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haben; in jedem Winkel schien ein holdes Gespenst der Vergangenheit neugierig dem Halbfremden aufzulauschen und ihm zuzuflüstern: Siehe, hier ist sich am Ende alles gleichgeblieben, wie ist's indessen mit dir gegangen?

Zur Emporkirche stieg er nun auf; er sah ein altes Bleistiftzeichen wieder, das er einst in einem bedeutenden Zeitpunkt, abergläubisch, gleichsam als Frage an die Zukunft, hingekritzelt hatteaber wie schnell bestürzt wendet seine Aufmerksamkeit sich ab, als ihm durch die bestäubten Glasscheiben aussen eine weibliche Figur auffällt, über die er keinen Augenblick im Zweifel bleiben kann. Agnes ist es wirklich. Sein Busen zieht sich atemlos zusammen, er vermag sich nicht von der Stelle zu bewegen, und um so weniger, je treffender, je rührender die Stellung ist, worin eben jetzt ihm das Mädchen erscheint. Er öffnet behutsam den Fensterflügel um etwas und steht wie eingewurzelt.

Die den Kirchhof umschliessende Mauer bildet etwa in der Hälfte ihrer Höhe ein breites fortlaufendes Gesimse, worauf sich ein Kreuz von alter Steinhauerarbeit freistehend erhebt; an dessen fuss auf dem Gesimse sitzt, noch immer in beträchtlicher Höhe über dem Boden, das liebliche geschöpf mit dem Strickzeug und im Hauskleide, so dass dem Freunde das Profil des Gesichts vollkommen gegönnt ist; an einem Arm des Kreuzes über dem kopf der Sitzenden hängt ein frischer Kranz von Immergrün, sie selber bückt sich soeben aufmerksam, die Nadel leise an die Lippen haltend, gegen eine Staude vorwärts, worauf ein Papillon die glänzenden Flügel wählig auf- und zuzieht; jetzt, indem er auffliegt, gleitet ihr blick flüchtig am Fenster Teobalds hin, dass diesem vor entzücktem Schrecken beinahe ein Ausruf entfahren wäre; aber das Köpfchen hing schon wieder ruhig über dem geschäftigen Spiele der Finger. Schichtweise kam einigemal der süsseste Blumengeruch gegen den Lauscher herübergeweht, um den geistigen Nerv seiner Erinnerung nur immer reizender, betäubender zu spannen, denn diese eigentümliche Würze, meint er, habe das Veilchen von jeher an keinem Orte der Welt ausgehaucht, als hier, wo sich sein Duft mit den frühen Gefühlen einer reinen Liebe vermischte.

Er dachte jetzt ernstlich darauf, wie er am schicklichsten aus seinem Versteck hervortreten, und sich dem ahnungslosen Mädchen zeigen wolle; aber, durfte er bisher in schönem Vorgenuss die Gestalt und alle das Regen und Bewegen der Geliebten unbemerkt beobachten, so wollte ein artiger Zufall ihn auch den langentbehrten Ton ihrer stimme noch hören lassen. Der Storch, der seit uralter Zeit sein Nest auf dem Kirchdache gehabt, spazierte mit sehr vieler Gravität erst unten im Gras, dann auf der Mauerzinne umher, als gälte es eine Morgenvisite bei Agnes. "Hast schon gefrühstückt, Alter? komm, geh her!" rief sie und schnalzte mit dem Finger; der langbeinige Bursche aber nahm wenig Notiz von dem herzlichen Grusse und marschierte gelassen hinten vorüber. Jetzt streckte plötzlich der alte Förster den Kopf schalkhaft durchs Pförtchen: "Muss doch auch ein bisschen nach dem verliebten Paare schauen, das seine Freude so ganz aparte haben willNun, mein Herzchen? dein Besuch? was läuft er denn wieder weg?" Agnes, diese Worte auf den Storch ziehend, deutet mit lachen seitwärts nach dem fortstolzierenden Vogel: allein bevor der Förster sich näher mit ihr erklärt und ehe das Mädchen die Mauerstufen ganz herunter ist, erscheint Nolten unter der Kirchtür: Agnes, ihn erblickend, fällt mit einem leichten Schrei dem zunächststehenden Vater um den Hals, wo sie ihr glühendes Gesicht verbirgt, während unser Freund, der sich diese erschüttert abgewandte Bewegung blitzschnell durch sein böses Gewissen erklären lässt mit einiger Verlegenheit sich heranschmiegt, bis ein verstohlener, halbaufgerichteter blick des Mädchens über des Alten Schulter hinweg ihm sagte, dass Freude, nicht Abscheu oder Schmerz es sei, was hier am Vaterherzen schluchze. Aber als das herrliche Kind sich nun plötzlich gegen ihn herumwandte, ihm mit aller Gewalt leidenschaftlicher Liebe sich um den Leib warf und nur die Worte vorbrachte: "Mein! Mein!" da hätte auch er laut ausbrechen mögen, wenn die Übermacht solcher Augenblicke nicht die Lust selbst der glücklichsten Tränen erstarren machte. Indem man nach dem haus zurückging, bedauerte man sehr, dass Teobald den guten Baron vor einigen Tagen nicht würde begrüssen können, da er seit einer Woche verreist sei.

"Ich bin noch ganz freudewirr und dumm", sagte Agnes, wie sie in die stube traten, "lass mich erst zu mir selber kommen!" Und so standen sie einander in glücklicher Verwunderung gegenüber, sahen sich an, lächelten, und zogen aufs neue sich lebhaft in die arme.

"Und was es schön geworden ist, mein Kind, Papa!" rief Teobald, als er sie recht eigens um ihre Gestalt betrachtete; "was es zugenommen hat! Vergib, und lass mich immer nur staunen!"

Wirklich war ihre ganze Figur entschiedener, mächtiger, ja wie Teobald meinte, selbst grösser geworden. Aber auch alle die Reize, die der Bräutigam ihr von jeher so hoch angerechnet hatte, erkannte er wieder. Jenes tiefe Dunkelblau der Augen, jene eigene Form der Augbraunen, die von allen übrigen sich dadurch unterschieden, dass sie gegen die Schläfe hin in einem kleinen Winkel absprangen, der in der Tat etwas Bezauberndes hatte. Dann stellten sich noch immer, besonders beim lachen, die vollkommensten Zahnreihen dar, wodurch das Gesicht ungemein viel kräftige Anmut gewann.

"Indessen das Wundersamste, und worauf ich mir selber etwas einbilden möchte, das will der Herr, scheint's, absichtlich gar