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! Ich fühle wohl, und Sie selber verbergen sich's nicht, wie fremde in ganz kurzer Zeit Ihnen ein Mann geworden sei, der Ihnen früher nicht ganz unwert gewesen. Sonst war es uns willkommener Genuss, Erfahrung und Empfindung in heiteren Gesprächen auszuwechseln, Entferntes und Nächstgelegenes lebendig durcheinanderzumischen; stets schenkten Sie mir nachsichtsvolles Gehör, wenn, wie es wohl dem jüngeren mann, der eben erst in eine völlig neue Welt eintrat und vielfach Ursache findet, unzufrieden mit sich selbst zu sein, natürlich zu geschehen pflegt, sich auch bei mir ein inniges Bedürfnis regte, mich einer gemütvollen, geistreichen Frau bescheiden mitzuteilen, Ihnen meine Verehrung für jenes edle Haus im ersten glücklichen Erstaunen auszudrücken. Nun heute wieder, wie gerne möchte ich den Zustand meines inneren offen und gläubig vor Ihnen entüllen, doch Ihr Verstummen verschüchtert mir das Wort auf meinen Lippen! wie gerne würden Sie meiner Unruhe hülfreich entgegenkommen, doch wird es schwer, den Faden des Vertrauens so schnell wiederaufzunehmen. Wohlan, meine teure, meine hochverehrte Freundin, lassen Sie mich wenigstens einige Augenblicke der schönen Täuschung leben, als sässen wir noch so wie ehmals gegeneinander über! Erlauben Sie, dass ich erzähle, was in der Zwischenzeit sich mit mir begeben, in mir verändert hat. Lassen Sie mich keine Absicht nennen, wozu dies Bekenntnis dienen soll. Es soll nur sein, als spräche ich zu einer Dame, von der ich weiss, sie nehme an meinem Schicksale allgemeinen heitern Anteil, und aus deren mund eine günstige Divination meines künftigen Geschickes zu vernehmen mich hoch beglücken würde."

Mit sanftem Lächeln forderte sie den Maler zu reden auf indem sie sagte: "Sie sollen eine emsige Zuhörerin haben, und was ihr an Prophetengabe mangelt, werden die redlichsten Wünsche für Ihr Wohl ergänzen." Somit war Teobald im Begriff, seine Sache mit Agnesen, und wie sie sich durch Larkens' Tätigkeit neuerdings umgestaltet, weitläufig darzulegen, und ebendamit auf indirekte Weise sich gegen Constanze zu rechtfertigen. Aber in dem Augenblick, da er beginnen will, überrascht ihn die ganze Schwierigkeit seiner Aufgabe und es tat wahrlich not, dass ihm der gute Geist noch schnell genug ein bequemes Mittel, sich aus dieser Verlegenheit zu retten, eingab, worauf er sagte: "So vermessen es sein würde, in Rätseln zu Ihnen reden zu wollen, so wenig kann es schaden, wenn ich zuvörderst, um die Kluft, welche sich zwischen uns gelegt hat, erst nach und nach und nur von weitem auszufüllen, dasjenige, was nun zu sagen ist, mit veränderten Namen in eine allgemeine Darstellung einkleide; so werde ich unbefangner reden, ohne deshalb unverständlicher oder der Wahrheit ungetreu zu sein." Sofort wurde denn das Verlobtenverhältnis eines Antonio zu Clementinen, von seiner ersten Entstehung bis zu dem drohenden Zerfall, es wurde das ungeheure Irrsal, wozu Elisabet Veranlassung gegeben, in allen seinen Wendungen entwickelt. Einer Cornelia ward gedacht, Antonios leidenschaft für diese nicht verhehlt, jedoch nur als einseitig zugegeben. Ein Mime Hippolyt löst heimlich den fatalen Knoten, doch dass er dies und wie er es auch bei Cornelien tat, davon schweigt Nolten mit Bedacht, als wenn er selbst nicht darum wüsste. Er hatte sich Zeit zu seiner Erzählung genommen, um so mehr, als er das gespannteste Interesse bei seiner Nebensitzerin wahrnahm; auch wurde er, wie wohl zu merken war, vollkommen gut verstanden. Die ganze geschichte, an sich abenteuerlich und unglaublich, gewann durch einen gewandten und lebhaften Vortrag die höchste Wahrheit. Endlich war er fertig, und nach einigem Stillschweigen versetzte die Gouvernantin (während sie ihn mit einem blick ansah, worin er ihren Dank für die zarte Schonung lesen sollte, die er gegen ihre Freundin und gewissermassen gegen sie selbst mit seiner Fabel beobachtet hatte): "Meint man doch wahrlich ein Märchen zu hören, so bunt ist alles hier gewoben!"

"Es stehen Beweise für die Wahrheit zu Dienste", erwiderte Teobald; "ja ich erbitte mir ausdrücklich die Erlaubnis, Ihnen dieser Tage einige Papiere vorlegen zu dürfen, welche Sie jedenfalls mit Interesse durchlaufen werden."

"Vielleicht", antwortete die Gouvernantin, "kann ich anderwärts Gebrauch davon machen, der Ihnen wünschenswert sein dürfte."

"Was Sie tun werden, Gnädigste, habe meinen innigsten Dank voraus!" versetzte Nolten mit einiger Hast, indem er ihr die Hand mit Ehrfurcht küsste. Sie war indessen nachdenklich geworden. Unvermerkt lenkte sie das Gespräch auf die Gräfin und es traten ihr Tränen in die Augen. "Leider muss ich Ihnen sagen, lieber Nolten", fuhr sie fort, "es ist bei Zarlins seit einiger Zeit gar viel anders geworden; auch unsre Kränzchen haben aufgehört. Constanze ist nicht mehr die sie war, ein seltsamer Gram wirft sie nieder. Lange wusste niemand die Ursache, selbst ich nicht, und mit Unrecht schrieb man alles körperlichem Leiden zu, denn freilich leidet ihre Gesundheit mehr als je. Aber Gott weiss, wie alles zusammenhängt. Vorgestern nachts, als ich allein vor ihrem Bette sass, sprach sie halb in der Hitze des Fiebers, halb mit Bewusstsein dasjenige aus, wovon ich glauben muss, dass es wo nicht der einzige, doch immer ein Grund ihres angstvollen Zustandes sei."

Nolten, den diese Worte eine rasche und voreilige Ahnung erweckten, tat sehr wohl, noch an sich zu halten, denn sogleich kam es ganz anders, als er erwartet haben mochte.

"Ich bin überzeugt", fuhr