, doch dessen Schicksal wir nicht beklagen dürfen."
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Auf einem besonderen Zettel befand sich noch folgende
Nachschrift
"Schon war mein Brief geschlossen, als es mir nachgerade gewaltigen Skrupel machte, Dir einen Umstand verschwiegen zu haben, der Dich vielleicht verdriessen mag, mir aber ad inclinandam rem nicht wenig dienen konnte. Ein Winkelzug gegen die Gräfin. So höre denn, und fluche mir die ganze Hölle auf den Hals und heiss mich einen Schurken, wenn Du das Herz hast – ich weiss doch, was ich zu tun hatte. Constanze wurde durch mich, oder vielmehr durch einen angelegten Zufall(hinter welchem sie weder mich noch sonst jemand vermuten kann) avertiert, dass ein gewisser Freund bereits irgendwo auf der Liste der glücklichen Bräutigame stehe. – Ich hoffe nicht, Dich durch den Coup zu stark kompromittiert zu haben, und ein weniges war schon zu wagen. Wenn ihr die Neuigkeit nicht schmeckte, so ist das in der Regel; nicht, weil sie in Dich verliebt, sondern weil sie ein Weib ist. Wir haben die Ungnade, worein sie uns gleich auf jenes Possenspiel hat fallen lassen, einer elenden Konvenienz gegen die Hofsippschaft zugeschrieben, und einesteils bin ich noch jetzt der Meinung; gesteh ich Dir nun aber zugleich, dass sie um die nämliche Zeit auch die Agnesiana zu schlucken bekam, so sehe ich schon im Geist voraus, an was für neuen verzweifelten Hypotesen nun plötzlich Dein armer Kopf anrennen wird. Wie, wenn Madam sich mit ganz andern Gründen zum Zorne hinters allgemeine Zeter ihrer Schranzen versteckt hätte? Holla! das läuft dem guten Jungen heiss und kalt über die Leber! Auch will ich ein Rhinozeros von Propheten sein, wenn sich Dir nicht in diesem Augenblick die rührende Gestalt von der Ferne zeigt, den schwarzen Lokkenkopf in Trauer hingesenkt, weinend um Deine Liebe. Ein verführerisch Bild, fürwahr, dem schon Dein Herz entgegenzuckt, Doch halt, ich weise Dir ein anderes. – In dem sonnigen Gärtchen hinter des Vaters Haus betrachte mir das schlichte Kind, wie es ein fröhlich Liedchen summt, seine Veilchen, seine Myrten begiesst. Man sieht ihr an, sie hat den Strauss im Sinne, den ihr heimkehrender Verlobter bald unter tausend tausend Küssen zum Willkomm haben soll; jeden Tag, jede Stunde erwartet sie ihn – –
Was nun? wohin, Kamerade? Nicht wahr, ein bittrer Scheideweg! Hier wollt ich Dich haben! so weit muss ich's führen. Der Rückweg zu Constanzen – vielleicht er steht noch offen, ich zeig ihn Dir, nachdem Du ihn schon für immer verschlossen geglaubt. Du solltest freie Wahl haben; das war ich Dir schuldig. Inzwischen hast Du gelernt, es sei auch möglich, ohne eine Constanze zu leben, und damit mein ich, ist unendlich viel gewonnen.
Teobald! noch einmal: denke an den Garten! Neulich hat sie die Laube zurechtgeputzt, die Bank, wo der Liebste bei ihr sitzen soll. Wirst Du bald kommen? wirst Du nicht? – Wag es sie zu betrügen! Den hellen süssen Sommertag dieser schuldlosen Seele mit einem verzweifelten Streiche hinzustürzen in eine dumpfe Nacht, wehe! das wimmernde geschöpf! Tu's, und erlebe, dass ich in wenigen Monden, ein einsamer Wallfahrer, auf des Mädchens Grabhügel die kraftlose Posse, das Nichts unsrer Freundschaft, und die zerschlagene Hoffnung beweine dass mein elendes Leben, kurz eh ich's ende, doch wenigstens noch so viel nutz sein möchte, zwei gute Menschen glücklich zu machen."
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Wer war unglücklicher als der Maler? und wer hätte glücklicher sein können als er, wäre er sogleich fähig gewesen, seinem geist nur so viel Schwung zu geben, als nötig, um einigermassen sich über die Umstände, deren Forderungen ihm furchtbar über das Haupt hinauswuchsen, zu erheben und eine klare Übersicht seiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte er noch weit. In einer ihm selbst verwundersamen, traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langsam, bald hitzig einen einsamen Feldweg, und statt dass er, wie er einigemal versuchte, wenigstens die Punkte, worauf es ankam, hätte nach der Reihe durchdenken können, sah er sich, wie eigen! immer nur von einer monotonen, lächerlichen Melodie verfolgt, womit ihm irgendein Kobold zur höchsten Unzeit neckisch in den Ohren lag. Mochte er sich Gewalt antun so viel und wie er wollte, die ärmliche Leier kehrte immer wieder und schnurrte, vom Takte des Reitens unterstützt, unbarmherzig in ihm fort. Weder im Zusammenhange zu denken, noch lebhaft zu empfinden war ihm gegönnt; ein unerträglicher Zustand. "Um Gottes willen, was ist doch das?" rief er zähneknirschend, indem er seinem Pferde die Sporen heftig in die Seiten drückte, dass es schmerzhaft auffuhr und unaufhaltsam dahinsprengte. "Bin ich's denn noch? kann ich diesen Krampf nicht abschütteln, der mich so schnürt? Und was ist's denn weiter? wie, darf diese Entdeckung so ganz mich vernichten? was ist mir denn verloren, seit ich das alles weiss? genau besehen – nichts, gewonnen – nichts – ei ja doch, ein Mädchen, von dem mir jemand schreibt, sie sei ein wahres Gotteslamm, ein Sanspareil, ein Angelus!" Er lachte herzlich über sich selbst, er jauchzte hell auf und lachte über seine eignen Töne, die ganz ein andres Ich aus ihm herauszustossen schien.
Indem er noch so schwindelt und schwärmt, stellt sich statt jener musikalischen Spukerei eine andere Sucht