den Alten von jeher im Verdacht gehabt, als ob er mit einiger Schalkheit gerne den Geheimnisvollen spiele, achtete wenig auf diese dunkeln Winke, obgleich dem guten mann die Rührung sichtlich aus den Augen sprach.
Sein letzter Ausgang am Schluss der vielgeschäftigen Woche war zu der Gouvernantin. Unglücklicherweise war eben Gesellschaft dort und die liebenswürdige Frau konnte ihm nur wenige Augenblicke allein auf ihrem Zimmer schenken. Sie zog einen versiegelten Brief hervor und sagte: "Ihre neulichen Mitteilungen haben der Gräfin ein unerwartetes Licht gegeben, von dessen erster erschütternder wirkung ich jetzt nichts sage. Ich danke Gott, dass dieser Kampf vorüber ist. Empfangen Sie hier das letzte Wort von unsrer Freundin. Seitdem sie den Entschluss gefasst, sich Ihnen zu offenbaren, ist endlich ein Schimmer von Frieden bei ihr eingetreten, den zu befestigen ich mir nach Kräften angelegen sein lasse. Nur was dies Blatt betrifft, so darf ich nicht verschweigen, dass es im ersten Schmerz geschrieben wurde, wo es schien, als ob sie nur im ungemessensten Ausdrucke ihrer Schuld einige Erhebung und ein willkommenes Mittel gegen völlige Verzweiflung habe finden können. Schliessen Sie also aus diesem Briefe nicht auf ihren Zustand überhaupt, den sicherlich die Zeit auch heilen wird. Vielleicht erkennen Sie in diesen Linien, deren Inhalt ich wohl ahnen kann, noch jetzt das schöne Herz, das sein Vergehn mehr als genug empfindet. Gewiss, ich darf das sagen, ohne eben entschuldigen zu wollen – ach leider, dass ich es nicht kann! Aber wie gerne wollen wir der Armen alles vergessen, wenn sie nur erst ihre Ruhe wiedergewonnen hätte! O wüssten Sie, Nolten, welche traurige Besorgnisse mir die Richtung einflösste, der sich ihr Geist starrsinnig hinzugeben drohte. Und noch bin ich nicht aller sorge los. Zu oft noch sehe ich ihren blick nach jener trüben Seite hingekehrt, von wo sie sich ein frühes Grab verkündigt glaubte. Denn selbst durch Ihre freundschaftlichen Aufschlüsse, sosehr sie uns zustatten kamen, konnte diese Vorstellung nicht ganz zerstört werden. Freilich sieht sie nun alles bis auf einen gewissen Grad natürlich an, weil aber doch etwas Ausserordentliches an dem Zusammentreffen der begebenheiten nicht zu leugnen und jener frühere Eindruck auch nicht so schnell auszutilgen ist, so kann sie den Gedanken an eine solche Vorbedeutung nicht von sich wegbringen. Aber lassen Sie mich abbrechen, eh ich weich werde, und ins Klagen falle. Wie sehr bedaure ich, dass Sie eben jetzt so eilig von uns müssen – und doch, es wird auch wieder gut für beide Teile sein. Und nun" (sie ging an einen Schrank und holte ein schönes Futteral hervor, das sie ihm in die Hand drückte), "zwei Freundinnen bitten, dies zu dem Hochzeitsschmuck der lieben Braut zu legen und ihr zu sagen, wie sehr sie in der Ferne gekannt, wie schwesterlich geliebt sie sei. Leben Sie wohl, und denken gerne mein."
Ehe Teobald noch recht zu danken wusste, hatte sie sich bereits, ihre steigende Bewegung zu verbergen, leise zurückgezogen. Eilig ging er nach seiner wohnung, aufs höchste erstaunt über die rätselhaften Dinge, die er soeben gehört. War es denn nicht, als sollte ihm ein Verbrechen Constanzens entdeckt werden? Sprach nicht die Gouvernantin so, als wüsste er bereits darum? – Auf seinem Zimmer angekommen, verschloss er hinter sich die Tür und las wie folgt:
"Nicht einen letzten blick der Neigung, kein Auge des Mitleids sollen Sie diesem Blatte gönnen, das von dem jammervollsten, ach zugleich von dem unwürdigsten weib kommt; denn (davon hatten Sie bis diesen Augenblick noch keine Ahnung) so wie mein Unglück, ist auch meine Schuld ohne Grenzen. Nie kann ich hoffen, Sie mir zu versöhnen, ja wäre das möglich, ich kann keine Vergebung, auf ewig keine, von mir erhalten. Aber die Strafe, die ich schrecklich genug im eigenen Bewusstsein trage, bin ich im Begriff aufs höchste zu schärfen, indem ich meinen Frevel vor Ihnen entülle, indem ich freiwillig Ihre ganze Verachtung, Ihren gerechtesten Hass auf mich ziehe. Was hält mich ab vom entehrendsten Bekenntnis? Ist man noch eitel, ist man noch klug, sucht man ängstlich noch einigen Schein für sich zu bewahren, wenn man einmal sich selbst zu verachten einen verzweifelten Anfang gemacht hat? Gleichgültig verzicht ich auf die kleinen Künste, womit wir Armen sonst in solchen Fällen der Bedrängnis uns vor uns selbst und vor Ihrem Geschlechte beschönigen. hinweg damit! Dem besten, dem edelsten mann zeige sich, ganz wie es ist, das elende geschöpf, das ihn so unerhört betrogen. – Erfahren Sie's also, Constanze war's, durch deren Tücke Ihnen Ihr harmloser Anteil an jener letzten Abendunterhaltung in unserem haus so schwer zu stehen kam, und – so wollte es die Wut eines Weibes, dessen entschiedene Liebe sich beispiellos hintergangen wähnte – ich hätte vielleicht, o ich hätte gewiss, wär es in meiner Macht gestanden, die Grausamkeit aufs äusserste getrieben. Der Himmel fand noch zeitig ein wunderbares Mittel, mich einzuschrekken, mich zu züchtigen. Nun auf einmal zum törichten kind verwandelt, von Göttern und Geistern verfolgt, eilt ich in meiner Herzensnot, Sie zu befreien. Es gelang, und durch dieselbe Hand zwar, an die ich Sie zuerst verraten. O Schande, Schande mein kurz gemessnes Leben reicht nicht hin, sie zu beweinen, wie sie es verdient, und – nein ich schweige; dass Sie nicht etwa denken, ich gehe darauf aus