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die Gouvernantin fort, "es handelt sich bloss um einen wunderlichen Zufall, um eine Kleinigkeit, worüber mancher lächeln würde; gleichwohl ist jetzt sehr viel daran gelegen, undwerden mich völlig darüber aufklären können. – Sie haben ein Gemälde, worauf eine Frau abgebildet sein soll, welche die Orgel spielt?"

"Ganz recht."

"Sagen Sie doch, welche Bewandtnis hat es mit dem Bilde?

kennen Sie eine solche person? Ist sie in der Wirklichkeit vorhanden?"

Nolten war durch die Frage natürlich frappiert. Er hatte, wie der Leser weiss, in der Skizze, die bei dem Gemälde zugrunde gelegen, jene Wahnsinnige kenntlich genug gezeichnet, ja er hatte noch auf Tillsens ausgeführtem Tableau dem merkwürdigen kopf durch wenig beigefügte Striche die äusserste Ähnlichkeit gegeben. Constanzen war das Bild immer sehr wichtig gewesen und Nolten erinnerte sich jetzt plötzlich des Traumes, den sie ihm damals mit so grosser Bewegung entdeckt. Er sagte nun der Gouvernantin: dass, wenn er vorhin in seiner Erzählung von einer Zigeunerin gesprochen, ebendiese das Original zum Bilde des weiblichen Gespenstes sei.

"sonderbar!" sagte die Gouvernantin, "sehr sonderbar! – Wissen Sie nicht, ob die person sich neuerdings in hiesiger Stadt gezeigt hat?"

"Vor etwa einem monat wollen meine Freunde sie hier gesehen haben."

"Nun, Gott sei Dank!" rief die Gouvernantin aus, "so ist es doch wie zu vermuten war; so darf mir doch nun die arme Trost und Vernunft nicht länger bestreiten!"

"Wer?" fragte Teobald, "wer sah denn –? doch nicht die Gräfin?"

"Nun ja!"

"Himmel, und wo?"

"In der Kirche."

Jetzt rief der Maler sich auf einmal einen Umstand ins Gedächtnis, den man sich vor mehreren Wochen in der Stadt erzählte und woraus er damals nicht eben sonderlich viel zu machen wusste. Constanze hatte nämlich, bei nicht völligem Wohlsein, sonntags die Frühkirche besucht und während des Gottesdienstes den sonderbaren Zufall gehabt, dass sie plötzlich mit einem für die Zunächstsitzenden sehr vernehmlichen laut des heftigsten Schreckens bewusstlos niedersank. Sie musste nach haus getragen werden, wo sie sich in kurzem zu erholen schien. Die wahre Ursache des Unfalls blieb durchaus Geheimnis. In der Kirche selbst wollten einige bemerkt haben, dass die Gräfin unmittelbar, bevor sie ohnmächtig geworden, den blick starr nach dem offenstehenden Haupteingang gerichtet, wo sich mehreres gemeine Gassenvolk unter die Türen gepflanzt hatte. Niemand aber gewahrte unter dieser bunten Gruppe den Gegenstand einer so ausserordentlichen Apprehension, niemand war versucht, denselben in der gleichwohl stark genug hervorragenden Gestalt einer Zigeunerin zu suchen.

Es war bei Teobald nun gar kein Zweifel mehr, dass jenes ungeheure Wesen, so wie einst bei Agnesen mit Absicht, so nun hier bei der Gräfin unwillkürlich ihn abermals verfolgte. Es fing dieser Eigensinn des Schicksals ihm nachgerade ängstlich zu werden an. Er hatte Mühe, seine Gedanken davon loszumachen, und auf die Gegenwart, auf Constanzen zurückzulenken. Ihr Zustand bekümmerte ihn sehr; denn aus allem, was die Gouvernantin von eigenen Äusserungen Constanzens wiederholte, ging hervor, dass das Entsetzen über die Erscheinung in der Kirche unmittelbar mit jenem Traume zusammenhing, und dass die Gräfin seit diesem Auftritte mit heimlichen Gedanken an einen frühen Tod umgehe. Der Maler versank in stilles Nachdenken, und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust. Wie vieles, dachte er, muss hier zusammengewirkt haben, um den hellen und festen Geist dieses Weibes zu betören! Wie sehr ist nicht zu glauben, dass dies Gemüt lange zuvor mit sich selbst uneins gewesen sein müsse, eh solche Träume es gefangennehmen konnten! Er entielt sich nicht, dergleichen gegen die Gouvernantin zu äussern, die ihm mit traurigem Kopfnicken beistimmte. Sie sah ihn an, und sagte: "Vergessen wir nicht, unsre Freundin ist krank, undkrank in mehr als einem Sinne."

Ein Besuch, welcher in dem Augenblick angesagt wurde, nötigte Teobalden zum Aufbruch. Er empfahl sich mit der Bitte, in diesen Tagen nochmals erscheinen zu dürfen. Die versprochenen Papiere sandte er noch denselben Abend nach, jedoch mit Auswahl, und namentlich ward jene Nachschrift zu Larkens' Brief mit schonendem Bedacht zurückbehalten. Obgleich er sich die Unterredung mit der Gouvernantin in gewissem Betracht nicht besser hätte wünschen können, denn eine vollständige Ausgleichung des widerwärtigsten Missverständnisses war damit auf das sicherste eingeleitet, so war er doch seitdem von einer unbegreiflichen Unruhe umgetrieben. Er konnte den Tag nicht erwarten, an dem er endlich die Stadt würde verlassen können. Unverzüglich fing er daher an, seine Anstalten zur Abreise zu treffen, besorgte die Angelegenheiten seines Freundes, und machte nur die notwendigsten Besuche ab, da ihm ein ungehöriges, obwohl aufrichtiges Mitleid, womit man überall den Scheidenden betrachten zu müssen glaubte, allzu verdriesslich fiel. An den Herzog richtete er ein allgemein verbindliches Billett, das er nicht ohne ein Lächeln zusammenfalten konnte, weil es ihm diesmal gelungen war, mit mehreren Worten so viel wie nichts zu sagen. Am herzlichsten entliess ihn Tillsen und der Hofrat, welch letzterer ihm in den wunderbarsten Ausdrücken eine nie genugsam ausgesprochene Neigung auf einmal verraten zu wollen schien, indem er zugleich auf ein besonderes Verhältnis anspielte, das längst zwischen ihnen beiden bestünde, und welches zu entdecken er sich bis auf diese Stunde nicht habe entschliessen können; auch jetzt überrasche ihn der Abschied des Malers dergestalt, dass er notwendig eine andere Zeit abwarten müsse. Teobald, welcher