nicht entdecken!" sagte Agnes, indem eine köstliche Röte sich über ihre Wangen zog. Wohl wusste er, was sie meine. Ihre Haare, die er bei seiner letzten Anwesenheit noch beinah blond gesehen hatte, waren durchaus in ein schönes glänzendes Kastanienbraun übergegangen. Teobalden war es beim ersten Blicke aufgefallen, aber auch sogleich hatte sich ihm die sonderbare Ahnung aufgedrungen, Krankheit und dunkler Kummer hätten teil an diesem schönen Wunder. Agnes selber schien nicht im entfernten dergleichen zu denken, vielmehr sie fuhr ganz heiter fort: "Und meinst du wohl, es habe sonderlich viel Zeit dazu gebraucht? Nicht doch! fast zusehends, in weniger als zwanzig Wochen war ich so umgefärbt. Die Pastorstöchter und ich, wir haben heute noch unsern Scherz darüber."
Am Abend sollte Nolten erzählen. Allein dabei konnte wenig Ordentliches herauskommen; denn wenn er sich gleich aus Larkens' Konzepten überzeugt hatte, wie treulich ihm der Freund bereits in bezug auf gewisse Verlegenheitspunkte, so namentlich auch wegen der Verhaftsgeschichte, zur Beruhigung der guten Leutchen vorgearbeitet, so fand er sich nun doch durch die Erinnerung an jene gefährliche Epoche dem unvergleichlichen Mädchen gegenüber im Herzen beengt und verlegen; er verfuhr deshalb in seinen Erzählungen nur sehr fragmentarisch und willkürlich, und übrigens, wie es bei Liebenden, die sich nach langer wechselvoller Zeit zum ersten Male wieder auge in Auge besitzen, natürlich zu geschehen pflegt, verschlang die reine Lust der Gegenwart mit Ernst und Scherz und lachen es verschlang ein stummes Entzücken, wenn eins das andere ansah, jedes übrige Interesse und alle folgerechte Betrachtung. Wenn nun das junge Paar nichts, gar nichts in der Welt vermisste, ja wenn zuweilen ein herzlicher Seufzer bekannte, man habe des Glückes auf einmal zu viel, man werde, da die ersten Stunden so reich und überschwenglich seien, die Wonne der folgenden Zeit gar nicht erschwingen können, so war der Alte an seinem teil nicht eben ganz so zufrieden. Er sass nach aufgehobenem Abendessen (Tischtuch und Gläser mussten bleiben) geruhig zu einer Pfeife Tabak im Sorgensessel, er erwartete mancherlei Neues von der Reise, vom Ausland und namentlich von Bekanntschaften des Schwiegersohns dies und jenes Angenehme oder Ruhmvolle behaglich zu vernehmen. Agnes, den Fehler wohl bemerkend, stiess deshalb den Bräutigam ein paarmal heimlich an, der denn nach Kräften schwatzend, gar bald den Vater in den besten Humor zu versetzen und einigemal zum herzlichsten Gelächter anzuregen wusste. Es fiel dem ganz jugendlich auflebenden Greise noch ein, eine Flasche echten Kapweins, welche der Baron verehrt, vom Keller bringen zu lassen, und immer wurde man munterer.
Von dem Vater, den wir im allgemeinen schon kennen, sagen wir bei dieser gelegenheit nur soviel: Es war ein Mann von gutem geraden verstand, sein ganzes Wesen vom besten Korn, und während die eigensinnige Strenge seines Charakters durch die äusserste Zärtlichkeit für seine Tochter auf eine liebenswürdige Weise gemildert schien, so war dagegen der Schwiegersohn beinahe der einzige Mensch, vor dem er einen unbegrenzten Respekt fühlte. Denn eigentlich pflegte der Alte etwas auf sich zu halten, und da er als Forstmann, zumal in frühern zeiten, mit einem hohen Jagdpersonal in vielfache Berührung kam, als erfahrner und gründlicher Mann gesucht und geschätzt war so durfte er sich zu einer solchen Meinung gar wohl berechtigt glauben.
Als man nach elf Uhr sich endlich erhob, versicherten alle drei, es werde vor freudiger Bewegung keins schlafen können. "Kann ich's doch ohne das nicht!" seufzte der Förster, "hab ich doch in jungen Jahren bei Tag und Nacht in Nässe und Kälte hantierend, mich um den wohlverdienten Schlaf meines Alters bestohlen! nun hab ich's an den Füssen. Doch mag's! Es denkt und lernt sich manches so von Mitternacht bis an den lieben hellen Tag. Und wenn man sich dann so im guten Bette sagen kann, dass Haus und Eigentum von allen Seiten wohl gesichert und geriegelt, kein heimlich Feuer nirgend ist, und so weit all das Ding wohl steht, und dann der Mond in meine Scheiben fällt, so stell ich mir dann Tausenderlei vor, stelle das wild mir vor, wie's draussen im Dämmerschein aufm Waldwasen wandelt und Fried und Freud auch hat von seinem Schöpfer ich denke der alten Zeit, der vorigen Jahre – sagt der Psalmist –, ich denke des Nachts an mein Saitenspiel (denn das ist dem Weidmann seine Büchse), und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen. Ja ja, Herr Sohn, lächeln Sie nur, ich kann auch sentimentalisch sein, wie ihr das so nennt, ihr junges Volk. Nun, schlafen Sie wohl!" Er lüpfte freundlich seine Zipfelmütze und Agnes durfte dem Bräutigam leuchten. Es glänzte wieder die herrlichste Sonne in die Fenster des Forstauses, um die Bewohner zeitig zu versammeln.
Agnes, seit lange gewohnt, die Stelle der Hausfrau zu behaupten, war am ersten rege. Und aufs neue wie trat sie den Augen des Liebsten entgegen! Ein ander Kleid als gestern, eher noch ein einfacheres, hatte sie angelegt, aber wie alle das auch passte, sich innig schmiegte an ihr wahrstes Wesen, ja völlig eines mit demselben ward! Gleich diesem neuen Tag war sie für Nolten durchaus eine Neue; gewiss, wir sagen nicht zuviel, sie war der goldne Morgen selber. Soeben hatte sie den Stöcken wasser gegeben, und es hing ihr ein heller Tropfen an der Stirn; mit welcher Wollust küsst' er ihn weg, küsst