bei ihm ein, die wenigstens keine Plage war. Seine aufgeregte Einbildungskraft führte ihm mit unbegreiflicher Schnelligkeit eine ganze Schar malerischer Situationen zu, die er sich in fragmentarisch – dramatischer Form, von dichterischen Worten lebhaft begleitet, vorstellen und in grossen Konturen hastig ausmalen musste. Das Wunderlichste dabei war, dass diese Bilder nicht die mindeste Beziehung auf seine eigene Lage hatten, es waren vielmehr, wenn man so will, reine Vorarbeiten für den Maler, als solchen. Er glaubte niemals geistreichere Konzeptionen gehabt zu haben, und noch in der Folge erinnerte er sich mit Vergnügen an diese sonderbar inspirierte Stunde. Wir selbst preisen es mit Recht als einen himmlischen Vorzug, welchen die Muse vor allen andern Menschen dem Künstler dadurch gewährt dass sie ihn bei ungeheuren Übergängen des Geschickes mit einem holden energischen Wahnsinn umwickelt und ihm die Wirklichkeit so lange mit einer Zaubertapete bedeckt, bis der erste gefährliche Augenblick vorüber ist.
Auf diese Weise hat sich unser Freund beträchtlich von der Stadt entfernt, und ehe er ihr von einer andern Seite wieder näher kommt, sieht er unfern in einer anmutigen Kluft die sogenannte Heermühle liegen, einen ihm wohlbekannten, durch manchen Spaziergang wert gewordenen Ort. Er war ein stets gerne gesehener Gast bei dem Müller, welcher zu derjenigen Gattung von Pietisten gehörte, mit denen jedermann gut auskommt. In gewisser Art konnte der Mann für unterrichtet gelten, nur hatte er Ursache, manche Eigenheiten zu verbergen deren er sich mitunter schämte; so hatte er, da er anfänglich zur Schreiberei bestimmt, in alten Sprachen nicht ganz unwissend war, sich noch bei vorgerücktem Alter in den Kopf gesetzt die heiligen Schriften alten und neuen Testaments im Urtexte zu lesen, wobei es hauptsächlich auf chiliastische Zwecke mochte abgesehen sein. Nach einem sehr mühsamen und wenig geordneten Studium von mehreren Jahren sah er sich ungern überzeugt, dass alles eitel Stückwerk bei ihm sei und das ganze schöne Unternehmen auf nichts hinauslaufe. Aus Verdruss über die verlorene Zeit warf er sich in kecke ökonomische Spekulationen, dabei er denn zwar keinen Schaden, doch auch nicht ganz seine Rechnung fand. Seine Frau, eine kluge und stille Haushälterin, wusste ihn mit guter Art zu lenken und zu leiten, niemals rückte sie ihm seinen Irrtum ausdrücklich vor, auch wenn sie ihn denselben fühlen liess, und da ihm nichts Unangenehmeres begegnen konnte, als wenn er irgendwie an die Nichtigkeit jenes wissenschaftlichen Treibens erinnert ward, ja da er, um nur kein Unrecht einzugestehen, sich auch wohl die Miene gab, als würden ihm jene Forschungen seinerzeit noch die reichlichsten Zinsen abwerfen, so schonte das Weib diese Schwachheit gerne und war heimlich zufrieden, wenn sie ihm eine neue falsche idee vergessen machen konnte. übrigens kannte man ihn als einen muntern, redseligen Gesellschafter, als den besten Gatten und Vater seiner grösstenteils schon wohlversorgten Familie.
Nolten sehnte sich nach der harmlosen Gegenwart eines menschlichen Wesens ebensosehr, als er sich ungeschickt fühlte, an irgend einer Gesellschaft teilzunehmen; er überlegte deshalb soeben, ob er den Pfad nach der Mühle hinunter einschlagen oder nach der Stadt zurückkehren werde, als ihm ein Müllerknecht begegnet, der ihm sagt, Herr und Frau wären über Feld und kämen vor Abend nicht nach haus. Wie erwünscht war dem Maler die Nachricht! eigentlich wollte er ja nur sein trauliches Plätzchen in des Müllers Wohnstube aufsuchen: es schien ihm dies der einzige Ort der Welt, der seiner gegenwärtigen Verfassung tauge. Und er hatte recht; denn wer machte nicht schon die Erfahrung, dass man einen verwickelten Gemütszustand, gewisse Schmerzen, Überraschungen und Verlegenheiten weit leichter in irgendeiner fremden ungestörten Umgebung, als innerhalb der eignen Wände bei sich verarbeite? Nolten gab sein Pferd in den Stall, wo man ihn schon kannte, und trat in die reinliche braungetäfelte stube, wo er niemanden traf, nur in der kammer neben sass auf dem Schemel ein zehnjähriges Mädchen, das ein kleineres Brüderchen im Schosse hatte. Eine ältere Tochter Justine, eine Prachtdirne, schlank und rotwangig mit kohlschwarzen Augen, trat herein unter dem gewöhnlichen treuherzigen Gruss, bedauerte, dass die Eltern abwesend seien, lief gleich nach den Kellerschlüsseln und freute sich, als Nolten ihr erlaubte, weil man im haus schon gegessen hatte, ihm wenigstens ein Stückchen Kuchen bringen zu dürfen. Er nahm sogleich seine alte Bank und das Fenster ein, von wo man unmittelbar auf die Wassersperre hinunter und weiter hinaus auf das erquickendste Wiesengrün und runde Hügel sah. Um wieviel lieblicher, eigener kam ihm an dieser beschränkten Stelle Frühling und Sonnenschein vor, als da ihn dieser noch im Freien und Weiten umgab! Lange blickte er so auf den Spiegel des Wassers, er fühlte sich sonderbar beklommen, bange vor der Zukunft, und zugleich sicher in dieser eingeschlossnen Gegenwart. Auf einmal zog er die Papiere aus der tasche, das nächste, was ihm in die hände kam, wollte er ohne Wahl zuerst öffnen: es waren Briefe seiner Braut, vermeintlich an Teobald geschrieben. Er sieht hinein und augenblicklich hat ihn eine Stelle gefesselt, bei der sein Inneres von einer ihm längst fremd gewordnen Empfindung anzuschwellen beginnt; er will zu lesen fortfahren, als er Justinen mit Gläsern kommen hört; ganz unnötigerweise verbirgt er schnell den Schatz, aber ihm ist wie einem Diebe zumut, der eine Beute vom höchsten, ihm selber noch nicht ganz bekannten Wert, bei jedem Geräusche erschrocken zu verstecken eilt. Das Mädchen kam und fing lebhaft und heiter zu schwatzen an, in dessen Erwiderung Nolten sein möglichstes tat. Sie mochte merken, dass sie überflüssig sei, genug,