lag neben ihm im Grase blitzend das kostbare Kollier der Gräfin (denn dies war der Inhalt jenes zierlichen Futterals), der Brief des Schauspielers ruhte auf seiner Brust. Zärtlich drückte er alle diese Gegenstände an seinen Mund, als hätten sie sämtlich gleiches Recht an ihn.
Ein leichter Regen begann zu fallen und Teobald erhob sich. Wir lassen ihn seine Strasse ungestört fortziehn und sehen ihn nicht eher wieder, bis er mit dem vierten Sonnenuntergang im letzten dorf angelangt ist, wo man ihn versichert, dass er von hier nur noch drei kleine Stündchen nach Neuburg habe. Auf dieser letzten Station wollte er übernachten, sich zu stärken, sich zu sammeln. Er tat dies nach seiner Art mit der Feder in der Hand und legte sich sodann beruhigt nieder. Der Morgen graute kaum und der Mond schien noch kräftig wie um Mitternacht, als Teobald den Ort verliess. So wie der Tag nun unaufhaltsam vordrang, zog sich die Brust des Freundes enger und enger zusammen; aber der erste Blitz der Sonne zuckt jetzt im roten Osten auf und entschlossen wirft er allen Kleinmut von sich. Mit einer unvermuteten Wendung des weges öffnet sich ein stilles Tal, das gar kein Ende nehmen will, aus ihm entwickelt sich ein zweites und drittes, so dass der Maler zweifelt, ob er das rechte wähle; doch ritt er zu, und die Berge traten endlich ein wenig auseinander. "Herz, halte fest!" ruft er laut aus, da er auf einmal den Rauch von Häusern zu entdecken glaubt. Er irrte nicht, schon konnte man des Försters heitere einstockige wohnung mit ihren grünen Läden, einzeln an die Seite des Bergs hinaufgerückt, unweit der Kirche, liegen sehen. "Herz, halte fest!" klingt es zum zweitenmal in seinem inneren nach, da ihn die Gassen endlich aufnahmen. Er gab sein Pferd im Gastof ab, er eilte zum Forstaus.
"Herein!" rief eine männliche stimme aufs klopfen an der Tür. Der Alte sass, die Füsse in Kissen gewikkelt, im Lehnstuhl und konnte vor Freudeschrecken nicht aufstehn, selbst wenn das Podagra es erlaubt hätte. Wir sagen nichts vom hellen Tränenjubel dieses ersten Empfangs und fragen mit Nolten sogleich nach der Tochter.
"Sie wird wohl", ist die Antwort, "ein Stückchen Tuch drüben auf den Kirchhof zur Bleiche getragen haben; die Sonne ist gar herrlich aussen; gehen Sie ihr nach und machen ihr gleich die köstliche Überraschung! Ich kann nicht erwarten, euch beieinander zu sehen! Ach mein Sohn! mein lieber trefflicher Herr Sohn! sind Sie denn auch noch ganz der alte? Wie so gar stattlich und vornehm Sie mir aussehen! Agnes wird Augen machen! gehen Sie, gehen Sie! Das Kind hat keine Ahnung. Diesen Morgen beim Frühstück sprachen wir zusammen davon, dass heute wohl ein Brief kommen würde, und nun!" – Teobald umarmte den guten Mann wiederholt und so entliess ihn der Alte. Im Vorbeigehn fiel sein blick zufällig in die kammer der Geliebten, er sah ein schlichtes Kleid von ihr, das er sogleich wiedererkannte, übern Sessel hängen; der Anblick durchzückte ihn mit stechender Wehmut, und schaudernd musste sein Geist über die ganze Kluft der zeiten hinwegsetzen.
Der Weg zum Kirchhof hinter dem Pfarrhaus zwischen den Haselhecken hin, wie bekannt und fremd war ihm alles! Das kleine Pförtchen in der Mauer stand offen; er trat in den stille grünenden Raum, der mit seinen ländlichen Gräbern und Kreuzen die bescheidene Kirche umgab. Begierig und schüchtern sucht er die Gestalt Agnesens; hinter jedem Baum und Busch glaubt er sie zu erspähen; umsonst; seine Ungeduld wächst mit jedem Atemzug; ermüdet setzt er sich auf eine hölzerne Bank unter den breiten Nussbaum und überschaut den friedsamen Platz. Die Turmuhr lässt ihren festen Perpendikeltakt vernehmen, einsame Bienen summen um die jungen Kräuter, die Turteltaube gurret hie und da, und, wie es immer keinen unerfreulichen Eindruck macht, wenn sich unmittelbar an die traurigen Bilder des Todes und der Zerstörung die heitere Vorstellung eines tätig regsamen Lebens anknüpft, so war es auch hier wohltuend für den Beschauer, mitten auf dem feld der Verwesung einzelne Spuren des alltäglichen lebendigen Daseins anzutreffen. Dort hatte der benachbarte Tischler ein paar frisch aufgefärbte Bretter an einen verwitterten Grabstein zum Trocknen angelehnt, weiter oben blähten sich ein paar Streifen Leinwand in der lustigen Frühlingsluft auf dem Grasboden, und von ganz eigener Rührung musste Teobald ergriffen werden, wenn er dachte, welche hände dieses Garn gesponnen und sorglich es hieher getragen, wie manche Stunde des langen Tages und der langen Nacht das treuste der Mädchen unter wechselnden Gedanken an den Entfernten, in hoffnungsreichem Fleisse, mit dieser Arbeit hingebracht, während er, in übereiltem Wahne, mit sündiger Glut eine fremde Neigung pflegte.
Jetzt hatte er kein Bleibens mehr an diesem Ort, und doch konnte er den Mut auch nicht finden, Agnesen geradezu aufzusuchen; er trat unschlüssig in den Eingang der Kirche, wo ihn eine angenehme Kühle und, trotz der armseligen Ausstattung, ein feierlicher Geist empfing. Haftete doch an diesen braunen abgenützten Stühlen, an diesen Pfeilern und Bildern eine unendliche Reihe frommer Jugendeindrücke, hatte doch diese kleine Orgel mit ihren einfachen Tönen einst den ganzen Umfang seines Gemüts erfüllt und es ahnungsvoll zum Höchsten aufgehoben, war doch dort, der Kanzel gegenüber, noch derselbe Stuhl, wo Agnes als ein Kind gesessen, ja den schmalen Goldstreifen Sonne, der soeben die Rücklehne beschien, erinnerte er sich wohl an manchen Sonntagmorgen gerade so gesehen zu