzusehn, denn man ward innig bange, sie stehe auf dem Punkt, wie durch ein Wunder zu zerfliessen, wie eine leichte Wolke sich völlig aufzulösen. Sie trat ängstlich hinter Teobalds Stuhl und ihr Finger spielte hastig in seinem Haar. Niemand wagte weiter etwas zu sagen und so entstand eine drückende Pause. "Ein andermal!" sagte sie kleinlaut und eilte in die Küche.

"Der Vetter, der Lehrmeister, irrt sie, merk ich wohl, Ihnen gegenüber. Doch hätt ich das nicht mehr erwartet, aufrichtig zu sagen."

"Wir wollen sie ja nicht stören!" versetzte Teobald, "lassen Sie uns ja vorsichtig sein. Ich denke mich recht gut in ihr Gefühl. Des Mädchens Anblick aber hat mich erstaunt, erschreckt beinah! Merkten Sie nicht, wie sie beim Wegen die Farbe zum zweitenmal wechselte und schneebleich wurde?"

"sonderbar!" sagte der Vater, mehr unmutig als besorgt, "in jener schwermütigen Periode konnte man dasselbe manchmal an ihr sehen und inzwischen nie wieder, bis diesen Augenblick." Beide Männer wollten nachdenklich werden, aber Agnes brachte die Tassen.

Beim Frühstück hielt man Rat, was heute begonnen werden sollte. "Eh ich an irgend etwas weiter denken kann, eh wir den Papa zum Wort kommen lassen mit Besuchen, die zu machen, mit Rücksichten, die zu nehmen sind, erlauben Sie uns das Vergnügen, dass Agnes mir zuvörderst das Haus vom Giebel bis zum Keller, von der Scheune bis zum Garten, und alles nach der Reihe wieder zeige, was mich als Knaben glücklich machte. Was waren das doch schöne zeiten! Sie hatten ihrer vier Jungen im haus, lieber Vater, die beiden Z., diese wilden Brüder, mich und Amandus, der ja nun Pfarrer drüben ist in Halmedorf. Wie freu ich mich, ihn wiederzusehn! wir müssen hinüber gleich in den nächsten Tagen, hörst du mein Schatz? hört Ihr Papa? da muss dann jedes sein Häufchen Erinnerung herzubringen, und es wird ein gross Stück Vergangenheit zusammen geben." "Leider", sagte Agnes, "kann aus dieser Zeit von mir noch nicht die Rede sein; ich hatte nur erst sieben Jahre, wie du zu uns kamst." "Was? nicht die Rede? meinst du, der Tag, der