auf Nadeln, schämte mich in sein Herz hinein, trat ihm fast die Zehen weg und wollt ihm helfen; nichts da! ein Waldteufel um den andern! und merkte das Lächeln nicht einmal, das hie und da auf die Gesichter schlich. nachher verwies ich ihm die Unschicklichkeit, und was ist seine Antwort? Er lacht; 'nun, alter Papa', rief er, 'es muss mir doch erlaubt sein, mitunter so zu sprechen, wie die Niederländer malen durften!'" Der Hofrat lachte selber aufs herzlichste, und man sah ihm an, wie lieb er den hatte, den er soeben schalt. "Ein stupender Eigensinn! Mich dauert nur die Braut."
"Wer ist sie denn eigentlich?" fragte Nolten.
"Des Schlosswärters F. Tochter."
"Was? hör ich recht?" rief Nolten voll Verwunderung aus. "O gute Henriette! Wie manchmal hat dein wehmütiger Gesang unter meinen Gittern mich getröstet!"
"Ja ja", versetzte der Hofrat, "das war noch zur Zeit der liebekranken Nachtigall!"
Der Maler fiel auf einige Augenblicke in süsse Gedanken. Die glückliche Vereinigung dieser Liebenden war ihm von guter Vorbedeutung für sich; denn hatte nicht jene Verlassene in seiner kranken Einbildung einigemal die stimme Agnesens geborgt? und war er nicht auf dem Wege, der letzteren auch den Bräutigam zurückzugeben?
Nun aber fand er erst Zeit, den Hofrat in der Angelegenheit zu befragen, um derentwillen er eigentlich gekommen war. Der alte Herr bedachte sich und zuckte die Achseln. "Ich weiss nicht, an Ihrer Stelle ging' ich geradezu selbst hin – die Gräfin zwar soll unpass sein, den Grafen können Sie immer sprechen. Mein Gott, was sollten denn diese Leute eigentlich gegen Sie haben?" Soviel indessen Teobald aus dem weitern Gespräch entnehmen konnte, war es geratener, sich nicht persönlich auszusetzen. Der beste Ausweg fiel ihm aber ein. Eine Frau von Nietelm, die intimste Freundin Constanzens, eine feine hochbegabte Dame, deren Zeit und Talent vorzüglich der Bildung zweier Prinzessen gewidmet war, hatte sich ihm von jeher gewogen gezeigt; ihrer hoffte er sich nun als Mittelsperson zu bedienen, und der glückliche Gedanke erfüllte ihn augenblicklich dergestalt, dass er den Hofrat eilends verlassen wollte, als eben Raymund hereintrat. Der feurige Mann umarmte ihn alsbald mit Entusiasmus, und suchte ihm seine achtung auf jede Art zu bezeugen Um nicht unfreundlich zu erscheinen, verweilte Nolten noch eine Viertelstunde, worauf er sich bestens empfahl.
Gegen Abend trat er den gang zur Gouvernantin an, nachdem er auf sein Anmelden eine höfliche Einladung erhalten hatte. Unterwegs erst fiel ihm auf, wie wenig er auf das, was zu sagen und wie es zu sagen war, vorbereitet sei; er nahm sich schnell zusammen; eh er sich's versah, stand er im Zimmer der Gouvernantin.
Die zarte Dame empfing ihn im ganzen freundlich genug, und wenn dennoch etwas von Zurückhaltung fühlbar war, So schien es, als ob sie nur ungerne und mit Rücksicht auf Constanzen sich einigen Zwang auflegte.
"Ich bin", begann Nolten, als er der liebenswürdigen Frau gegenüber Platz genommen hatte, "ich bin veranlasst, in kurzem dieser Stadt und Gegend Lebewohl zu sagen; Pflicht und Neigung führen mich auswärts; aber wie sehr muss ich wünschen, mit vollkommen beruhigtem Sinne scheiden zu können! Es ist so schön und tröstlich, sich im Andenken seiner Freunde gesichert wissen! Die Liebe, die Neigung, die wir an einem Orte zurücklassen, gibt uns eine stille Gewähr, dass uns auch anderswo ein guter Stern erwarte. Möchte denn auch ich diesen Trost mit mir nehmen dürfen! möchten Sie, meine Gnädige, mich in dieser frohen Zuversicht bestärken können! – Indem sich mir in diesen Tagen eine Reihe ausgezeichneter Personen, deren Bekanntschaft ich mich im Laufe dreier Jahre vielfach zu erfreuen hatte, doppelt lebendig vor dem geist aufstellt, und indem ich mich anschicke, den einzelnen noch ein herzliches Wort zu sagen, muss ich vor allen jenes verehrten Hauses gedenken, dessen Gastfreundschaft mir unvergesslich bleibt, das mit den Edelsten dieser Stadt, und, wie freudig spreche ich es aus! auch mit Ihnen, gnädige Frau, mich in freundliche Verbindung setzte. Leider hat das schöne Verhältnis zuletzt eine Störung erlitten, die mir das ganze Glück einer dankbaren Erinnerung für alle Zukunft trüben muss, und um so schmerzlicher, da man mir aus den Gründen meines Missgeschicks, insofern ich dieses selbst verschuldet haben soll, ein Geheimnis macht. Sollte nun auch Ihnen, Verehrteste, nicht erlaubt sein, meine Zweifel zu lösen, so gestatten Sie doch, dass ich die Versicherung bei Ihnen niederlege, ich sei mir, Ihrer teuren Freundin, sowie dem Herrn Grafen gegenüber, eines solchen Vergehens nicht bewusst; vergönnen Sie, dass ich den Freunden, die mich nicht mehr zu sehen wünschen, die Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen durch Ihren Mund beteure."
Die Gouvernantin, die in den Mienen des Malers, solange er sprach, mit Aufmerksamkeit zu lesen gesucht hatte, schien keineswegs ungerührt; zwar erwiderte sie nur das Allgemeinste, doch sah man ihr an, sie hätte herzlich gerne mehr gesagt. Nolten gewann nun Mut, folgendergestalt fortzufahren: "Wie wäre Ihnen zu verargen, gnädige Frau, wenn sich Ihnen, so wie wir uns jetzt einander gegenüber befinden, und nach dem, was indessen alles zur Sprache gekommen sein mag, ein unüberwindliches Misstrauen gegen mich im Herzen aufwerfen sollte